Beleuchteter Reichstag

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29.11.2012 | Von:
Karin Thomas

Rekonstruktion des DDR-Alltags

Schöner unsere Paläste!

Danigel, Schöner unsere Paläste!Gerd Danigel, Schöner unsere Paläste! (© Lehmstedt)
Als Fotograf war Gerd Danigel Nebeneinsteiger, der weder für die Presse noch für einen Verlag arbeitete. Sein erlernter Beruf als Gasmonteur, der die maroden Berliner Gasleitungen auf Lecks überprüfte, hatte ihn zum Flaneur gemacht. Mit der Kamera beobachtete er die skurrile Alltagswelt auf den Ost-Berliner Straßen im Prenzlauer Berg und wagte sich in zunehmendem Maße an die Menschen heran.

Ein erster, von Matthias Bertram 2011 edierter Bildband zu Danigels "Berlin-Fotografien" der Jahre 1978–1998 trägt den Titel "Schöner unsere Paläste!". Der Fotograf fand die trotzige Parole aufgemalt auf den Putzresten einer ruinösen Hauswand. Mit ihr fordert er den Betrachter seiner Fotografien auf, hinter den melancholischen Szenarien die exotischen Oasen individuellen Eigensinns zu sehen. Das sind die in sich ruhenden Alten, die sorglos spielenden Kinder, die jungen Familien, die Halbstarken und Liebespaare, die in den von Unkraut überwucherten Altbaunischen ihre bescheidenen Freiräume gefunden haben.

Obwohl Danigel von 1985 bis 1990 eine Festanstellung als Fotograf am Institut für Kulturbauten mit der Aufgabe erhielt, die Rekonstruktion von historischen Bauten wie der Semperoper und die Planung von Neuanlagen fotografisch zu begleiten, konnte er mit seiner eigenen Bildkonzeption nie auf offizielle Aufträge zählen, die seinen Interessen entsprochen hätten. Da er weder zur Gruppe der namhaften Pressejournalisten noch zu jenen Hochschulabsolventen gehörte, die seit den 1980er-Jahren eine Autorenfotografie mit dem Anspruch künstlerischer Unabhängigkeit betreiben durften, blieb er auch nach 1989 weitgehend unbekannt, zumal ihm mit dem Wegbrechen der Ost-Berliner Kieznischen sein Thema abhanden kam. Kurz bevor 1990 das Institut für Kulturbauten geschlossen wurde, hatte man ihn aufgefordert, sein gesamtes Negativmaterial aus fünf Jahren Arbeit in einem Müllcontainer zu entsorgen. Doch Danigel lagerte die Negative bei sich zu Hause ein. Mit dem Rekonstruktionsprozess des DDR-Alltags ist man wieder auf Danigels Archiv und die präzise Realitätsabbildung seiner "Berlin-Fotografien" aufmerksam geworden.

Im Land der Mulde

Weber, Im Land der MuldeGerhard Weber, Im Land der Mulde (© Lehmstedt)
Als Bildchronik zum DDR-Alltag lassen sich auch die Aufnahmen von Gerhard Weber lesen, der nach einem Fernstudium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig von 1970 bis 1986 den Beruf des Bildreporters bei der "Leipziger Volkszeitung" ausübte und anschließend als Freiberufler tätig war. Die ihm von der Zeitung abgeforderten Bilder waren immer ideologischen Vorgaben unterworfen. In allen Situationen mussten die "führende Rolle der Partei" und die "Idee des sozialistischen Menschen" im Vordergrund stehen. Hatte Weber die bestellten Bilder für die Zeitung "im Kasten", startete er jedoch einen zweiten Arbeitsvorgang, in dem er jede propagandistische Inszenierung unterließ und solche Motive ablichtete, die einen authentischen Einblick in die Lebensbedingungen der Menschen gewährten.

2009 erschien eine Auswahl dieser Aufnahmen in der von Matthias Bertram herausgegebenen Buchedition zur künstlerischen Fotografie "Bilder und Zeiten", in der auch das Danigel-Album publiziert wurde, unter dem Titel "Im Land der Mulde". Der Stellenwert dieses Bildbandes als historische Dokumentation resultiert aus der Fokussierung auf das ländliche und kleinstädtische Leben im sächsischen Muldetalkreis, das Weber vier Jahrzehnte lang mit der Kamera begleitete. Er beobachtete die Arbeiter und Handwerker in den Fabriken und Werkstätten, besuchte sie in ihren karg ausgestatteten Wohnungen, dokumentierte ihren beschwerlichen Alltag, aber auch ihre liebevoll inszenierten Feste. Webers besonderes Interesse richtete sich auf die Arbeitssituation der Frauen in den unterschiedlichen Berufszweigen.

Seine Bilder vermitteln ein hohes Maß an sozialem Zusammenhalt unter den weiblichen Arbeitskräften, zeigen zugleich aber auch mit ungeschminkter Drastik die körperlichen Anstrengungen, denen vor allem die LPG-Frauen in den 1970er und 1980er-Jahren durch die harte Feld- und Stallarbeit ohne modernen Maschineneinsatz und durch die zusätzlichen häuslichen Aufgaben in einer noch traditionell patriarchalisch ausgerichteten Familienordnung ausgesetzt waren.

Zwei Jahre lang konzentrierte Weber seine dokumentarische Tätigkeit auf das unscheinbare Straßendörfchen Erlln an der Freiburger Mulde, nachdem ihm aufgefallen war, dass er in seiner gesamten Reporterzeit für die "Leipziger Volkszeitung" kein einziges Auftragsbild von dieser abgelegenen Ortschaft ohne jede Sehenswürdigkeit abzuliefern hatte. Doch in der Annäherung an das dörfliche Leben stieß der Fotograf auf erstaunliche Alltagssituationen, in denen sich das Pittoreske mit dem menschlich Rührenden paarte. Durch solche Erfahrungen intensivierte sich Webers Wunsch nach freiberuflicher Tätigkeit und einer Mitgliedschaft im Künstlerverband, der im Unterschied zum streng reglementierten Journalistenverband relativ große Freiräume erlaubte. Doch der Künstlerverband verweigerte dem Erlln-Projekt die künstlerische Anerkennung mit dem Argument, die Fotografien seien zu journalistisch. Erst mit einer Porträtserie von Colditzer Familien, die Weber in ihren persönlichen Lebensbereichen ablichtete, erlangte er schließlich die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler der DDR und damit auch die Legitimation zur freiberuflichen Arbeit.



Nach 1989/90 richtete sich das Augenmerk der Kunstkritik zur Fotografie aus der DDR auf eine angemessene Würdigung der ostdeutschen Autorenfotografie, Presseaufnahmen wurden dagegen als ideologisch gesteuert abqualifiziert. Dass sich jedoch so mancher Pressefotograf den Zwängen seiner Auftraggeber entzogen und in der Arbeit für das private Archiv seine eigenen freien Gestaltungsräume geschaffen hatte, macht das Beispiel von Gerhard Weber augenfällig. Man kann sich daher nur wünschen, dass die Kuratoren des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR bei ihren Rekonstruktionsbemühungen um den Alltag DDR noch viele authentische Dokumentarfotos aus den vergessenen Schatullen der ehemaligen Pressefotografen herausfiltern werden. Sie sind vor allem für die beiden ersten Dekaden des DDR-Regimes, als sich die Autorenfotografie erst zu entwickeln begann, wesentliche Quellen, um aus den im Kameraauge eingefrorenen Momenten das spezifische soziale Klima der Zeit und die Mentalitäten der Bürger ablesen zu können.


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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

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Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

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Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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Online-Archiv

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