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29.11.2012 | Von:
Tobias Michael Wolf

Bautyp DDR-Warenhaus?

Deutsche Warenhausarchitektur der Nachkriegszeit im Vergleich

VII.

Wie gezeigt, blieben die westeuropäischen Entwicklungen bei der Konzeption von Warenhäusern in der DDR nach der Umstrukturierung dieses Handelsbereichs 1965 nicht ohne Einfluss im Hinblick auf Organisation und Gestaltung der Neubauten. Allerdings war die Umsetzung von den wirtschaftlichen Möglichkeiten und städtebaulichen Vorgaben abhängig. Die fensterlose Gestaltung ergab sich aufgrund der veränderten Nutzungsanforderungen. Gleiches gilt auch für die Baukonstruktion, die möglichst große Spannweiten bei optimierten Raumhöhen erreichen sollte. Die gesellschaftliche Bedeutung der Warenhäuser als Versorgungsstätten und Orte der Freizeitbeschäftigung wurde auch in der gegenüber den zuvor entstandenen Bauten hervorgehobenen städtebaulichen Platzierung deutlich. Den Warenhäusern als größten Verkaufsstätten wurden dabei häufig zentrale Gelenkfunktionen innerhalb der modernen sozialistischen Stadtzentren zugewiesen, die in ihrer großflächigen Form durch den Wegfall des Privateigentums an Grund und Boden möglich wurden. Dabei bekamen die Warenhäuser neben anderen wichtigen Gesellschaftsbauten eine stadtbildprägende Wirkung, die sich in der propagandistischen Verwertung der Bauten für die Repräsentation der Erfolge von Partei und Staat niederschlug. Diese Wirkung wurde, solange die Bauten in ihrer ursprünglichen Form noch existierten, durch die hochwertige Gestaltung der Fassaden gesteigert, die teils von namhaften Künstlern entworfen wurden. In diesem Kontext muss auch auf die architekturbezogene Kunst als Nische für abstrakte Künstler hingewiesen werden, da die Kunstpolitik der SED bis zum Schluss am Konzept des "sozialistischen Realismus" festhielt und sich dabei nur schwer von einer dogmatischen Auslegung lösen konnte.[50]

Die Aufgabe der Warenhäuser im sozialistischen Staat bestand in der Versorgung der Bevölkerung mit Industriewaren, was aufgrund der Mangelwirtschaft nicht im gewünschten Maße möglich war. Die Warenhäuser wurden dennoch zu Identifikationspunkten im industriellen Bauwesen und hoben sich durch ihre einzigartigen Aluminiumhüllen von ihrer Umgebung ab. Gleichzeitig stellten "Kistenform" und Vorhangfassade ein wesentliches Merkmal dar. Eine vergleichbare Vereinheitlichung der Warenhäuser hinsichtlich ihrer städtebaulichen Funktion und ihrer Baugestaltung wurde trotz entsprechender Ansätze weder im sozialistischen Ausland noch in der Bundesrepublik Deutschland erreicht, wo eine Hinwendung zu dem städtebaulichen Kontext angepassten Architekturen in kleinteiligen Formen erfolgte. Zudem wurden dort Fassadenelemente als Firmenlogos verwendet, die jedoch je nach Ort völlig unterschiedliche Baukörper verkleideten. Die einzelnen Bauten waren durch die Auftraggeber und den städtebaulichen Kontext geprägt, sodass dort keine Typenentwicklung möglich war. Dies zeigt sich auch an den diversen parallel genutzten Fassadengestaltungen. Sie folgten keiner übergeordneten künstlerischen Planung, sondern zielten auf die Entwicklung von Markenzeichen ab. Insofern kann in Abgrenzung von anderen Ländern für die Blütezeit des Warenhausbaus in der DDR ab 1965 bis Ende der 1970er-Jahre durchaus von einem "Bautypus sozialistisches Warenhaus" gesprochen werden, der funktional, konstruktiv und gestalterisch ganz klar in der Tradition der Moderne steht.

Fußnoten

50.
Grundlegend für die Auseinandersetzung mit abstrakter Kunst in der DDR sind: Peter Guth, Wände der Verheißung. Zur Geschichte der architekturbezogenen Kunst in der DDR, Leipzig 1995; Karl-Siegbert Rehberg/Paul Kaiser (Hg.), Abstraktion im Staatssozialismus. Feindsetzungen und Freiräume im Kunstsystem der DDR, Weimar 2003.

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