Beleuchteter Reichstag

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29.11.2012 | Von:
Axel Zutz

Modern-postmoderne Landschaftsarchitektur im Zentrum der Hauptstadt –
der Gendarmenmarkt/Platz der Akademie

III.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist geprägt von der Suche nach nationaler Identität und bürgerlicher Selbstvergewisserung. Dies führte dazu, dass parallel zu ähnlichen Platzgestaltungen in allen Städten des Deutschen Reiches auch hier ein dekorativer Schmuckplatz entstand, mit dem Schiller-Denkmal im Zentrum. Ausgangspunkt war der 100. Geburtstag Friedrich Schillers 1859, der auch in Berlin mit einer Schillerfeier begangen werden sollte, die an die 1848er-Revolution erinnern sollte. Auf Initiative eines Bürgervereins zur Errichtung eines Schiller-Denkmals erfolgte am 10. November 1859 die Grundsteinlegung, die von 50.000 Berlinern verfolgt wurde und an die sich eine Randale anschloss, obwohl Feierlichkeiten unter freiem Himmel vorsorglich polizeilich verboten worden waren.[5] Erst 1871, auf den Tag genau zwölf Jahre später, wurde eine von Reinhold Begas geschaffene Figurengruppe auf dem Mittelfeld zwischen Jäger- und Taubenstraße, umgeben von Rasenflächen mit Ziergehölzen, Festons und üppigem Blumenschmuck unter starker Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht.[6] Die kreuzförmig angelegten Verkehrsflächen nahmen vergleichsweise viel Raum ein. Die beiden Kirchplätze blieben weiterhin frei von verzierenden Gestaltungen, auf dem Pflaster befanden sich lediglich Lampen, Poller, Wasserpumpen und kleine Kioske.

1895 erfolgte durch den Berliner Stadtgartendirektor Hermann Mächtig entsprechend einem Magistratsbeschluss die Erneuerung des Schmuckplatzes, wobei er jetzt die gesamte Platzfläche einschließlich des kirchlichen Landes in die Gestaltung mit einbeziehen konnte. Da es mittlerweile in Berlin 14 Markthallen gab, konnte man nun, nach 150 Jahren, die traditionelle Marktnutzung unter freiem Himmel aufgeben.

Gendarmenmarkt, Entwurf von Hermann Mächtig, 1895Bürgerlicher Schmuckplatz, Entwurf von Hermann Mächtig um 1895 (© Landesarchiv Berlin, A Rep. 007, Nr. 326, Bl. 117)
Im Ergebnis präsentierte sich der Platz mit zwei teppichförmigen Rasenspiegeln rechts und links vor dem Theaterbau, deren Mitte jeweils ein kreisförmiges Brunnenbecken zierte. Rund um die Kirchen befanden sich weitere Schmuckbeete mit Gittereinfassungen, an deren Rändern Bänke aufgestellt waren. Der fortschrittliche Antrag von Stadtverordneten im März 1889, einen Spielplatz einzurichten, fand keine Mehrheit.[7] Aus dieser Zeit sind bis heute ein Japanischer Schnurbaum (ein Naturdenkmal) und zwei Ahornbäume hinter der Deutschen Kirche sowie ein Ahornbaum, zwei Linden und ein Zürgelbaum an der Französischen Kirche erhalten. Als prächtig ausgewachsene Solitärgehölze sind sie inzwischen – zusammen mit dem Schiller-Denkmal – wichtige Zeugnisse der Platzgestaltung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Um 1920 wurden alle größeren Gehölzgruppen entfernt, unter Stadtgartendirektor Albert Brodersen erfolgte eine grüne Versachlichung des Platzes.[8] Der Mächtigsche bürgerliche Schmuckplatz existierte also kaum ein Vierteljahrhundert in seiner ursprünglichen Form. 1928 legten mehrere Architekten Entwürfe zur Neugestaltung des Platzes und der umgebenden Blöcke vor, darunter Peter Behrens, Erich Mendelsohn, Hugo Häring, Werner Hegemann und
Gendarmenmarkt, Entwurf von RasmussenVorschlag von Steen Eiler Rasmussen (© Städtebau 23 (1928), S. 238)
Steen Eiler Rasmussen. Verwirklicht wurde von diesen radikalen Stadtumbau-Utopien, die auf verschiedene Weise mit der historischen Stadtstruktur brachen und nach neuen Formen suchten, die dem modernen Großstadtleben angemessen wären, anders als beim Alexanderplatz (Wettbewerb 1929) allerdings nichts. Deutlich wird in mehreren Entwürfen der Versuch, mittels Pflanzungen eine stärkere Vereinheitlichung des Platzes zu erreichen: Während Mendelsohn die beiden Turmflächen mit einer Pflanzung umgab und die beiden Rasenflächen auf dem Mittelfeld mit geschnittenen Hecken einfasste, band Rasmussen die westliche Längshälfte unter Aufhebung der Querstraßen in einem einzigen kubischen Gehölzblock zusammen, der mit der Front des Schauspielhauses abschloss. Auch Hegemann rahmte den Platz mit einer starken inneren Baumkante, die nur durch das Schauspielhaus und dementsprechend auf der gegenüberliegenden Ostseite unterbrochen war, und hob damit wie Rasmussen die Dreiteilung des Platzes auf.[9]

IV.

Gendarmenmarkt 1938Aufmarsch- und Parkplatz in der Platzmitte um 1938 (© IRS Erkner/Wissenschaftliche Sammlungen)
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Platz 1935/36 im Vorfeld der Olympischen Spiele zu einem modernen Parkplatz und Aufmarschplatz umgestaltet. Der Autoparkplatz verweist auf die Zunahme der Motorisierung, das Raster kennzeichnet eine zeittypische Struktur, die hier zugleich der Ordnung von Raum, Menschen, Fahrzeugen dient, und orientiert sich an den Säulen des Schinkelschen Schauspielhauses. Von der geplanten Pflasterung der östlichen Längshälfte wurde nur das Mittelstück realisiert, wobei das Schiller-Denkmal wegen angeblicher Standunsicherheit entfernt wurde. Um die Kirchen verblieben Rasenbeete mit einzelnen Gehölzen. Erstmals wurde der Platz hier in seiner Nord-Süd-Teilung gestalterisch markiert. Die Querstraßen blieben erhalten.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ Schauspielhaus und Kirchen als Ruinen, nur wenige Bäume überlebten die Bombardements und Kampfhandlungen. Der Rasen wurde bereits 1942 rund um den Französischen Turm für den Mohnanbau umgepflügt und diente auch nach dem Krieg als Gemüsegarten. Die Freifläche wurde zudem als Trümmersammelplatz genutzt, aber auch für das bekannte Freiluftkonzert des sowjetischen Alexandrow-Ensembles am 18. August 1948. Später diente der Platz als Materiallager für den Wiederaufbau und nahm den Charakter einer Dauerbaustelle an, während die drei Ruinen in einen Dornröschenschlaf fielen.

1950 wurde der Gendarmenmarkt nach der dort angesiedelten Akademie der Wissenschaften der DDR umbenannt in "Platz der Akademie". Vorschläge von Stadtbaurat Richard Ermisch (1946) und des Architekten
Gendarmenmarkt, Entwurf von Zimmermann 1956Vorschlag von Günther Zimmermann 1956 (© Adalbert Behr/Alfred Hoffmann, Das Schauspielhaus in Berlin, Berlin (O.) 1985, S. 129)
Günther Zimmermann (1956, im Stil der "Nationalen Tradition") sahen den Abriss der beiden Kirchen und eine einheitliche bauliche Fassung des Platzes mit Brückenbauten über den einmündenden Straßendurchlässen vor – eine Idee, die bereits um 1775 der französische Architekt Robert Bartholomé Bourdet nach dem Vorbild des Markusplatzes in Venedig unter Verlegung der Sakralbauten in die Platzseiten im Stil des Frühklassizismus entwickelt hatte.[10] Auch diese Phase utopischen Stadtumbaus ging jedoch an dem Platz vorüber, nicht zuletzt wegen des ungeklärten Umgangs mit dem architektonischen nationalen Erbe. Dieser sollte schließlich während der baukulturellen Orientierung an der "Nationalen Tradition" im Schauspielhaus von Schinkel einen seiner wichtigsten Bezugspunkte finden. Infolgedessen begannen 1967 die ersten Wiederaufbauarbeiten.


Fußnoten

5.
Vgl. Michael Bienert, Schiller. Der Freiheit ein Museum!, in: Tagesspiegel, 9.11.2009.
6.
Zum Charakter des Denkmals in Verbindung mit dem Brunnensockel vgl. Jörg Kuhn, Gartenkunst und Denkmal (Teil 1). Von der "Verwässerung der Denkmalidee" …, in: Botschaften zur Denkmalpflege. Festschrift für Klaus-Henning von Krosigk, Hg. Landesdenkmalamt Berlin/Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur, Petersberg 2011, S. 143–145.
7.
Vgl. Demps, Gensd'armen-Markt (Anm. 1), S. 400f.
8.
Vgl. Ina Schulz, "Blumen reicht die Natur, es windet die Kunst sie zum Kranze". Die Berliner Stadtplätze von Albert Brodersen, unveröff Mag.-arb. Univ. Leipzig 2008, S. 43f. – Schulz stützt sich u.a. auf eine Seminararbeit von Gunborg Stephan v. 1958.
9.
Vgl. Demps, Gensd'armen-Markt (Anm. 1), S. 437ff.
10.
Vgl. Behr/Hoffmann (Anm. 3), S. 130, sowie Günther Zimmermann, Der Platz der Akademie zu Berlin. Vorschläge für den Wiederaufbau, in: Architektur der DDR 5 (1956), S. 326–331.

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