Beleuchteter Reichstag

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25.7.2012 | Von:
Anke Fiedler

Mit dem Rücken zur Mauer

Wie die Bundesrepublik unerwünschte DDR-Berichterstattung unterdrückte

Der Medienkrieg zwischen der DDR und der Bundesrepublik tobte in den Jahren nach dem Mauerbau besonders heftig. Im Kampf mit dem politischen Gegner schien dabei auch im Westen nahezu jedes Mittel recht, um die Berichterstattung des Nachbarstaates zu behindern.

Wenn in der Literatur vom "Kalten Krieg im Äther" zwischen Bundesrepublik und DDR die Rede ist, dann sind die Waffen in der Regel sehr unterschiedlich verteilt: Während der Westen das Geschehen angeblich in aller Ruhe aus der Ferne beobachten konnte – schließlich waren die Rundfunkprogramme der BRD schon frühzeitig in den meisten Winkeln des Nachbarstaates zu empfangen[1] –, musste die DDR schweres Geschütz auffahren. Ob Dauerbeschallung mit anti-westlichen Parolen in Presse und Funk[2], die Unterwanderung von westdeutschen Medienhäusern durch inoffizielle Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit[3], die Entführung westdeutscher Journalisten[4], der Einsatz von sogenannten "Geheimsendern"[5] oder die konspirative Zusammenarbeit zwischen "Westlinken" und ostdeutschen Medien[6] – nichts schien die DDR-Führung unversucht zu lassen, um die Bundesrepublik öffentlich zu diskreditieren, um an geheime Informationen zu gelangen oder um gar bewusst Falschmeldungen zu lancieren. Bei alldem wird in der Literatur allerdings meist übersehen, dass auch in der Bundesrepublik lange Zeit die Behinderung von DDR-Journalisten bei ihrer Arbeit sowie die gezielte Beeinflussung der Berichterstattung über den zweiten deutschen Staat auf der politischen Agenda standen.

Zeitungslektüre in der U-Bahn"Tagesspiegel", "Tägliche Rundschau" und "Neues Deutschland": Zeitungen aus Ost und West in der Berliner U-Bahn, um 1948 (© Bundesarchiv, Bild Bild 183-2005-0814-505; Foto: Walter Heilig)
Bundesdeutsche Politiker haben die Medienbotschaften aus der DDR als offizielle Statements der SED gedeutet und Journalisten als Repräsentanten der Ost-Berliner Führung wahrgenommen, da Presse, Funk und Fernsehen direkt aus dem Zentralkomitee angeleitet wurden.[7] Auch wenn die Lenkungsmechanismen des DDR-Mediensystems nicht bis ins Detail bekannt gewesen sind, so war dennoch klar, dass vor allem das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" (ND), die Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" und die Nachrichtenagentur ADN als Sprachrohr der Parteiführung dienten. Hinter jedem medialen Angriff auf Bonn oder West-Berlin konnte daher zweifelsfrei auf den Urheber geschlossen werden, der unter Umständen sogar der SED-Generalsekretär persönlich sein konnte[8]. Wenn also die Bundesrepublik die Medienarbeit der DDR störte, wollte sie damit in erster Linie auch der Politik Ost-Berlins schaden. Aus diesem Kontext erklärt sich, warum vor allem im zeitlichen Umfeld der Hallstein-Doktrin (1955–1969) und des Mauerbaus 1961 massiv in die DDR-Berichterstattung eingegriffen wurde, während nach Unterzeichnung des Grundlagenvertrags im Jahr 1972 auch das medienpolitische Interesse am anderen Staat zunehmend abflaute.

Der Wandel der deutsch-deutschen Beziehungen widerspiegelt sich auch im Aufbau dieses Beitrags: Nach einem kurzen Überblick über die Quellen geht es in zwei Kapiteln um die Eingriffe der Bonner Regierung und des West-Berliner Senats in die Medienarbeit der DDR in den 1960er-Jahren. Der darauffolgende Abschnitt richtet den Blick ins Ausland, wo sich die Bundesrepublik ebenfalls in die DDR-Berichterstattung anderer Staatsführungen einmischte. Das letzte Kapitel widmet sich dann der Zeit der deutsch-deutschen Entspannungspolitik in den 1970er- und 80er-Jahren, die positiv auf das Medienklima zwischen beiden Staaten ausstrahlte.

Quellen

Für diesen Beitrag wurden vor allem Akten ausgewertet, zum einen aus dem Bundesarchiv in Berlin und zum anderen aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Im Bundesarchiv wurden die Bestände der Abteilung Agitation im Zentralkomitee der SED, der Büros der drei Agitationssekretäre Albert Norden (1955–1967), Werner Lamberz (1967–1978) und Joachim Herrmann (1978–1989) sowie der Agitationskommission, des Presseamtes und des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) gesichtet.

Hinzu kamen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beim BStU – und zwar aus den Beständen der Hauptabteilungen (HA) II (Spionageabwehr), VII (Abwehr im Ministerium des Inneren und der Deutschen Volkspolizei), XVIII (Absicherung der Volkswirtschaft), XX (Staatsapparat, Kultur, Kirche, Untergrund) und XXII (Terrorabwehr). Ergänzt wurden diese durch Aktenbestände der Bereiche ZAIG (Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe), ZAGG (Zentrale Arbeitsgruppe Geheimnisschutz) sowie ZOS (Zentraler Operativstab), OTS (Operativ-Technische Sicherstellung), Bezirksverwaltung Berlin und SdM (Sekretariat des Ministers).

Als weitere Quellen wurden die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung aus den 1960er-Jahren genutzt. Außerdem wird in diesem Beitrag auf zwei Zeitzeugeninterviews verwiesen: mit Werner Micke, Redakteur und stellvertretender Chefredakteur bei der (Ost-)"Berliner Zeitung" (1964–1968),[9] und mit Markus Peichl, Gründer des Zeitgeist-Magazins "Tempo" und dessen Chefredakteur von 1985 bis 1990.


Fußnoten

1.
Vgl. u.a. Claudia Dittmar, Feindliches Fernsehen. Das DDR-Fernsehen und seine Strategien im Umgang mit dem westdeutschen Fernsehen, Bielefeld 2010; Christian Chmel, Die DDR-Berichterstattung bundesdeutscher Massenmedien und die Reaktionen der SED (1972–1989), Berlin 2009.
2.
Vgl. Klaus Arnold, Kalter Krieg im Äther. Der Deutschlandsender und die Westpropaganda der DDR, Münster 2002; Gunter Holzweißig, Die schärfste Waffe der Partei. Eine Mediengeschichte der DDR, Köln 2002.
3.
Vgl. Hubertus Knabe, Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien, Berlin 2003; Jochen Staadt u.a., Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West, Göttingen 2008.
4.
Vgl. Karl Wilhelm Fricke, Akten-Einsicht. Rekonstruktion einer politischen Verfolgung, 4. Aufl., Berlin 1997.
5.
Vgl. Jürgen Wilke, Radio im Geheimauftrag. Der Deutsche Freiheitssender 904 und der Deutsche Soldatensender 935 als Instrumente des Kalten Krieges, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.), Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR, Berlin 2004.
6.
Vgl. Änne Bäumer-Schleinkofer, Die Westlinke und die DDR. Journalismus, Rechtsprechung und der Einfluss der Stasi in der DDR und der BRD, Frankfurt a. M. 2005.
7.
Vgl. Michael Meyen/Anke Fiedler, "Totalitäre Vernichtung der politischen Öffentlichkeit"? Tageszeitungen und Kommunikationsstrukturen in der DDR, in: Stefan Zahlmann (Hg.), Wie im Westen, nur anders. Medien in der DDR, Berlin 2010, S. 35–59.
8.
Vgl. Anke Fiedler/Michael Meyen, Generalchefredakteure? Die Medienarbeit von Walter Ulbricht und Erich Honecker, http://www.bpb.de/54176/.
9.
Vgl. Werner Micke, Ich hatte ein ungeheures Privileg, in: Anke Fiedler/Michael Meyen (hg.), Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR, Berlin 2011, S. 127–138.

Die Bösebrücke an der Bornholmer Straße in Berlin, Ende 1961.
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