Beleuchteter Reichstag

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25.7.2012 | Von:
Udo Grashoff

Leuna im Streik?

Mythos und Realität einer Zeitungsmeldung vom Sommer 1962

Falschmeldung mit Realitätsgehalt

Die umfangreichen Aktenrecherchen lassen, trotz der nicht ganz lückenlosen Überlieferung, nur eine Schlussfolgerung zu: Den vermeintlichen Streik am 2. und 3. August 1962 im Leuna-Werk hat es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Die noch vorhandenen diesbezüglichen Einträge in den Chroniken der DDR-Geschichte sollten gelöscht werden. Alle Indizien sprechen dafür, dass es sich um eine Zeitungs-"Ente" handelte. Wie diese in die seriöse "Frankfurter Allgemeine" kam, muss offen bleiben. Die "FAZ" schrieb über ihre Quelle: "Reisenden aus der Bundesrepublik, die zu dieser Zeit in der Zone waren, ist von Angehörigen des Leuna-Werkes über die Vorgänge in Merseburg zuverlässig berichtet worden. Die Informanten bürgen für die Glaubwürdigkeit ihrer Angaben." Denkbar ist, dass die Reisenden eine Kampfgruppenübung aus der Ferne beobachtet und fehlgedeutet haben.

Die ausgesprochen dick aufgetragene Geschichte von der Niederschlagung des Streiks durch sowjetisches Militär und bewaffnete Volksarmisten macht es jedoch wahrscheinlicher, dass die Meldung bewusst produziert wurde. Hat man die Meldung in der Hoffnung lanciert, Streiks in der DDR auszulösen? Handelte es sich um die Fata Morgana eines zweiten 17. Juni, der Phantasie "kalter Krieger" in der Bundesrepublik entsprungen? Hat die "FAZ"-Redaktion den Bericht bereitwillig aufgegriffen, um dem sowjetischen Prestigeobjekt, dem Weltraumflug von Wostok II und IV, mit dem die Sowjets ihren technischen Vorsprung gegenüber den USA demonstrieren wollten, etwas entgegenzusetzen an jenem ersten Jahrestag des Mauerbaus?

Wie dem auch sei, die Meldung war Propaganda, aber – wie jede gute Propaganda – voller realistischer Komponenten: Im Sommer 1962 fehlte im Leuna-Werk nicht viel und es wäre tatsächlich zu Streiks oder größeren Protesten gekommen. Die Auseinandersetzungen um die Arbeitsproduktivität, die im Rahmen des "Produktionsaufgebotes" schneller steigen sollte als der Lohn, fanden tatsächlich statt. Auch die im Artikel der "FAZ" angedeuteten massiven Versorgungsengpässe hat es wirklich gegeben. Dementsprechend groß war, insbesondere im mitteldeutschen Industriegebiet, die Unzufriedenheit, bis in die SED hinein. Der Staatsmacht gelang es nur mit Müh' und Not, die Mangelversorgung mit Fleisch und Wurst zu mildern und damit die wichtigste Ursache des Unmuts in der Bevölkerung zu beseitigen.

Und in gewisser Weise hat es sogar den "Streik" gegeben, nur eben nicht als einmalige und kämpferische Aktion, sondern als partielle Leistungsverweigerung.[30] Passive Resistenz hatte in den Leuna-Werken übrigens schon eine längere Tradition. Im Februar 1921 erzwangen hier Arbeiter durch demonstratives Nichtstun unter der Devise "LEUNA ist gleich Lohn Empfangen Und Nicht Arbeiten" die 48-Stunden-Woche.[31] Ein solches konkretes Ziel hatten die Leuna-Arbeiter 1962 in der eingemauerten DDR ebensowenig wie die Hoffnung, dass eine Streikaktion Erfolg haben könnte.

Fußnoten

30.
Vgl. dazu allg. Peter Hübner, Von unten gesehen: Krisenwahrnehmung durch Arbeiter, in: Jochen Černý (Hg.), Brüche, Krisen, Wendepunkte. Neubefragung von DDR-Geschichte, Leipzig u.a. 1990, S. 254–265, insb. 254–257.
31.
Vgl. Ralf Schade, Vor 90 Jahren: Märzkämpfe 1921 in Leuna, in: Leunaer Stadtanzeiger, 30.3.2011, S. 9–11.

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