Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Konstantin Ulmer

Ein Loch im literarischen Schutzwall

Die Publikationskontroverse um die Luchterhand-Ausgabe
von Anna Seghers' "Das siebte Kreuz"

III

Als die abstrakte Debatte um Seghers auf der Frankfurter Buchmesse Ende September 1962 dann aber in ihrer Materialisierung greifbar wurde, sorgte die Luchterhand-Ausgabe des "Siebten Kreuzes" wie auch die bei Kindler erschienene Autobiografie von Ilja Ehrenburg noch einmal für ein Aufflackern der Auseinandersetzungen, wobei der Akzent jetzt noch eindeutiger darauf lag, den Umgang mit Autoren aus den Ostblockländern im Allgemeinen zu verhandeln. Wolfdietrich Schnurre schrieb für den West-Berliner "Tagesspiegel" am 28. September 1962, wie im redaktionellen Vorwort zu lesen war, eine "Philippika […] gegen den Umgang mit Ulbrichts Dichtern".[17] Anna Seghers diente dem Verfasser als exemplarischer Fall, von dem aus Schnurre seine Kritik an den Bestrebungen westdeutscher Verleger, Literatur aus der DDR in der Bundesrepublik zu veröffentlichen, generalisierte. Schließlich hätten Ulbricht und seine Literaturfunktionäre, so das Gründungsmitglied der Gruppe 47, "längst auch den Geist korrumpiert. Wer das nicht wahrhaben will und noch immer der unhaltbaren These anhängt, was sich heute in Leipzig Literatur nenne, sei auch in Frankfurt Literatur, der muß den Vorwurf hinnehmen, das Wesen echter Literatur nicht erkannt zu haben."[18]

Diese Antithese zur einen deutschen Kulturnation über die Staatsgrenzen hinweg implizierte ein wesentliches Moment der Argumentation gegen den literarischen Austausch aus Sicht einiger westdeutscher Künstler, Publizisten und Buchhändler: Sie lehnten die Veröffentlichung von Büchern ostdeutscher Autoren in der Bundesrepublik aus literarischen wie politischen Gründen ab, weil sie die Lizenzausgaben der Bücher von DDR-Schriftstellerinnen und -Schriftstellern als Anerkennung des Ulbricht-Regimes und dessen politisch-funktionaler Literaturdoktrin interpretierten. Aus westdeutscher Sicht, so versuchte Schnurre zu erläutern, griffen in diesem Kontext auch künstlerische Gründe, weil die von "Funktionären und gleichgeschalteten Autoren" gemachten Werke schlichtweg keine Literatur seien[19]

Eine öffentliche Replik seitens der Verlagsleitung auf diesen erneuten Angriff gab es nicht. Dass die "Philippika" aber sehr wohl wahrgenommen und diskutiert wurde, beweisen Dokumente der internen Kommunikation. So trat Reifferscheid anscheinend an Hans Magnus Enzensberger mit dem Vorschlag heran, eine Entgegnung zu verfassen, zudem versuchte sich ein Verlagsmitarbeiter an einem vierseitigen Briefentwurf, der an Schnurre gerichtet war.[20] Ob dieser in einer überarbeiteten Version dann tatsächlich abgeschickt wurde, ist mittels des Luchterhand-Verlagsarchivs, dessen Aktenbestände vor allem im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, zum Teil aber auch im Unternehmensarchiv der Bertelsmann AG liegen, allerdings nicht zweifelsfrei festzustellen. Post bekam auf jeden Fall die Münchner "Abendzeitung", sogar vom Verleger persönlich, weil in keinem anderen Artikel "der Vorwurf des absoluten und rücksichtslosen Gewinnstrebens so massiv erhoben" worden sei.[21] Schnurre hatte dort nämlich einen ähnlichen, teilweise identischen Beitrag wie im "Tagesspiegel" publiziert, in dem er dem Luchterhand Verlag vorgeworfen hatte, auf Kosten von Demokratie und Humanität ein "Geschäft über die minenverseuchte Zonengrenze, über die blutbefleckte Mauer hinweg" mit den "Staatsorganen der Zone" machen zu wollen.[22] Dass Reifferscheid diesen Vorwurf als "besonders kränkend"[23] empfand, ist Indiz für die problematische Position des Verlags an der Schnittstelle von Kultur und Wirtschaft – während der Verlag aus betriebswirtschaftlichen Gründen darauf angewiesen ist, das, im Bourdieuschen Vokabular, symbolische Kapital in wirtschaftliches zu konvertieren, wird eben diese finanzielle Motivation nach den feldinternen Spielregeln desavouiert. Interessant ist die Reaktion des Verlegers auch als Indiz für die wechselseitige finanzielle Abhängigkeit von Literaturkritik und Verlagen, weil sie die Möglichkeiten der Einflussnahme andeutet: Reifferscheid kündigte an, seine Absicht aufzugeben, "zweimal größere Anzeigen werbend für das schöngeistige und geisteswissenschaftliche Programm 1962" in der "Abendzeitung" zu schalten, um "nicht Gefahr [zu] laufen, daß Sie eine Anzeige des Romans im Anzeigenteil ablehnen."[24]

IV

15 Jahre später, als Seghers längst Stammautorin des Luchterhand Verlags war und mit einer Werkausgabe bedacht werden sollte, wurde die Debatte übrigens noch einmal aufgewärmt, wenn auch nicht mehr mit den gleichen öffentlichen Schlagzeilen, sondern eher intern. Für einen Materialienband über Anna Seghers, der die literaturwissenschaftliche Akzeptanz der viel gelesenen, aber nach wie vor umstrittenen Autorin fördern sollte, analysierte Valentin Merkelbach die Kontroverse aus dem Jahr 1962 und fragte bei den Beteiligten um die Genehmigung eines Abdrucks ihrer Statements von damals an. Während Marcel Reich-Ranicki einverstanden war, erhob Wolfdietrich Schnurre Einspruch gegen einen Wiederabdruck, weil er mit den Jahren seine Meinung geändert hatte und der Beitrag rechtlich sein Eigentum geblieben war.

Peter Jokostra bot man diese Möglichkeit zum Widerspruch erst gar nicht, weil dessen Stellungnahme gegen die Seghers-Publikation explizit als Offener Brief gekennzeichnet war und die Rechtsabteilung für den Abdruck grünes Licht gegeben hatte. Darüber beschwerte sich der Autor bei Peter Härtling, einem Mitglied des 1976 bei Luchterhand installierten Autorenbeirats, der seine Antwort an den verhinderten Privatzensor auch an den Verlag weiterleitete. Den "klagend-wütende[n] Brief", den Jokostra ihm geschickt hatte, bezeichnete Härtling darin als "Lehrstück über unsern Umgang mit Geschichte. Man lebt, denkt weiter, man revidiert sich, nur das, was man schrieb, ist, wollte man's auch, nicht zu revidieren."[25]

Fußnoten

17.
Wolfdietrich Schnurre, Soll man in Westdeutschland Zonenautoren verlegen, in: Der Tagesspiegel, 28.9.1962.
18.
Ebd.
19.
Ebd.
20.
Vgl. DLA Marbach, H: Luchterhand, Mediendokumentation Anna Seghers: "Das siebte Kreuz".
21.
Reifferscheid an Schramm (Anzeigenwerbeabt.), 12.10.1962, Unternehmensarchiv Bertelsmann AG, 0311/243 (1).
22.
Wolfdietrich Schnurre, Eine Story die Ulbricht gefällt, in: Abendzeitung, 27.9.1962.
23.
Reifferscheid an Schramm (Anm. 21).
24.
Ebd.
25.
Härtling an Jokostra, 9.7.1980, Unternehmensarchiv Bertelsmann AG, 0311/118 (1).

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