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Beleuchteter Reichstag

16.9.2020

4. Begrüßungsgeld 100 D-Mark

"Man wurde fast erschlagen" vom prallbunten Angebot in den Schaufenstern, schildert Vera und beschreibt, wie schnell die 100 D-Mark Begrüßungsgeld, die BesucherInnen aus Ostberlin erhielten, "für Schnullifax" drauf gingen. Auch Schamgefühl entsteht.
Nach dem Mauerfall. Vor einer Westberliner Bank stehen Ostberliner Schlange, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Die Aufnahme entstand am 12.11.1989.Nach dem Mauerfall. Vor einer Westberliner Bank stehen Ostberliner Schlange, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Die Aufnahme entstand am 12.11.1989. (© picture-alliance, ImageBROKER | Norbert Michalke)

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Gesellschaftspolitischer Hintergrund

Während der Mauerfall ddr-hausgemacht war und beide Seiten auf ihre Weise glücklich machte, war die Aktion, jedem DDR-Bürger das Recht auf 100 D-Mark Begrüßungsgeld im Westteil der Stadt zuzusprechen, ein erster gezielter politischer Akt – denn: die Gesamtsumme musste der westdeutsche Steuerzahler aufbringen; dieser wurde aber nicht gefragt – die Kohl-Regierung ging vom Verständnis des Steuerzahlers aus (obwohl viele westdeutsche Bürger damit eigentlich nicht einverstanden waren). Dahinter stand die politische Strategie, OstbürgerInnen materiell viel zu bieten, um den Wunsch, unter gleichen Bedingungen wie im Westen zu leben, zu erleichtern. Dabei war es Ende 1989 sicher der grösste Wunsch der weitaus meisten DDR-Bürger, ein materielles Lebens- und Konsumniveau zu haben wie im Westen. Letztlich war die Wirkung der flächendeckend verteilten 100 D-Mark aber so kurzfristig wie eine großzügige Zuckergabe, die der Mensch seinem Körper gewährt: dieser bekommt einen kurzfristigen Schub, es stellt sich ein Glücksgefühl heraus – welches dann aber wieder auch rasch verflogen ist und nicht nachhaltig wirkt. Viele wussten einfach nicht, was sie kaufen sollten – sie waren es nicht gewohnt, im Alltag zwischen attraktiven Angeboten rasch und zielstrebig zu wählen. Viele andere kauften irgendwas, was sie spontan interessant fanden – "Schnullifax" (Vera, siehe unten). Mit dem Begrüßungsgeld beginnt eine Politik, die mit materiellen Ködern den Selbstbestimmungswillen von DDR-BürgerInnen langfristig geschwächt hat – nach dem Motto "die Brüder und Schwestern werden's schon richten".

(a) Alla BW 25 (Osten) "dann hats mir leid getan daß die hundert mark weg warn"

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Alla - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Alla (54, Lehrerin, Hellersdorf) will sich von einer Sparkasse im Wedding das Begrüssungsgeld abholen. Sie sieht sich einer langen Schlange gegenüber, jedenfalls "war es auch noch das schlimmste"; wie schon unter (3 f) offensichtlich, bedeutet ihr das Geld an sich nicht viel; sie schaut sich im Westen überall um, ist aber unfähig zu entscheiden, was sie kaufen sollte. Die Vielfalt der Produkte macht eine Entscheidung schwierig. Als sie schließlich ein Buch gekauft hat, tut es ihr leid, dass das Geld schon wieder weg war.

Allas Ratlosigkeit wird durch Wiederholungen in Form von Selbstbefragungen unterstrichen. und in aller Deutlichkeit stellt sie ihre Ratlosigkeit dar. Sie weiss einfach nicht, was sie mit dem Geld anfangen soll. Interessant ist für uns der Hintergrund: Der Umgang mit Geld ist in ihrem Leben derart "nebenwirksam", dass da keine Gewohnheiten bestehen, von denen sie sich bei Entscheidungen leiten lassen könnte.

Ausschnitt des Interviews mit Alla und Transkription

Alla (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

122 JD
und die hundert mark?

123 ALLA
ja die hab ich dann auch einmal ge dann einmal geholt; das ach so das war auch noch das schlimmste. hab ich gedacht was machst du denn nun läßt dus verfalln, na ja kaufen kannste sowieso nichts dann also mußt du irgendwo hier in sone sparkasse; und das war eh wo war denn auch doch das war nochmal wedding; ich glaube wedding. (0.6) und das war eh war auch nochmal son sch sone schlímme situation. da STAND ein schlánge vor der vor der sparkasse die hatte noch nich geöffnet, nachmittags glaub ich; und eh mir ging das herz wie verrückt also eh die polizei hatte da eh geórdnet weil soviele leute warn, und dann drinnen drinnen wars ja ganz schnell; ich glaube man mußte nur den ausweis vorzeigen; ich weiß es schon gar nicht mehr.

124 JD
hmhm;

125 ALLA
ja den ausweis glaub ich; und dann kriegte man die hundert mark; eh die hundert mark hat ich EWIG ((lacht)) ((lacht)) weil ich einfach nich wußte was ich mit den hundert mark machen sollte weil ich einfach nich wúßte was was káufst du; was was nímmst du dafür. ich glaub ich hab als erstes n buch dann gekauft. (2.3) (2.0) und dann hat dann hats mir leid getan daß die hundert mark weg warn. ((lacht)) ((lacht))

(b) Vera BW 19 "ramschkäufe"

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Vera - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Vera (um die 40, Mahrzahn) schildert die Qual der Wahl, in der westlichen Vielfalt von Angeboten zu praktischen Entscheidungen zu kommen. Die große Auswahl, die Buntheit der Farben, die vielen Geschäfte hat sie und die anderen Ostberliner "regelrecht erschlagen". Einkaufen ist in dieser ersten Zeit anstrengend. Und da sie und die anderen sich schwer tun, sich für größere Anschaffungen zu entscheiden, kaufen sie viele kleine Dinge, die sie im Alltag brauchen (Sportzeug, Unterwäsche, Haushalt) oder Essbares, das man geniessen möchte (z.B. Süßigkeiten). Sie sind mit Entscheidungen für Qualitätswaren überfordert. So kauft man nach Veras Beobachtungen "Schnullifax" und "Kikifax".

Für Vera gilt, was für die meisten Ostberliner zu gelten scheint: der Besuch im Westen, in dem bisher unbetretenen Land der Sehnsüchte, ist anstrengend. Man ist gern wieder zurück bei sich, entspannt sich in den lokalen Armen des Vertrauten. Vera bedauert, dass so viele "blödn ramschkäufe" gemacht wurden. Und sah man die Ostler mit den knallbunten Ramschkäufen scharenweise nach Hause ziehen, musste man sich schon ein wenig schämen, dass man nun selber zu diesen Ostlern gehörte (beschädigte Identität, siehe Dittmar, Umbruchstile, in Dittmar / Paul 2019, Teil C).

Vera und ihr Freund haben " urst jekuckt", als sie in der Nähe der Leipziger Str. in den Westteil kamen. Urst , Superlativ zu urig, bedeutet sehr intensiv, aufmerksam, besonders. Das typische ostberliner Wort ist heute nur noch der älteren Generation bekannt. Vera spricht ein lebendiges und typisches Berlinisch.

Ausschnitt des Interviews mit Vera und Transkription

Vera (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

0007 VERA
äh: ja: also ick bins erste mal mit meim freund rüber^* an dem grenzüberjang wo ick ooch damals jewohnt habe^ (2.0) und habe imma zu meim freund jesacht * hoffentlich komm wir wieda zurück^ * dit wa meine einzije sorge jewesen * daß wir ooch wieda zu'rückkomm un: * als ick dann aba erst mal drübn war * wurde ick eigentlich * relativ ruhich * wir sind dann so: * die kochstraße langjelaufn * äh: parallel zur leipziger straße also nich direkt weit in westen rin * urst jekuckt und wir ham uns sojar noch am gleichen abend jeld jeholt * warum weeß ick eigentlich bis heute nich * aba irgendwie so: * einfach rin inne bank * die hundert mark jeholt * und dann sin wa so jeloofen * und dann waret ja eigentlich (2.0) äh: man wurde ja fast erschlagn * also die: * 'schaufenster die warn ja 'knallbunt jewesn das hat man ja im osten nicht jekannt und * also so: 'viel * man * wirklich man wurde regelrecht erschlagn * von den sachen wat dit allet jab * und dann hatte man im prinzip nur een jedanken^ * oh: dit und dit und dit würde ick allet jerne haben * aba im prinzip hatte man ja nur hundert mark^ und: * naja dann hat man sich halt doch überlegt * und dann im prinzip hat man eigentlich nur schnullifax gekooft * so wie 'cola oda * ne turnhose weil die so geil aussah * oda weeß ich nich * irgendwie * unterwäsche * oda irgendwie * 'süßigkeiten^ * weil süßigkeiten war ja dit wats (2.0) im osten ja ooch nich so viel jab oda nich so 'schön oder weeß ick wie ooch imma also: eigentlich nur für kikifax dit jeld ausjejebn * aba^ als ick dann wieda zurück jewesn bin uffn osten war eigentlich wa ick ooch wieda froh jewesn* uff heimichen boden zu sein sag ich jetzt mal so

0008 VERA
(2.0) naja und dit zweete mal: * jao: * wenn man/ bin dann paar mal noch rüber also (2.0) dit hat sich dann so gelegt man hat dit dann als normal empfunden * daß die schaufenster so voll sind * und (3.0) ja und * wat natürlich uffjefalln is * man hat * die ostler erkannt * die sich die hundert mark jeholt hattn * die sind natürlich mit knall * volle tüten zurückjekomm * weeß ick ba'nanen und obst und wat dit allet * zu ostzeiten nich jab^ natürlich einjekooft wie die blödn * ramschkäufe jemacht also * manchmal mußte man sich wirklich dafür schämn * daß man selber ostler is und daß die andern ((unverständlich)) naja^ jetz is et halt nich mehr so (5.0)


Die Mauer. 1961 bis 2021

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