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26.10.2012 | Von:
Klaus Christoph

Deutsche Einheit ohne Ende?

Aufarbeitung der Aufarbeitung

Handro/Schaarschmidt, AufarbeitungSaskia Handro, Thomas Schaarschmidt (Hg.), Aufarbeitung der Aufarbeitung (© Wochenschau)
Der Umgang mit der DDR-Vergangenheit ist Gegenstand eines anderen Werkes, wenngleich verbunden mit einer spezifischen Fragestellung. Es handelt sich um den von Saskia Handro und Thomas Schaarschmidt herausgegebenen Sammelband über "Die DDR im geschichtskulturellen Diskurs". Der Titel "Aufarbeitung der Aufarbeitung" verweist auf eine Metareflexion, die in den Kontext einer jüngeren, von einigen Zeitgeschichtlern angestoßenen Diskussion gehört[1]: der Problematisierung des Paradigmas "Demokratie versus Diktatur" als deutsch-deutsches Aufarbeitungsmuster. Sie bezieht sich hier auf die staatlich geförderte Beschäftigung mit der DDR-Geschichte als "Aufarbeitung der DDR-Diktatur", die, so die Prämisse der Herausgeber, die DDR-Lebenswirklichkeiten mit ihren unterschiedlichen Facetten und Bewertungen nur unzureichend erfasst – was den Schwierigkeiten entspricht, die viele Menschen in den östlichen Bundesländern mit der Akzeptanz des offiziösen Aufarbeitungspostulats haben, zumal das darin enthaltene Vorbild der "geglückten Demokratie" Westdeutschlands[2] mit Erfahrungen ökonomisch-sozialer Verwerfungen und personeller Hintanstellungen im Vereinigungsprozess verknüpft wird.

Nun geht es den Autoren des Bandes nicht primär um eine Kritik jener Aufarbeitungsstrategie; vielmehr sollen die einzelnen Beiträge "Bausteine (liefern) zur Beschreibung und funktionalen Systematisierung der DDR-Narrative im geschichtskulturellen Diskurs des wiedervereinigten Deutschlands" (13). Diese allgemeine Zielbestimmung enthält einen weiten Spannungsbogen. So werden zunächst vor dem Hintergrund des prinzipiell schwierigen Verhältnisses von Zeitzeugen-Narrativen und fachwissenschaftlichen Erklärungsmodellen Stellenwert und Funktion von Zeitgeschichte und (vor allem) Geschichtspolitik in Aufarbeitungsprozessen reflektiert (Martin Sabrow, Thomas Großbölting, Marko Demantowsky), um im Anschluss im weiten Feld "historisch-politischer Bildung" einzelnen Problemzusammenhängen der DDR-Aufarbeitung nachzugehen. Hier werden die schulisch und subjektiv-alltagsweltlich bestimmte Aneignung von DDR-Geschichte wie auch die Bedeutung der familiär vermittelten DDR-Narrative diskutiert, (Bodo von Borries, Sabine Moller), ebenso inhaltlich-didaktische Probleme in der außerschulischen Bildung (Heidi Behrens) und in Schulbüchern (Saskia Handro, Elena Demke). Im Schlussteil geht es im wesentlichen um die massenmediale Produktion von DDR-Bildern (Maik Zülsdorf-Kersting) und um die unterrichtliche Einbeziehung autobiographischer Texte, die auf die DDR bzw. den Wiedervereinigungsprozess bezogen sind (Mario Barricelli).

Die Beiträge des Sammelbandes sind dem Grundgedanken verpflichtet, dass die Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Rahmen politischer Bildung als gemeinsames, dem Ziel nach identitätsstiftendes Projekt nicht durch die Vorgabe eines "richtigen", moralisch-normativ aufgeladenen DDR-Bildes bestimmt sein könne, bei dem die Geschichte der DDR als Kontrastprogramm zur (Erfolgs-)Geschichte der Alt-Bundesrepublik vorgestellt wird. Überhaupt sollte nicht auf "Geschichtsbilder", sondern auf "Geschichtsdenken" gesetzt werden (107). Das impliziere Fragen nach dem Zustandekommen jener Bilder und deren Funktion, wozu die Sichtbarmachung von Interdependenzen im deutsch-deutschen Beziehungsgefüge gehöre. Damit sei, wie Handro betont (90), weder eine Suspendierung normativer Bewertungsmaßstäbe insbesondere im Blick auf den diktatorischen Charakter der SED-Herrschaft verbunden, noch sei das Plädoyer für historisches Denken mit Entpolitisierung gleichzusetzen. Vielmehr wachse mit einer "historisch begründeten Anerkennung demokratischer Grundwerte und bei Verzicht auf teleologisch imprägnierte Fortschrittsvorstellungen die Einsicht, dass die Stabilität von Demokratie auch mit '1989' im Gepäck nicht garantiert ist, und dass es diese Nation mit Widersprüchen und Konflikten in wechselnden Formen gab und gibt." (106)

Das Sammelwerk enthält eine Fülle von evidenten Fragestellungen, Reflexionen und (eher in Maßen) didaktischen Übersetzungsversuchen, die für einen modifizierten Umgang mit der DDR-Geschichte werben – offenbar, wie auch neuere Schulbuchanalysen zeigen, nicht ganz erfolglos.[3] Dabei impliziert dieser Zugriff eine Konsequenz, die undiskutiert bleibt, nämlich dass auch die über den Diktatur-Begriff vermittelte Gleichsetzung von DDR- und NS-Regime revidiert werden müsste bzw. die Unterschiede zwischen beiden Diktaturen der Ausarbeitung bedürften.

Im Übrigen lässt die Lektüre des Buches eine widersprüchliche Merkwürdigkeit erkennen: Offenbar wird die als deutsch-deutsche Unternehmung konzipierte Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Wissenschaftsbetrieb selber eher ausnahmsweise praktiziert. Jedenfalls entsteht dieser Eindruck angesichts der weitgehend fehlenden Bezugnahme auf ostdeutsche Wissenschaftler, und zwar auch auf solche, die nicht nur Prämissen der eigenen Position offenbar teilen, sondern auch für inhaltliche Koinzidenzen stehen. Zum Beispiel enthält das kritisierte Aufarbeitungsmuster mit seiner bloßen Demokratie/Diktatur-Gegenüberstellung ein Gefälle, das deutlich mit der (zentralen) Subalternisierungsthese von Kollmorgen, Koch und Dienel korrespondiert.

Nationale Identität im Wandel

Piwoni, Nationale IdentitätEunike Piwoni, Nationale Identität im Wandel (© Springer VS)
Wenn die Aufarbeitung kollektiver Vergangenheit(en) der politisch-kulturellen Identitätsbildung dienen soll, sind immer auch Vorstellungen über die Qualität jener Identität enthalten. Explizit und unter systematischen Gesichtspunkten beschäftigt sich das Buch von Eunike Piwoni mit dem Identitätsthema. Ausgangspunkt der Studie ist eine Beobachtung während der Fußballweltmeisterschaft 2006: In den deutschen Landen überwog eine Stimmung, die in den Medien als unverkrampfter und zugleich weltoffener Patriotismus gefeiert wurde, ohne dass von Intellektuellen Kritisches zu hören war. Wären doch Wortmeldungen zu erwarten gewesen nicht nur im Blick auf den historischen Kontext eines diskreditierten Patriotismus insbesondere durch den Nationalsozialismus und eines noch heute wirksamen, wesentlich ethnisch bestimmten "Kulturnation"-Verständnisses, sondern auch angesichts zeitgenössischer, Partikularismen eher entgegengesetzter Tendenzen und Bestrebungen. Wie erklärt sich das Fehlen bedenklicher Stimmen? Dieser Frage will die Autorin nachgehen, verknüpft mit der Hypothese, dass dahinter vermutlich ein im intellektuellen Spektrum verändertes "Nationsverständnis" stehe (19ff).

Die Überprüfung dieser Annahme geschieht vermittels einer Analyse von Debatten deutscher Intellektueller seit den 1980er-Jahren, die mehr oder weniger eng mit dem Nation-Thema verknüpft sind und (fast) alle kontrovers geführt wurden: der Historikerstreit, die Vereinigungsdebatte, die Botho-Strauß- und die Walser/Bubis-Debatte, die Leitkultur- und schließlich die Patriotismusdebatte. Die Analyse der entsprechenden Texte erfolgt am Leitfaden bestimmter "Dimensionen nationaler Identität" (Stellenwert der NS-Vergangenheit, Nationsverständnis und Haltung zur Nation) und führt über die Bezeichnung des Hauptthemas der jeweiligen Debatte zur Positionsbestimmung der (vorweg benannten) Debattenteilnehmer. Das ermöglicht die Kennzeichnung von "Konfliktlinien", "diskursiven Gemeinschaften" und sich gegenüberstehenden politischen "Lagern". Als Referenzpunkte fungieren unterschiedliche (idealtypisch ausgelegte) Nation-Vorstellungen: neben dem schon erwähnten, im 19. Jahrhundert entwickelten "Kulturnation"-Verständnis das der Französischen Revolution entstammende Modell der "Staatsnation" und die als US-amerikanische Idee apostrophierte "weltoffene und pluralistische Staatsbürgernation". Weil vorauszusetzen ist, dass das Nation-Thema von den Globalisierungsprozessen nicht unbeeinflusst geblieben ist, wird es schließlich auch zu theoretischen Zugriffen und Befunden der World Polity-Forschung in Beziehung gesetzt. (55 ff) Bei all dem liegt das Hauptaugenmerk darauf, ob und wie sich die anhand der "Dimensionen" ermittelte "Dissens-/Konsonanzstruktur" der Debatte im zeitlichen Verlauf verändert hat.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass es im intellektuellen Diskurs zwar nicht durchgängig, aber in der Tendenz zu einem lagerübergreifenden Wandel von der historischen "Idee der Kulturnation" hin zu einem "pluralistisch-staatsbürgerlichen" Verständnis von Nation gekommen sei, das als zugleich "weltoffenes" mit den politisch-moralischen Prinzipien der an Bedeutung gewonnen internationalen Institutionen korrespondiere. In diesem Modell "ist Patriotismus legitim, da er nicht exkludierend wirkt und mit Kosmopolitismus vereinbar ist". (282)

Piwonis Studie ist so angelegt, dass realhistorische Verläufe zugunsten von "Ideen", "Modellen" "Typen" zurücktreten, die dann als Bezugspunkte der Debatteninhalte fungieren. Ein Drittel des Buches ist wissenschaftsmethodischen Ausarbeitungen gewidmet, einschließlich jener kategorialen Formalisierungen, die später in den tabellarisch gegliederten Ergebnissen der Debattenanalyse den Überblick erleichtern sollen. Dieser Aufwand, der im Übrigen durchaus methodische Phantasie enthält und handwerkliche Solidität bezeugt, geht natürlich auch auf den "weichen" Gegenstand der Studie und den Schwierigkeitsgrad seiner operativen Erschließung zurück, vielleicht auch ein wenig auf den Umstand, dass es sich um eine Dissertation handelt, um eine Prüfungsarbeit also. Jedenfalls ist ihre Veröffentlichung in der vorliegenden Fassung kaum auf ein breiteres Lesepublikum zugeschnitten.

Die inhaltlichen Ergebnisse der Arbeit sind in ihrem methodischen Rahmen gut begründet, ihre Reichweite ist eher verhalten einzuschätzen. Eunike Piwoni selber warnt am Schluss der Studie – freilich weitgehend kommentarlos – vor einer Verallgemeinerung der Resultate, weil Intellektuellendiskurse und nicht Einstellungen und Bewusstseinsinhalte der Bevölkerung untersucht wurden, wenngleich jene Diskurse zumindest insofern Einfluss nehmen, als sie darüber entscheiden, was öffentlich gesagt werden kann und was nicht. Vor allem aber – und auch das weiß die Autorin (290) – ist der diskursiv gewonnene und positiv konnotierte Staatsbürger-Patriotismus im Alltag nur schwer vom Nationalismus zu trennen, der, wie aus anderen Untersuchungen bekannt ist[4], häufig mit Fremdenfeindlichkeit und autoritären Einstellungsmustern einhergeht. Das spricht nicht gegen die vorgestellte Untersuchung, verweist aber auf ihre Grenzen.

Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005; für die jüngere Zeit vgl. mit eigener Akzentuierung: Thomas Großbölting, Geteilter Himmel: Wahrnehumgsgeschichte der Zweistaatlichkeit, in: APuZ, 1–3/2012, S. 15–21.
2.
Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, München 2007.
3.
Vgl. Simone Lässig, Repräsentation des "Gegenwärtigen" im deutschen Schulbuch, in: APuZ, 1–3/2012, S. 46–54.
4.
Das gilt z.B. für Untersuchungen, die auch von Piwoni angezeigt werden: Klaus Ahlheim/Bardo Heger, Nation und Exklusion. Der Stolz der Deutschen und ihre Nebenwirkungen, Schwalbach 2008, u. Julia Becker u.a., Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit, in: Deutsche Zustände 5 (2006), S. 131–149.

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