Beleuchteter Reichstag

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25.7.2012 | Von:
Udo Grashoff

Leuna im Streik?

Mythos und Realität einer Zeitungsmeldung vom Sommer 1962

Wurstrationierung und Leistungsdruck

Die Akten dokumentieren immer wieder, dass es die in dem "FAZ"-Artikel erwähnte Unzufriedenheit mit der Lebensmittelversorgung gab und dass sie im mitteldeutschen Industriegebiet um Halle (Saale) besonders stark war. Zugleich mühte sich die SED, die Arbeiter zu höheren Leistungen zu bewegen. Bauarbeiter in Leuna, die ein Bericht des FDGB-Bezirksvorstandes vom 30. August 1962 zitierte, brachten die damalige Konfliktlage auf die einfache Formel: "Erst mehr essen, dann können wir über höhere Leistungen diskutieren."[14]

Die so zitierten Arbeiter waren auf der Großbaustelle Leuna II eingesetzt, wo seit 1959 ein zweiter Werksteil errichtet wurde, der neben dem Petrolchemischen Kombinat Schwedt zum zweiten Standort der erdölverarbeitenden Industrie in der DDR werden sollte.

Baustelle Leuna IIBaustelle der Benzinspaltanlage im Werksabschnitt Leuna II, Dezember 1962 (© Bundesarchiv, Bild 183-A1219-0003-002; Foto: Schmidt)
Die Leuna-Werke, die seit 1951 den Namen "Walter Ulbricht" trugen, spielten eine zentrale Rolle im ehrgeizigen Chemieprogramm der DDR, das 1958 verkündet worden war. Die SED plante unter dem Motto "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" eine Verdopplung der ostdeutschen Chemieproduktion bis 1965. Mit der Propagandavokabel des "Produktionsaufgebotes" wollte die Partei erreichen, dass die Arbeitsproduktivität schneller wuchs als der Lohn. Es folgten Prozesse des Aushandelns und Taktierens, die in den Wochen nach dem Mauerbau noch zäher wurden als zuvor.[15]

Im Frühsommer 1962 traten spürbare Versorgungsmängel bei einigen Lebensmitteln auf. Am 6. Juni 1962 telegrafierte die SED-Bezirksleitung Halle an das Zentralkomitee der Partei: "In den Kreisen Bernburg, Leuna, Wittenberg, Eisleben u.a. kommt es bei verschiedenen Konsumgütern zu Angst- und Hamstereinkäufen, zum Beispiel bei Zucker, Bohnenkaffee und zum Teil Konserven." Auswirkungen auf die Stimmung in der Bevölkerung blieben nicht aus: "Es mehren sich die Fälle, wo Angehörige der Volkspolizei, der Transportpolizei sowie Partei- und Wirtschaftsfunktionäre von betrunkenen Bürgern beschimpft und verleumdet werden."[16]

Vielerorts litt die Verkaufskultur. Sicher nicht immer so drastisch wie bei folgendem Vorkommnis im Leuna-Werk: "Am 28. Mai 1962 kam es zu einem tumultartigen Vorfall. Ein Anstreicher der Firma Sachse, Leipzig, versuchte, die Verkäuferin der Kantine 866 über den Ladentisch zu ziehen, weil nichts zu essen da wäre. Einige von diesen Arbeitern äußerten, sie wollten die Arbeit niederlegen, wenn sie nicht sofort etwas zu essen bekämen."[17]

Verwaltung des Mangels

Am 17. Juni 1962 – das Datum war wohl kein Zufall – gab die SED in Halle und im Kreis Merseburg sogenannte Stammkundenausweise für Fleisch und Wurst aus. Diese Ausweise ordneten jeden Haushalt einer bestimmten Verkaufsstelle zu, wo man eine festgelegte Menge Fleisch und Wurst kaufen durfte.[18] Das war keine Rückkehr zu den 1958 abgeschafften Lebensmittelmarken, wurde dennoch von manchen als Bankrotterklärung gedeutet: "Dies 17 Jahre nach Abschluss des 2. Weltkrieges – das ist das Ende!", soll ein Einwohner aus Halle geäußert haben.[19] Andere übten sich in "konstruktiver Kritik" und machten Verbesserungsvorschläge, worüber der FDGB-Bezirksvorstand Halle am 11. September 1962 berichtete: "Gegenwärtig konzentrieren sich die Arbeitervorschläge zur Verbesserung des Handels und der Versorgung besonders auf eine bessere Verteilung der vorhandenen Lebensmittel wie Molkereiprodukte, Fleisch- und Wurstwaren, Eier, Obst und Gemüse sowie Fisch. Dabei ist der absolute Schwerpunkt die Versorgung mit Fleisch- und Wurstwaren."[20]

Dass die gerechtere Verteilung das Problem nicht grundsätzlich lösen konnte, zeigt eine am 26. Juli vom Rat des Bezirkes Halle erstellte Produktionsbilanz zur Entwicklung der Viehbestände. Danach war einfach insgesamt zu wenig Fleisch produziert worden: "Der […] Ausstoß an Schlachtschweinen liegt mit rund 30.000 Stück unter dem Jahresplan. […] Vom 1.1.1962 bis zum 30.6.1962 wurden Rückstände in Höhe von 8.669 Stück zum Volkswirtschaftsplan zugelassen."[21]

Zudem legt eine Stellungnahme der Abteilung Landwirtschaft des Rates des Bezirkes Halle den Schluss nahe, dass die Staatsmacht im Sommer 1962 eine Politik des kalkulierten Risikos betrieb. Am 25. August hieß es: "Es ist zu prüfen, inwieweit die Möglichkeit besteht, durch eine minimale Versorgung der Bevölkerung, wie in den Monaten Juli und August, die Schweinebestände bis zum Jahresende um ca. 80.000 bis 100.000 Stück zu erhöhen, um zu einem hohen Jahresanfangsbestand zu kommen und die Voraussetzung für die Erfüllung des Volkswirtschaftsplans 1963 zu schaffen."[22]

Die Mangelversorgung wurde also durch die Stammkundenbindung nicht beseitigt, nur besser verwaltet. Und so witzelten Leuna-Arbeiter ein Jahr nach dem Mauerbau: "Jetzt werden sie Schornsteine in die Mauer einbauen müssen, damit der Kohldampf abzieht."[23]

Weil die Unzufriedenheit anhielt, beschloss der Rat des Bezirkes Halle am 20. August 1962 ein Maßnahmenpaket, um letzte Schlupflöcher der Fleisch- und Wurstrationierung zu schließen. Die bislang außerhalb der Stammkundenbindung mögliche Abgabe von "Frühstücksportionen (bis 125 g) für die Mundverpflegung" sollte eingestellt, an die Stammkunden sollten Kontrollnummern ausgegeben werden. Weiter hieß es: "Besonders fleischintensive Aspikwaren wie Sülzkotelett, Schinkenröllchen, Schweinebauchröllchen und Lendchen sind ab sofort mit in die Stammkundenbindung einzubeziehen."[24]

Über die Ursache der Versorgungskrise bestand in weiten Teilen der Bevölkerung kaum ein Zweifel – schuld war vor allem die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Wie ein Informationsbericht der SED-Kreisleitung der Leuna-Werke vom 8. August einräumte, sahen das auch viele Parteimitglieder so: "In einer ganzen Reihe von SED-Grundorganisationen wird von Genossen und Kollegen darüber diskutiert, dass die schlechte Versorgungslage auf die Bildung der LPGs zurückzuführen ist, dass dieser Schritt viel zu früh getan wurde, und dass wir nicht genügend den Genossenschaftsbauern auf die Finger geschaut haben."[25]

Sinkende Arbeitsproduktivität

Das häufige Schlangestehen – nicht selten während der Arbeitszeit – schuf ausgesprochen ungünstige Rahmenbedingungen für das Ziel des "Produktionsaufgebotes", die Arbeitsproduktivität zu steigern. So musste der FDGB-Bundesvorstand am 5. Juli 1962 konstatieren, dass insbesondere im Bezirk Halle "Kolleginnen lange Zeit benötigten, um in der Betriebsverkaufsstelle Einkäufe zu tätigen, oder 2 bzw. 3 Stunden verspätet zur Arbeit kamen. Auswirkung war Störung im Produktionsablauf und sinkende Arbeitsproduktivität."[26] Die SED-Kreisleitung der Leuna-Werke stellte am 11. Juli fest: "Es gibt verstärkt Anzeichen dafür, dass in den Betrieben die ungenügenden Ausnutzung der Arbeitszeit zunimmt", machte jedoch nicht die Einkäufe, sondern einen weit verbreiteten Unwillen, auf verlängerte Pausen und auf einen früheren Feierabend zu verzichten, dafür verantwortlich: "Eine Reihe der Kollegen, die ihre Arbeitszeit nicht voll ausnutzen, sehen die weitere Steigerung der Arbeitsproduktivität ausschließlich in der Erhöhung ihrer Arbeitsintensität."[27]

Einen Eindruck von der Praxis der Arbeitszeitnutzung gibt ein Kontrollbericht aus dem Hydrierungsbetrieb im Bau 823 des Leuna-Werkes: "Bei durchgeführten Kontrollen sah das so aus, dass 5–10 Min[uten] später angefangen wurde früh, dass die Frühstückspause um 8–10 Min. früher begonnen und um die gleiche Zeit länger durchgeführt wurde, dass man 10–15 Min. vor Beginn der Mittagspause sich die Plätze im Speisesaal sichert, und wenn die Pause herum war, natürlich auch nicht gleich den Mut und die Lust hatte, die Arbeit wieder aufzunehmen, und 20 Min. vor Feierabend wurde natürlich Schluss gemacht. […] Wir haben uns sagen lassen, dass das nicht nur im Bau 823 so war, sondern dass es in anderen Betrieben noch heute so ist."[28]

Angesichts solcher Verhältnisse fragte ein westdeutscher "Freund", der Anfang September 1962 das Leuna-Werk besuchte, leicht entsetzt: "Wie wollt Ihr Westdeutschland ökonomisch überholen, wenn bei Euch die tägliche Arbeitszeit nicht eingehalten wird oder in Spitzenmonaten ein Krankenstand bis zu 13 Prozent vorhanden ist?"[29]


Fußnoten

14.
BArch, DY 34/26537, n. pag.
15.
Vgl. Albrecht Wiesener, Taktieren und Aushandeln – Erziehen und Ausgrenzen. Zum Verhältnis von Mikropolitik und Produktionskampagnen in den Leuna-Werken 1958–1963, in: Hermann-Josef Rupieper u.a. (Hg.), Die mitteldeutsche Chemieindustrie und ihre Arbeiter im 20. Jahrhundert, Halle 2005, S. 237–258.
16.
BArch, DY 30/IV 2/5/769, Bl. 87.
17.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 47f.
18.
Vgl. BArch, DY 34/26548, n. pag.
19.
Vgl. BArch, DY 34/26548, n. pag.
20.
Vgl. BArch, DY 34/26537, n. pag.
21.
BArch, DY 30/IV 2/5/3124, Bl. 91.
22.
BArch, DY 30/IV 2/5/3124, Bl. 189.
23.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 476.
24.
BArch, DY 30/IV 2/5/3124, Bl. 107f.
25.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 294.
26.
BArch, DY 38/1137, Bl. 137.
27.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 180.
28.
BArch, DY 30/IV 2/5/3246, Bl. 132.
29.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 545.

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