Beleuchteter Reichstag
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20.9.2012 | Von:
Jan König

Zwischen Ost und West

Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen"

Ab Mitte der 1960er-Jahre galt Stefan Heym in der DDR als Dissident. Mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker schien sich das Verhältnis zwischen dem Literaten und der Staatsmacht zu entspannen. Die Publikationsgeschichte seiner "Erzählungen" zeigt aber, dass Stefan Heym immer eine Sonderrolle inne hatte.
Stefan Heym nahm im Literaturbetrieb der DDR eine Sonderrolle ein. Seine Schriften wurden in der Bundesrepublik veröffentlicht, meist noch vor der Publikation in der DDR. Gleichzeitig thematisierte Heym diese Teilung kritisch in seinen Werken, womit man ihn als literarischen Grenzgänger zwischen Ost und West bezeichnen kann. Die Problematik dieser Sonderrolle soll hier anhand des Druckgenehmigungsverfahrens zu Heyms Band "Erzählungen", der 1976 im LDPD-Verlag Der Morgen erschien, dargestellt werden.

I

War Heym für seinen Antikriegsroman "Kreuzfahrer von heute" Anfang der Fünfzigerjahre noch gefeiert worden, schränkte ihn das sozialistische Regime wegen seiner kritischen Äußerungen immer mehr ein. Nach dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees im Dezember 1965 war dem Schriftsteller in der DDR praktisch ein Druckverbot auferlegt worden. Als der Cheflektor des Buchverlags Der Morgen, Heinfried Henniger, 1970 erstmals Kontakt zu Stefan Heym aufnahm, war dieser im öffentlichen Kulturbetrieb der DDR nicht mehr präsent. Erst mit dem politischen Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker und einer damit einhergehenden Neubewertung "problematischer" Schriftsteller, konnten drei seiner bislang verbotenen Romane – "Lassalle" (1968), "Schmähschrift oder Königin gegen Defoe. Erzählt nach den Aufzeichnungen eines gewissen Josiah Creech" (1970) und "Der König David Bericht" (1972) – erscheinen. Heym gehörte damit zu den Schriftstellern der DDR, "die am meisten von dieser neuen positiven Einstellung profitierten."[1]

Stefan Heym signiert seinen Roman "Fünf Tage im Juni"Stefan Heym signiert seinen Roman "Fünf Tage im Juni", undatierte Aufnahme (© Archiv Buchverlag Der Morgen)
Trotz der – vorübergehenden – Liberalisierung in der DDR behielt Heym seinen Sonderstatus bei und stand weiterhin unter der kritischen Beobachtung der Staatsmacht. In einer Beurteilung Heyms im Mai 1973 durch den SED-Chefideologen und obersten Kulturpolitiker der DDR Kurt Hager heißt es: "Besonders muss darauf geachtet werden, dass alle Institutionen, mit denen sich Stefan Heym in Verbindung setzt, ihre Absprachen bei gegenseitiger Information bzw. Konsultation treffen, da er die Neigung hat, verschiedene kulturpolitische Institutionen gegeneinander auszuspielen. Die Notwendigkeit eines einheitlichen Vorgehens besteht bei allen solchen Problemen; hier müsste sich unsere Zusammenarbeit noch verbessern."[2]

Die staatlichen Einrichtungen sollten Heym als geschlossene Einheit gegenüberstehen und sich gegenseitig über seine Aktivitäten informieren. Das galt insbesondere für die Buchprojekte. Von den drei freigegebenen Romanen durfte der Buchverlag Der Morgen den "König David Bericht" 1973 publizieren.
Druckgenehmigungsantrag für Stefan Heyms "Erzählungen"Antrag auf Druckgenehmigung für Stefan Heyms "Erzählungen" (© Bundesarchiv, DR 1/2320, Bl. 36)
Der Verlag zeigte starkes Interesse für eine weitere Zusammenarbeit mit dem renommierten Autor. Im Frühjahr 1974 kam die Idee auf, einen Band mit Erzählungen zu veröffentlichen. Das Buch sollte gedruckte und ungedruckte Prosa aus Heyms Feder enthalten. Im November 1974 hatte der Verlagsleiter des Morgen, Wolfgang Tenzler, die erste Unterredung in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, um über den geplanten Erzählband zu berichten. Zwei Monate später reichte der Verlag den Druckgenehmigungsantrag mit 13 Erzählungen bei der HV ein.

Weil die Zensorin Marion Fuckas das Außengutachten von Eckhardt Krumbholz als "ziemlich oberflächlich, und die 'Lesart' der Erzählungen doch zu 'wohlwollend'"[3] empfand, fertigte sie Mitte Februar eine eigene Bewertung an. In Einzelkritiken urteilte sie über Heyms Prosa und stellte schließlich bei allen 13 Geschichten politische oder literarisch-qualitative "Schwächen" fest. Trotzdem tat sich die Zensorin schwer, das Buch komplett zu verbieten: "Es ist eine schwere Entscheidung, zum ersten Buch Heyms, das wieder original [sic!] in der DDR editiert werden soll, Nein zu sagen", schrieb sie an ihren Vorgesetzten.

Anders sah es der Leiter der Abteilung Belletristik, Kunst- und Musikliteratur im Ministerium der Kultur, Gerhard Dahne. Er machte gegenüber seinem Vorgesetzten, dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke, eine eigene Rechnung auf:

"13 Erzählungen liegen vor
2 davon sind bereits bei uns erschienen
3 gehen inhaltlich nicht
2 sind künstlerisch sehr schwach
2 müssen noch bearbeitet werden,
also was soll es? Diese Anthologie hat keine Berechtigung."[4]

Brief Gerhard Dahnes an Klaus Höpcke zu Stefan Heyms "Erzählungen"Brief Gerhard Dahnes an Klaus Höpcke zu Stefan Heyms "Erzählungen" (© Bundesarchiv, DR 1/2320, Bl. 76)
Dahne schickte die Einzelkritiken der Zensorin gleich mit. Zwei Geschichten störten Fuckas besonders. Einmal die Erzählung "Die Gleichgültige"; sie spielt in Ungarn 1949 in einer Hochphase des Stalinismus. Die Zensorin sah keinen Nutzen darin, "diese Periode der Parteigeschichte, die von [Alexander] Scholzenizin [sic!] und anderen, weidlich ausgeschlachtet wird, hier und heute darzustellen"[5], schrieb sie in ihrer Begutachtung.

Die zweite Erzählung, die kritisch beurteilt wurde, war die Geschichte "Mein Richard", die hier inhaltlich kurz skizziert werden soll. Die Erzählung ist aus der Sicht der Mutter Zunk geschrieben, "eine alte Genossin und selbst Witwe eines alten Genossen"[6]: "Montag war DFD-Versammlung; Dienstag Gewerkschaftsleitung, Diskussion des Betriebskollektivvertrages; Mittwoch war Deutsch-Sowjetische Freundschaft, ein Film über die Baumwollernte in der Usbekischen Sowjetrepublik wurde gezeigt, und eine von unsern Frauen hat von ihrer Moskaureise erzählt …", schildert Frau Zunk einem Polizisten ihren Wochenablauf. Die alltägliche Routine wird mit der Verhaftung ihres Sohnes und des Nachbarjungen jäh durchbrochen. Die Mutter wird von der Polizei verhört, aber weder sie noch der Leser erfahren, warum die Kinder festgesetzt worden sind. Erst als Frau Zunk wieder nach Hause gebracht wird – sie wohnt direkt an der Berliner Mauer – und sie die Grenzpolizisten im und um das Haus sieht, vermutet sie, dass es sich um versuchte Republikflucht handeln könnte. Aber die Polizisten schweigen weiterhin. Auch der Rechtsanwalt Dr. Kahn, eine Anspielung auf den DDR-Juristen Friedrich Karl Kaul, darf mit ihr nicht über den Fall sprechen. Als sie beim Besuch im Gefängnis ihren Sohn nach dem Grund der Inhaftierung fragt, geht ein Wärter energisch dazwischen. Eine Wand aus Schweigen umgibt die Genossin. Bis zum Prozess hat Frau Zunk mit psychischen Problemen zu kämpfen, Angstzustände, Stumpfheit plagen die Mutter. Sie ist von ihrer Arbeit suspendiert worden und kämpft mit der Ungewissheit, bis die Verhandlung sie in die Wirklichkeit zurückholt: "Der Staatanwalt las von unserer Jungend, die in ihrer überwältigenden Mehrheit den Zielen und Errungenschaften den Sozialismus gegenüber eine positive Haltung einnahm und die nichts sehnlicher wünscht, als noch größere Errungenschaften erreichen zu helfen. Dann las er von dem antifaschistischen Schutzwall als einem Bollwerk im Kampf gegen den Imperialismus, und wie unsere Jugend in ihrer überwältigenden Mehrheit durch Wort und Tat bewies, dass sie dessen Wichtigkeit durchaus verstand und zu schätzen wusste – nicht so die beiden Angeklagten. Er verlas eine Vielzahl von Daten, vierzehn insgesamt, an denen die Angeklagten in voller Kenntnis der Strafbarkeit ihrer Handlungen besagten antifaschistischen Schutzwall in beiden Richtungen überquerten, immer an der gleichen Stelle, nämlich hinter der zu dem beiderseitigen elterlichen Wohnhaus gehörigen Garage, wobei sie den Posten, die diesen Abschnitt des Schutzwalls zu bewachen hatten, und den technischen Einrichtungen, durch welche die Posten alarmiert werden sollten, mit List aus dem Wege gingen und derart Paragraph So-und-so und So-und-so des Strafgesetzbuches der Republik absichtlich verletzten; sie seien sogar so weit gegangen, Vertretern der kapitalistischen Westpresse gegenüber sich ihrer Taten zu rühmen, wodurch sie die Gesetze und Einrichtungen unserer Republik der Lächerlichkeit preisgaben und Wasser auf die Mühlen der imperialistischen Propaganda gossen, wie aus Beweisstück A der Staatsanwaltschaft ersichtlich."[7]

Der Nachbar und Frau Zunks Sohn hatten 14-mal die Berliner Mauer in beiden Richtungen überwunden. Beweisstück A ist der Artikel einer westdeutschen Zeitung über die Besuche der beiden Jugendlichen in West-Berlin. Es ist letztlich das einzige Beweisstück in der gesamten Gerichtsverhandlung. In den Zeugenstand gerufen, erzählen die Jungen von den Kinobesuchen, der Currywurst und der Cola. Frau Zunk muss mit ansehen, wie sich die Jugendlichen selbst belasten. Schließlich das Urteil: Der 18-jährige Richard Edelweiß wird in die Armee einberufen, Richard Zunk muss in den Jugendwerkhof. Seine Mutter bleibt fassungslos zurück. Die Pointe der Geschichte hat sich Stefan Heym bis zum Schluss aufbewahrt. Nach der Verhandlung treffen sich der Staatsanwalt und Verteidiger Kahn zu einem kleinen Schwätzchen:

"'Wenn ich Sie gewesen wäre, Genosse Staatsanwalt, ich hätte einen Orden für die beiden Jungen beantragt.'
'Wieso das?' fragte der Staatsanwalt.
'Weil sie vierzehnmal hintereinander ihre absolute Treue zu unserer Republik unter Beweis gestellt haben.'"[8]

Dies bildet den ironischen Abschluss dieser skurrilen Erzählung. Heym gibt der Geschichte durch die Aussage Kahns eine neue Perspektive, nicht die Flucht in den Westen, sondern die Heimkehr aus dem kapitalistischen Ausland sei der eigentliche Skandal. Demnach hätten die Jungen eher Lob als Tadel verdient. Neben den Mauerspringern steht nun die Mutter Zunk, die von allen Seiten zu hören bekommt, dass sie in ihrer Erziehung versagt habe und ihrer Verantwortung als Genossin nicht nachgekommen sei.

Auch die Zensorin Fuckas stellt die Mutter in den Mittelpunkt ihrer Beurteilung, so schreibt sie: "Die Erzählung berührt Probleme, die sich aus der besonderen Lage der DDR ergeben, und darüber hinaus Fragen wie: was wissen Eltern von ihren Kindern, wie vereinbaren sich aktive gesellschaftliche Arbeit mit der Verantwortung für die Erziehung der Kinder, wie werden besonders alleinstehende Mütter damit fertig etc. Leider kommt es Heym offenbar weniger darauf an, anhand der aufgegriffenen 'unerhörten' Begebenheit, gesellschaftliche Widersprüche auszuloten, als Erscheinungen des gesellschaftlichen Überbaus zu kritisieren (…) Auf unangenehm wirkende ironische Art wird die Arbeit der Ermittlungs- und Justizorgane abqualifiziert; Stimmungen der Angst und Hoffnungslosigkeit dominieren (…) Heym ist auf Vorschläge des Verlages, die Geschichte zu überarbeiten, nicht eingegangen. So kann sie nicht akzeptiert werden."[9]

II

Heym weigerte sich, die Erzählungen zu ändern, und so fielen beide aus dem Band heraus. In anderen Geschichten mussten die Bezüge zu Sowjetchef Leonid Breschnew und anderen Politikern gestrichen werden. Trotzdem ließ eine Druckgenehmigung weiter auf sich warten, was die Verantwortlichen im Verlag beunruhigte. Henniger und Heym spekulierten darüber, ob die Entscheidung zur Druckgenehmigung nicht in der HV Verlage, sondern im Politbüro des SED-Zentralkomitees falle. Mit der Vermutung lagen beide durchaus richtig. Eine Druckgenehmigung für den Band, datiert auf den 31. März 1975, war schon erstellt, als Gerhard Dahne am selben Tag Klaus Höpcke über die Aussetzung der Genehmigung informierte. Nun zog sich das Zensurspiel noch zwei weitere Monate hin. Höpcke schrieb dem Minister für Kultur, Hans-Joachim Hoffmann, dieser wandte sich am 9. April in einem vierseitigen Brief an Kurt Hager, um ihn über das Druckvorhaben zu unterrichten. Es folgte die Absprache mit dem Politbüro. Am 30. Mai schließlich wurde mit zweimonatiger Verspätung die Druckgenehmigung ausgestellt.

Die "Erzählungen" wurden gedruckt, und der Vorgang ruhte bis Ende Oktober 1975. Dann entdeckte während der Frankfurter Buchmesse ein aufmerksamer Mitarbeiter der Hauptverwaltung die Kurzgeschichte "Das Wachsmuth-Syndrom" in einem Buch des Claasen-Verlags. Die Erzählung war zuvor im "Playboy" und in der "Berliner Handpresse" veröffentlicht worden und hatte für Heyms Prosaband die DDR-Zensur passiert. In der Erzählung wandeln sich männliche Hormone in weibliche, was zu Geschlechtsumwandlungen führt. Doch waren es weniger die sexuellen Schilderungen als die Anspielungen auf führende Politiker der KPdSU, die die HV Verlage und Buchhandel gestrichen haben wollte.

Nach Erscheinen des Textes in der Bundesrepublik war in der HV die Sorge groß, der Zensur überführt zu werden. Man wollte verhindern, "dem Klassengegner (…) Stoff für weitere Angriffe gegen unsere Kulturpolitik zu liefern"[10]. Zudem hatte auch der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin Pjotr Abrassimow Wind von der Verunglimpfung des höchsten Parteigenossen gekriegt.[11] Jetzt wurde auch das SED-Zentralkomitee eingeschaltet. In einem Gespräch mit Dahne Ende November 1975 befürwortete die Funktionärin Lucie Pflug die Streichung der Geschichte, hatte aber noch andere Neuigkeiten, wie Dahne handschriftlich notierte: "Genossin Pflug machte weiterhin darauf aufmerksam, daß in dem Band 'Schatten und Licht' eine Erzählung enthalten gewesen wäre, die den energischen Protest des Physikers Pose hervorgerufen habe. Dieser hatte unter der Bedingung von einer Klage Abstand genommen, daß diese Geschichte nicht mehr nachgedruckt wird. Genossin Pflug fragte, ob 'Mein verrückter Bruder' mit dieser Erzählung identisch sei. Ich versprach, dies nachprüfen zu lassen."[12]

Der Band "Schatten und Licht" war 1960 im Leipziger List Verlag erschienen und trug den Untertitel "Geschichten aus einem geteilten Land". Die Erzählung "Mein verrückter Bruder" hatte heftigen Protest bei Heinz Pose ausgelöst, einem Professor an der Technischen Universität Dresden. Heyms Erzählung fiktionalisiert Poses Leben. Der Physiker hatte als NSDAP-Mitglied im "Dritten Reich" Karriere gemacht und nach Kriegsende die Leitung eines sowjetischen Atombombenprogramms übernommen. Zurück in der DDR versuchte der amerikanische Geheimdienst, Pose mit Hilfe seines Bruders zum Überlaufen zu bewegen, was aber scheiterte. Heym erzählt die Geschichte aus der Sicht des Bruders, der den Atomphysiker auf seinen Stationen begleitet. Während der Physiker in den beiden Diktaturen Karriere macht, muss der Bruder die niedrigsten Arbeiten verrichten. Schließlich wird er wegen des Abwerbeversuchs verhaftet.

Nun mussten auch "Das Wachsmuth-Syndrom" und "Mein verrückter Bruder" aus dem Band der "Erzählungen" gestrichen werden. Doch für die Herausnahmen der beiden Geschichten war es eigentlich zu spät. Die Bücher waren gedruckt, gebunden und standen für Ende November 1975 zur Auslieferung bereit. Zudem war das Buch während eines Literaturgesprächs mit Heym angekündigt worden. Dennoch blieb der Protest des Verlages wirkungslos und die Bücher mussten makuliert werden. Der Buchverlag wollte "bei Anfragen [v]orerst erklären, daß sich das Erscheinen aus technischen Gründen verzögere."[13] Immerhin musste Der Morgen nicht gänzlich auf die Herausgabe des Bandes verzichten. Für 1976 wurden von der Hauptverwaltung zusätzlich 3,5 Tonnen Papier für einen Neudruck bereitgestellt. Am 11. Dezember 1975 beantragte der Buchverlag Der Morgen erneut den Druck des Buches in einer Auflage von 15.000 Exemplaren. Die Druckgenehmigung wurde noch am gleichen Tag erteilt.
Cover von Stefan Heyms "Erzählungen"Stefan Heyms "Erzählungen"; Einbandgestaltung: Lothar Reher (© Buchverlag Der Morgen)
Von den ursprünglich 13 Erzählungen verblieben nur noch neun in dem Band, fast ein Drittel wurde gestrichen.

III

Stefan Heym konfrontierte das DDR-Regime mit seinen kritischen Texten zur Zeitgeschichte, die künstlerisch verarbeitet konkrete Problematiken aufgriffen, wie am Beispiel der Erzählung "Mein Richard" gezeigt wurde. Das Genehmigungsverfahren des Bandes "Erzählungen" zeigt zwei Zensurschritte: Zunächst erfolgte mit der Streichung von "Die Gleichgültige" und "Mein Richard" sowie der Änderung weiterer Beiträge eine politisch-inhaltliche Zensur des Bandes. Im zweiten Schritt wurden die Geschichten "Das Wachsmuth-Syndrom" und "Mein verrückter Bruder" aus dem Band genommen. Die Gründe waren hierbei textexterner Art. Mit der Streichung der Pose-Erzählung wollte die Zensurbehörde eine Klage verhindern, während der Fall "Das Wachsmuth-Syndrom" die Besonderheit von Heyms Rolle zeigt. Mit der Streichung dieser Erzählung wollte sich die Zensurbehörde in der zwischenstaatlichen Kulturpolitik nicht öffentlich die Blöße geben, einen Autor wie Stefan Heym inhaltlich beschneiden zu müssen. Bei einer Veröffentlichung in dem Band hingegen wäre die Zensur offensichtlich geworden. Heyms Publikationen in der Bundesrepublik verlangten von den DDR-Verantwortlichen eine erhöhte Aufmerksamkeit im Genehmigungsprozess. Zumal die politische Führung forderte, über den Verlauf des Verfahrens informiert zu werden, und letztlich auch an der Entscheidung über den Druck beteiligt war. Dies führte dazu, dass sich das Druckgenehmigungsverfahren von Stefan Heyms "Erzählungen" über ein Jahr lang hinzog.
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Fußnoten

1.
Peter Hutchinson, Stefan Heym. Dissident auf Lebenszeit, Würzburg 1999, S. 149.
2.
ZK der SED, Abt. Kultur, Sektor Gesamtleitung/Verlagswesen, BArch, DY 30/vorl. SED 12946, S. 1–5, zit.: Dietrich Löffler, Literaturplanung. Verlagsarbeit im Aufbau-Verlag nach der 6. Tagung des ZK der SED, Halle/S. 2002, S. 19.
3.
Marion Fuckas, Zwischengutachten, Berlin 13.2.1975, BArch DR1/2320, Bl. 52. Das Folgende ebd.
4.
Gerhard Dahne, Schreiben an Klaus Höpcke, Berlin 26.2.1975, BArch DR1/2320, Bl. 76.
5.
Fuckas (Anm. 3), Bl. 51.
6.
Stefan Heym, Mein Richard, in: Ders., Gesammelte Erzählungen, München 2008, S. 333.
7.
Ebd., S. 343f.
8.
Ebd., S. 348.
9.
Fuckas (Anm. 3), Bl. 50.
10.
Ebd., Bl. 49.
11.
Vgl. Stefan Heym, Nachruf, München 1998, S. 884f.
12.
Gerhard Dahne, handschriftl. Notiz, Berlin 24.11.1975, BArch DR1/2320, Bl. 53.
13.
Karlheinz Zydoreck, Schreiben an Klaus Höpcke, Berlin 27.11.1975, BArch DR1/2320, Bl. 42.

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