Beleuchteter Reichstag

26.11.2018 | Von:
Silke Kettelhake

Vom Suchen und Finden - Stasi-Razzia in der Umweltbibliothek

Die Macht des Wortes gegen die Staatsmacht: Die Aktion „Falle“ am 24./25. November 1987 war eine schwere Niederlage für den Allmachtsanspruch des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Es begann mit einem Bücherschrank für alle, ohne Zensur: Unter dem Dach der Kirche fand die Umweltbibliothek Schutz vor dem Zugriff der Stasi. Unter dem Vermerk „nur für den innerkirchlichen Gebrauch“ wurde dort im Selbstverlag eine systemkritische Zeitung, die Umweltblätter, herausgegeben. Um die Oppositionsbewegung zu zerschlagen, stürmte die Stasi mitten in der Nacht die Umweltbibliothek an der Zionskirche, auf dem Montmartre Ost-Berlins. Alle Druckerzeugnisse wurden beschlagnahmt, sieben Menschen verhaftet, darunter ein 14-Jähriger.
Die Staatssicherheit fotografierte die Mitglieder der Umweltbibliothek bei ihrer Verhaftung in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1987. V.l.n.r.: Bodo Wolff, Till Böttcher, Bert Schlegel, Wolfgang Rüddenklau, Tim Eisenlohr.Die Staatssicherheit fotografierte die Mitglieder der Umweltbibliothek bei ihrer Verhaftung in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1987. V.l.n.r.: Bodo Wolff, Till Böttcher, Bert Schlegel, Wolfgang Rüddenklau, Tim Eisenlohr. (© BStU: MfS, HA XX, Fo/59 Bild 12)

Dieser Beitrag basiert auf Interviews der Autorin mit den Zeitzeugen Uta Ihlow, Wolfgang Rüddenklau und Tim Eisenlohr.

Prenzlauer Berg 1987, nasskalter Herbst im kaputten Steinmeer, die Berliner Mauer nur 500 Meter entfernt. Kakophonie der abbiegenden Straßenbahnen, deren Echo durch die leere Kastanienallee hallte, Kohlemuff und graue Häuserschluchten; neben dem Gemeindezentrum der Zionskirche ging’s den Eingang zur Kellertreppe hinunter. Dem Wegweiser Bibliothek folgend waren zwei Treppenabsätze zu nehmen, gegenüber der Eingangstür hing das Plakat „3. Berliner Ökoseminar – Morsche Meiler“. Im Vorraum schon fiel dich die Front der auch im Sommer immer kalten Luft an, dort hing die Wandzeitung mit den Umweltblättern, dem Friedrichsfelder Feuermelder und auch die unabhängige Untergrundzeitung Grenzfall lag aus mit den frechen Comics von Dirk Moldt, herausgegeben von Mitgliedern der Initiative Frieden und Menschenrechte. Ohne den Schutz durch eine Kirche.

Das Licht der Freiheit war kalt und dunkel

Durch den beengten Druckraum ging es weiter in den Redaktionsraum, mit Kaffeemaschine, Kamera, Videorekorder und dem Amiga 500. An dem Computer saß meistens Wolfgang Rüddenklau, 34 Jahre und Chefredakteur der Umweltblätter, unter dem hüpfenden weißen Friedenskranich aus Japan. Im Zweifingersystem hackte er seine Texte in die Tastatur, während die anderen druckten, bis in den Morgen. An der Wand das Plakat „Schwerter zu Pflugscharen“, das verbotene Symbol der Friedens- und Umweltbewegung, entrollt von den Grünen bei ihrer ersten Ost-Berliner Demo 1983, darauf die Unterschriften von Antje Vollmer, Petra Kelly und Gert Bastian. Die Kellerfenster zur Straße hatten sie von innen mit Stahlplatten verstärkt, nach dem brutalen Überfall durch Skinheads. Es waren Skins aus West-Berlin beteiligt, nach dem Konzert von Element of Crime und Die Firma am 17. Oktober 1987. Oben in der Galerie über dem Gemeindezentrum fanden legendäre Konzerte, Ausstellungen und Lesungen statt, immer voll, was los, aber hier unten, in den schwitzenden Kellerwänden, der Rauch der Karo- und Club-Zigaretten stand in der Luft, hier entstand seit dem Gründungsdatum vom 2. September 1986 ein Hort der Gedankenfreiheit. Es warteten lange Reihen Bücher, Westbücher, eingeschmuggelte Westpresse, taz, Geo, Stern, Spiegel und Sowjetunion heute im Geschenkabo. In der Umweltbibliothek (UB) gab es Diskussionszirkel zum Thema Atomkraft und den Alternativen, gemeinsames Nachdenken, nicht nur über Ökologie, es ging um eine allgemeine emanzipatorische Bewegung. Die Staatssicherheit hatte ihre Spitzel angesetzt und dokumentierte, minutiös, von den ersten Zusammenkünften an.

Wallehaare, Wallebart – ein ungebrochener Idealist

Wolfgang Rüddenklau, ehemaliger Theologiestudent aus einer Pfarrersfamilie, war neben Carlo Jordan einer der Gründer der UB. Rüddenklau trägt heute immer noch einen Parka, nicht mehr den schlammgrünen wie zu UB-Zeiten, der lange Bart ist grau geworden, doch seine Stimme ist jung, die Worte kommen schnell: „Ich wollte immer eine Zeitung machen, schon mit zwölf Jahren. Meine erste Zeitung hieß Die Zeitung. In der DDR herrschte ein eklatanter Mangel an Austausch und an Informationen: Das war unser innerstes Bedürfnis.“ Langer Zug an der Selbstgedrehten, Rauchen gehörte für ihn immer dazu, als ein Akt der Rebellion, „mit Autoritäten komme ich nicht klar. Meine Kompensation war das Schreiben, denn die Atmosphäre blieb erstickend.“ In jahrelanger Einsamkeit hatte sich Rüddenklau als Nachtwächter in verschiedensten Bibliotheken, zuletzt im Museum für Deutsche Geschichte durch zwei Räume voller verbotener Bücher gelesen, die deutsche Geschichte, die Russische Revolution: sein Rüstzeug als Redakteur. Den Grundstock der UB bildete eine einmalige Visumserteilung für seine Reise nach Bonn. Rüddenklau: „Da bin ich bei den Grünen einmarschiert. Sagte, wir wollen eine Umweltbibliothek gründen. Ob wir Bücher als Spende bekommen können. Das war im Frühjahr 1986. Zwei Koffer voller Bücher, damit fing alles an.“

Über den ausgebürgerten Oppositionellen Roland Jahn und über Westjournalisten wurden die Bücher nach Ost-Berlin geschmuggelt. Die Kuriere, Politiker der Alternativen Liste, Journalisten, kamen meist aus West-Berlin – bis sie „verbrannt“ waren, bis sie nicht mehr über die Grenze gelassen wurden.

Rüddenklau: „Ich wollte, dass auch junge Leute in der Umweltbibliothek mitmachen. Politik darf nicht nur Sache der Erwachsenen sein! Tim, der Jüngste, er war der Erstaunlichste.“ Vor den Besucherinnen und Besuchern der UB war ein Raum verschlossen, er war nicht öffentlich für die anderen Suchenden, darunter auch die Spitzel. Hier standen die Druckmaschinen.

Endlich die Bücher

Tim Eisenlohr war ein schmächtiger Junge, bleich, aschfahles Haar, Nerdbrille. Kein Sportler. Einer, der auf den ersten Blick immer erstmal übersehen wurde, so unscheinbar. 14 Jahre war er alt, und er war dagegen. Nicht gegen seine Eltern. Aber irgendwie gegen das System, die Schule, gegen Frau Lau, die Schuldirektorin, Margot Honecker war ihr eine enge Freundin, sie trugen sogar die gleiche schräge Haarfarbe in ihren lila-weißen Ondulierungen. Jeder Mucks wurde geahndet, etwa, als Tim in der Schule die bunten Fotos des NVA-Kalenders zur Wand drehte, er konnte die fröhlichen Soldaten, auf Panzern stehend, nicht mehr ertragen. Seit 1985 wehte aus der Sowjetunion ein neuer, frischer Wind, der nach Aufbruch roch, der mittrug, nach vorne, in eine bessere Zukunft, in eine bessere DDR, mit Reise- und Meinungsfreiheit, freien Wahlen, einem Bewusstsein für die Umwelt, wirklicher Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Kriegsdienstverweigerung, weltweiter Abrüstung. Tschernobyl, Wettrüsten, Waldsterben, Kalter Krieg, über die Westmedien und Reisen der Familie nach Prag war Tim gut informiert, besser als die meisten aus seiner Klasse. Tim las alles, wusste alles über die Kernspaltung und ihre Gefahren: „Tschernobyl wirkt überall!“
Die Umweltbibliothek und die Berliner Zionskirche im November 1987Die Umweltbibliothek und die Berliner Zionskirche im November 1987 (© picture-alliance/dpa, Bildarchiv dpa)
Im Sommer 1987, in der Evangelischen Jugendfreizeit, fand er am Schwarzen Brett einen Hinweis zur UB, unter dem Gemeindezentrum der Zionskirche, Griebenowstraße 16. Tim Eisenlohr: „Als erstes schleppte ich Schreibtischlampen von zu Hause aus dem Keller in Treptow in den Keller im Prenzlauer Berg.“ Ein Junge allein in der Ringbahn, ständig schlackerte ein Stromkabel, die Lampen verbogen ihre Stahlhälse in alle Richtungen. Im Rucksack trug Tim ein Buch – und ein kleines, von ihm scharfgeschliffenes Beil mit sich. Denn nach dem Überfall durch Skinheads auf die UB hatte Tim Angst vor den Rechten: mit dem Bordsteintritt die Zähne herausgebrochen zu bekommen oder Schlimmeres. Hatte Angst, dass sie in ihm den Widerständler erkennen, den Querulanten, der sich weigert, im Wehrsportunterricht über den Fußballplatz zu robben, der lieber nein sagt, einfach aus Prinzip, weil alle ja sagen.

Die Bibliotheksfacharbeiterin Uta Ihlow, damals 22 Jahre, lange braune Haare, wacher Blick, war die versierteste Druckerin in der UB, sie wies Tim ein, zeigte ihm die Bücher, geordnet nach Themengebieten: Faschismus, Sowjetunion, Prager Frühling, Ökologie, Frieden und Menschenrechte, die DDR, die Arbeiterbewegung und mehr. Uta Ihlow rückblickend: „Manfred Eisenlohr, der Vater von Tim, kam in die UB, denn er las mit großem Interesse die Bücher, die ihm sein Sohn von dort mitbrachte. Wahrscheinlich aber dachte der Vater, ach, das sind bloß ein paar Spinner ohne Hintergrundwissen, zu unwissenschaftlich, zu chaotisch, zu wenig gebildet.“

Manfred Eisenlohr verbot seinem Sohn weitere Besuche in der UB, „mehrfach, ausdrücklich und strengstens“ so steht es in den Stasi-Akten beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU). Die Stasi hatte die UB im Blick und befragte Tims Vater zu den Aktivitäten seines Sohnes, übte Druck aus und plante weitere „Treffs“ mit Vater Eisenlohr. Tim aber wollte weiter im Ausleihdienst arbeiten und vielleicht hätte er auch mal beim Drucken dabei sein können, beim Drucken der Umweltblätter und vielleicht, vielleicht wäre nachts ja sogar etwas Illegales gedruckt worden, wie der Grenzfall!

Gefühlt ein Faradayscher Käfig

„Zum Tag des Überfalls waren seine Eltern verreist. Er ging einfach nicht nach Hause“, so Uta Ihlow in der Erinnerung an die Nacht vom 24. auf den 25. November 1987, eine Erinnerung, die ihr merklich nahe geht. Die Akten der Staatssicherheit berichten, dass Frau Simon, die Frau des Pfarrers, um 22:15 Uhr die 16-jährige Schwester von Tim Eisenlohr informierte, alles sei von der Stasi und der Polizei umstellt. Tim blieb in der Umweltbibliothek, schließlich sollte an diesem Abend oder in der Nacht gedruckt werden. Da wollte er doch nicht einfach nach Hause!

Nachts war die Zeit, in der die Welt draußen stillstand. Der Keller lag abgeriegelt, immer verschlossen, um Zeit zu gewinnen. Falls die Stasi klopft. Uta Ihlow: „Auch Essen hatten wir dort unten. Da war die Kasse. Der Keller war das Herz der UB. Alles Lebenswichtige war dort. Der Keller war für mich ein Hort der Freiheit. Dort fühlte ich mich geborgen. Die Kellertür zu und die Welt bleibt draußen. Nur manchmal kam Pfarrer Hans Simon, mit einem Glas Rotwein, und er wollte mit uns eine Antwort suchen, auf das, was er gerade in der Bibel gelesen hatte. Wir druckten im Akkordtempo, die Maschinen stampften, die Musik brüllte über allem und wir hatten eigentlich keine Zeit für philosophische Fragen. Hans Simon hat uns geschützt. Er verteidigte uns, stellte sich vor den Superintendenten und vor die DDR-Kirchenleitung, bewahrte uns vor dem Zugriff der Staatssicherheit.“

Über Wilhelm Knabe, Mitbegründer der Grünen, wurde eine neue Druckmaschine eingeschmuggelt. Drucken mit Matrizen, ohne Offset, ohne Lichtsatz, gegen die gezielte Desinformation der ewigen offiziellen Tageszeitung, dem Neuen Deutschland, die im Stil einer Wandzeitung daherkam, mit politischem Wetterbericht und Hofberichterstattung. Ihlow: „Die Maschine wollte einfach nicht mit unserem Ostpapier zusammenarbeiten. Alles mit Benzin auswaschen, wieder neu einlegen, eine Riesensauerei. Je länger wir druckten, desto überhitzter der Raum, durch die fünf Menschen, die Kurbeln drehten, sich bückten, Stapel auf Stapel luden, Papier nachfüllten. Die Wachsmatrizen liefen heiß; kniehoch standen wir in der Makulatur, um uns bedrucktes, zerfetztes Papier mit Schlieren und über allem der Geruch von Spiritus.“

Die Maschinen, die Wachsmatrizen, die Farbe, alles kam aus dem Westen. Sie versuchten, die Westdruckerschwärze mit Ostfarbe zu verlängern, schnell wurde die Farbe zu flüssig, zu nichts mehr zu gebrauchen. Die erlaubten Umweltblätter wollten sie drucken – und danach, zum wiederholten Mal, den illegalen Grenzfall, so Rüddenklau heute: „Es gab eine permanente Zusammenarbeit mit der Grenzfall-Redaktion. Nun, Konspiration bedeutet, nur zu wissen, was man wissen muss.“

Uta Ihlow arbeitete an diesem Abend im Ausschank der Galerie: „Wir haben nichts gesehen, nichts gehört; dass die Zionskirche umstellt war, mit Polizei und Staatssicherheitsdienst, wussten wir nicht. Zum zweiten Mal kam Wolfgang nach oben in die Galerie. Er seufzte, Tim ist immer noch da, unten im Keller. Er hätte schon längst zu Hause sein müssen. Die Erwachsenen waren sich einig, so lange ein Minderjähriger im Raum ist, können wir den Grenzfall als nichtkirchliches Blatt nicht machen.“ Immer weiter schoben sie die Druckzeit für das illegale Blatt nach hinten. „Um Mitternacht schlossen Andreas Kalb und ich die Galerie ab, brachten eine Kanne Kaffee und einen algerischen Rotwein hinunter zur Umweltbibliothek.“ Auf der Kellertreppe wurden sie von der Staatssicherheit festgehalten.

„Hände hoch – Maschinen aus!“

Die Stasi hatte einen Tipp bekommen, dass in dieser Nacht der Grenzfall in der UB gedruckt werden sollte. Flankiert von einem Generalstaatsanwalt und Polizei hatten etwa zwanzig Uniformierte der Staatssicherheit mit Pistolen im Anschlag den Keller der UB gestürmt. Rio Reiser brüllte: „Keine Macht für niemand!“ Die Band Ton, Steine, Scherben lief vom Kassettenrekorder. Lautes Schreien und Rumpeln, Arme hoch, Gesicht zur Wand. Gesicht nach unten. Grellweißes Licht im Rahmen der geöffneten Kellertür, Beamte der Staatssicherheit mit Waffen im Anschlag hetzten wie in einem betont überdramatischen Theaterstück durchs Bild, Pfarrer Simon stolperte die Treppe hinunter und, vertrieben von der Staatssicherheit, gleich wieder hinauf: „Ruf Bärbel Bohley an!“, kam es ihm von unten entgegen.

Wolfgang Rüddenklau: „Diese Druckmaschine, den ganzen Abend hat sie gebockt! Da standen wir, Beine breit, Arme an der Wand – und die Maschine druckt brav alles aus, stellt sich endlich ab. Von selbst. Bestimmt zehn, zwanzig Mann stürmten herein, mit Riesensprüngen. Die hatten das vorher richtig geübt. Nun also in Begleitung des Generalstaatsanwalts Gläsner. Aber die Grenzfall-Redaktion war nicht da, wie eigentlich vorgesehen.“ Die Wachsmatrizen für den Druck des Grenzfalls fand die Stasi im Nebenraum. Ihr eigentliches Ziel, die Redaktion des Grenzfalls auf frischer Tat zu ertappen, war gescheitert – genauso wie der Versuch, die publizistisch-literarischen Arbeiten der UB zu kriminalisieren. Uta Ihlow erinnert sich: „Jetzt ist alles vorbei. In die Untersuchungshaft – für wie lange? Mit welchem Ausgang? Wir standen auf dem Treppenabsatz, warteten und tranken den Rotwein aus. Keine gute Vorbereitung für ein Verhör …“
Titelblatt einer Ausgabe der "Umweltblätter".
Quelle: Umweltbibliothek Berlin.Titelblatt einer Ausgabe der "Umweltblätter".
Quelle: Umweltbibliothek Berlin. (© Umweltbibliothek Berlin )
Die Umweltblätter nahm die Stasi mit, über 10.000 Blatt bedrucktes Papier, die Geräte beschlagnahmten sie ebenfalls. Die Verhaftungen auf der Grundlage des Paragraphen 218 StGb, Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzeswidriger Ziele, trafen Tim Eisenlohr, 14 Jahre, Wolfgang Rüddenklau, 34 Jahre, Bodo Wolff, 33 Jahre, Till Böttcher, 17 Jahre, Bert Schlegel, 20 Jahre, Andreas Kalk, 20 Jahre, und Uta Ihlow, 22 Jahre. Sie wurden „zugeführt“. Die Stasi nannte ihre Aktion in der UB „Falle“. Wolfgang Rüddenklau beobachteten sie unter dem Namen „Störenfried“.

Wer war am Druck beteiligt? Wurde der Grenzfall gedruckt? Inhalt und Ziel der Umweltblätter? Struktur und Personal der Umweltblätter? Herkunft und Besitzverhältnisse der beschlagnahmten Maschinen? Die Vernehmungen dauerten bis in den Morgen. Tims Befragung begann um 2 Uhr nachts und endete um 9:30 Uhr, so das Vernehmungsprotokoll in den BStU-Akten, in dem Tim aussagte: „Ich nannte bereits mein Interesse für die Umweltproblematik. Weitere Antworten auf diese Frage möchte ich erst geben, wenn ich meinen Vater gesprochen habe, mit dem mich ein enges Vertrauensverhältnis verbindet. Mein Vater, der Jurist ist, gab mir nämlich bei einer mir nicht mehr erinnerlichen Gelegenheit zu verstehen, dass ich im Falle der Konfrontation mit den Sicherheitsorganen erst nach Absprache mit ihm aussagen soll.“

Bevor sich Vater und Sohn beratschlagen durften, wurde Manfred Eisenlohr von den Beamten befragt und unter Druck gesetzt. Er sollte fortan vom Erfolg der von der Stasi geforderten „Maßnahmen“ elterlicher Einflussnahme gegenüber Tim berichten.

Technik, Literatur, Öffentlichkeit!

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitete sich die Nachricht von den Verhaftungen durch die Nacht, um 4:30 Uhr kam am Donnerstagmorgen die erste Radiomeldung aus West-Berlin. Das Medienecho war enorm, das große Blätterrauschen setzte ein. Der Staatssicherheitsdienst dokumentierte dies mit einem heute in den BStU-Akten befindlichen Pressespiegel. Die taz titelte: „Zeitungsmacher verhaftet“, die BILD schrieb: „Schlacht in Ostberliner Kirche“, Die Welt: „SED schüchtert Kritiker ein. Festnahmen überall im Land“, die FAZ kommentierte mit „ Sturz aus den Wolken“ und die BILD fasste zusammen: „Stasi in der Kirche, Friedensgruppe verhaftet: Was ist bloß los in Ostberlin?“ Vom ständigen Korrespondenten der Frankfurter Rundschau, Karl-Heinz Baum, kam die Einschätzung, dass die Umweltblätter viel gefährlicher und aggressiver als der Grenzfall selbst seien, so die BStU-Akten. Die Stasi rapportierte: „Mit dem Ziel, medienwirksame Berichte zu ermöglichen, hat der in der DDR akkreditierte Korrespondent der FR Baum, Karl-Heinz, eigenen Äußerungen zufolge auf die in der Zionskirche protestierenden Personen eingewirkt, dem ihnen abverlangten Abzug in den Gemeindesaal zuzustimmen und ihn unter Anwesenheit westlicher Pressekorrespondenten mit Kerzen in den Händen zu vollziehen. Er versprach ihnen ein Presseecho in der westlichen Welt‚ was sie nie wieder kriegen würden“.

In der Kirche hängten sie Transparente auf: „Wenn wir nicht lernen, friedlich miteinander zu leben, werden wir verdammt sein, gemeinsam unterzugehen.“ Die ganze Nacht wurde genäht, im Morgengrauen ließen sie ein weiteres Transparent vom Dach der Zionskirche ab, in 30 Meter Höhe: „Wir protestieren gegen die Festnahmen und Beschlagnahmung in der Umweltbibliothek“. Sofort fuhr die Feuerwehr ihre Leitern aus und entfernte es um kurz nach 8 Uhr am Morgen. Ein Kamerateam des ZDF wurde massiv behindert von der Stasi, es galt ein „Ablichtungsverbot für Polizei und Sicherheitsorgane“.

Wolfgang Rüddenklau über die weltweite mediale Berichterstattung, die einer Inszenierung gleichkam: „Diese große Öffentlichkeit haben wir in Kauf genommen. Uns war klar, dass wir dadurch ein großes Maß an Sicherheit gewinnen. Und dann hatten wir in West-Berlin den Aufkleber der Umweltbibliothek fertigen lassen. In Ost-Berlin klebten die Ausreisewilligen den auf ihr Auto und meistens klappte es: Sie wurden festgenommen und in den Westen entlassen.“

Bei den Protesten an der Zionskirche wurde erstmals die Mahnwache als ein politisches Mittel eingesetzt. Einen 16-Jährigen, der eine Kerze außerhalb der Kirche aufstellen wollte, prügelte die Staatsmacht krankenhausreif. Teilnehmer der Mahnwachen wurden verhaftet. Daraufhin ging ein Anruf um 21:43 Uhr aus der Zionskirche bei Roland Jahn in West-Berlin ein. Dann, einen Anruf weiter von Jahn zu Holger Kulick vom ZDF: Zwei Minuten später beginnt das heute-journal seine Sendung mit der Meldung, die Mahnwache vor der Zionskirche wurde verhaftet. Millionen Menschen sind sofort informiert.

Mitarbeiter der Stasi standen in Hauseingängen, Türbogen und auf Bürgersteigen, eine noch nicht erlebte Präsenz, sie filmten und fotografierten alle, die im Gemeindezentrum aus- und eingingen, auch die Eltern, die nur ihre Kinder aus dem Gemeindehort holten. Verdächtige, alternativ Aussehende wurden angehalten, Passkontrolle. Es kam zu Verhaftungen in den größeren Städten der Republik, Andersdenkende erhielten „Berlin-Verbot“; falls sie zu Protesten in die Hauptstadt reisten, griff die Transport-Polizei sie in den Zügen ab.

Rüddenklau: „Wir hatten ziemlich genau die Verschuldung der DDR im Westen im Blick und wussten, dass die Milderungen, die eingetreten waren, nicht von Humanität zeugten, sondern der Notwendigkeit entsprangen, dem Westen ein freundliches Gesicht zu zeigen. Dass das System als solches nicht in der Lage ist, Demokratie zu produzieren.“ Mit der Aktion „Falle“ setzte die DDR ihre mühsam erworbene, internationale Reputation aufs Spiel, denn zum ersten Mal seit den fünfziger Jahren drang der Staat in Kirchenräume ein. Nach außen hin gab sich die DDR als ein normal funktionierender, zivilisierter Staat. Die Foltermethoden aus den Anfangsjahren waren nicht mehr praktikabel. Die Maßnahmen waren nun feiner, psychologischer, zersetzender. Der Paragraph 218 fand gegen Till Böttcher, Andreas Kalk, Wolfgang Rüddenklau und Bert Schlegel Anwendung, Gefängnis bis zu fünf Jahren drohte ihnen. Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzeswidriger Ziele, Herstellung staatsfeindlicher Papiere.

Der Anfang vom Ende der DDR?

Nach ihrer Verhaftung, Vernehmung und der Freilassung fuhr die Staatssicherheit mit Uta Ihlow in ihre Wohnung. Eine von vielen Hausdurchsuchungen begann. Ihlow: „Acht Mann durchkämmen deine persönliche Habe. Das ist entwürdigend. Ich saß mit dem Staatsanwalt in der Küche, voll kalter Wut. Ich fragte ihn, wie könne er so etwas gutheißen?“

Uta wollte, völlig übermüdet, zu den Mahnwachen für Bert Schlegel und Wolfgang Rüddenklau, sie waren immer noch in Untersuchungshaft. Zuvor aber musste sie vor einem oppositionsinternen Gremium aussagen, welche Antworten sie der Staatssicherheit gegeben hatte. Uta Ihlow: „Das Verhörgremium an der Zionskirche war schrecklich streng, mit Vera Wollenberger an der Front. Wir waren ja nur Fußvolk. Die Punks haben mich wenigstens mal in den Arm genommen.“ Jede Nacht wurde Uta auf eine Polizeiwache gebracht, „Sie haben gewartet, bis ich das Licht ausmache. Dann haben sie an die Tür gedonnert, um drei, vier Uhr. Ich wurde von einem Revier zum anderen gefahren.“ Sie hielt den Nerventerror nicht mehr aus, übernachtete bei ihren Eltern. Die Mutter deckte sie zu, als wäre sie ihr kleines Mädchen. Uta Ihlow: „Alle redeten auf mich ein: auf der Arbeit. In der Familie. Die waren bei meinem Vater, bei meinem großen Bruder. Dass ich da nicht mehr hingehe. Um die Bewegung kaputt zu machen, setzten sie die gesamte Familie massiv unter Druck. Die gibt ja dann diesen Druck weiter.“ Angeordnet wurde alles durch den Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, Ministerium für Staatssicherheit, durch Erich Mielke.

Die Untersuchung der technischen Abteilung der Staatssicherheit, verzeichnete akribisch verschiedene Geräte als Fundstücke, die für den Druck benötigt wurden, in ihren Unterlagen. Darunter ein Schablonendrucker Progress, handbetrieben, der zur Vervielfältigung der Seite 1 des Grenzfalls gedient hätte, so die Aktenlage der Staatssicherheit. 9.616,75 Mark kosteten die durchgeführten Expertisearbeiten, Lohnkosten für Gutachter, für wissenschaftlich-technisches Personal. Die Geräte blieben durch den Zoll eingezogen. Die alten Männer vom Politbüro begannen um ihre Positionen zu fürchten. Die Herstellung der Umweltblätter ließ sich nicht kriminalisieren. Der Nachweis, dass der verbotene Grenzfall gedruckt wurde, konnte nicht erbracht und die Verhafteten mussten wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Die Wahrheit konnte nicht weggeschlossen werden. Sie hatte sich verbreitet. Keine noch so gezielte Desinformation der offiziellen DDR-Presse konnte dagegen an. Mit der Aktion „Falle“ hatte die Wahrheit gesiegt und die Kraft des freien Wortes die Menschen in der DDR auf einen unaufhaltsamen Weg zur Freiheit gebracht. Uta Ihlow meint heute zum Medienecho auf die Verhaftungen: „Wir waren so typisch für die Zeit, eine kleine Untergrundszene – wäre die Aktion ‚Falle‘ der Staatssicherheit nicht gewesen, wir wären in unserem Keller verschimmelt.“

Die Erfahrung des gemeinsamen widerständigen Lebens mit der Vorstellung einer gesellschaftlichen Utopie, die sich den offiziellen Vorgaben in so ziemlich allem entgegensetzte, eint die Biografien von Ihlow, Rüddenklau und Eisenlohr. Uta Ihlow arbeitet heute weiterhin in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Tim Eisenlohr lebte auf Amrum, wo er eine Islandpferdezucht aufbaute, und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, in den Krisengebieten vor Ort und in Deutschland. Wolfgang Rüddenklau führt pro Tag drei Besuchergruppen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, drei bis vier Schichten die Woche. Es ist sein Gefängnis, das ehemalige Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, ein Ort, den viele ahnten, den aber keiner wissen durfte, ein unbezeichneter Fleck auf dem Stadtplan von Ost-Berlin. Rüddenklau: „Ich träume manchmal, dass ich ihm begegne, meinem Vernehmer, dem Karstädt. Kein Wunschtraum, ein Alptraum. Karstädt: ‚Sagte ich Ihnen nicht, dass wir uns wiedersehen?‘“

Zitierweise: Silke Kettelhake, Vom Suchen und Finden - Stasi-Razzia in der Umweltbibliothek, in: Deutschland Archiv, 26.11.2018, Link: www.bpb.de/281016



Zur Aktion "Falle" gibt es hier einen Fernsehbeitrag aus der ZDF-Sendung KENNZEICHEN D vom 2.12.1987.


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