Beleuchteter Reichstag

12.2.2021 | Von:
Dr. Jochen Staadt

Suizide bei den Grenztruppen der DDR. Eine Replik auf Udo Grashoff

Selbstmorde bei den Grenztruppen und im Wehrdienst der DDR. Wie zählen? Wie bewerten? Ein Expertenstreit. Auf eine Kritik von Dr. Udo Grashoff an der Zählweise des Forschungsverbunds-SED Staat an der FU Berlin antwortet der Kritisierte, Dr. Jochen Staadt.

Stein des Anstoßes. Die Studie mit Recherchestand vom 1. Januar 2017 über Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze, herausgegeben von Prof. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt.Stein des Anstoßes. Die Studie mit Recherchestand vom 1. Januar 2017 über Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze, herausgegeben von Prof. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt. Die Forschungsarbeiten gehen noch weiter. (© bpb / Kulick)

Mein von Udo Grashoff 2021 im Deutschland Archiv kritisierter Beitrag in dem Buch "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes...",[1] mehr aber noch in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat 41/2017[2] enthält für mehrere Jahre Hochrechnungen zu Suiziden im zivilen und militärischen Bereich. Zusammenfassend wird auf der Grundlage dieser Zahlenangaben festgehalten, dass es offenbar nach Einführung der Wehrpflicht Jahre gab, „in denen die Suizidraten in der Armee höher ausfielen als in der vergleichbaren Altersgruppe“ außerhalb des Militärs, „sowie Jahre, in denen sie etwa gleich oder niedriger lagen. Erklärbar wäre das vermutlich nur nach einer fallbezogenen Analyse, die Statistik bietet zu dieser Frage wenig Erhellendes.“[3] Keineswegs aber rechtfertigt sie Grashoffs Fazit: „Eine moralische Anklage des Militärs oder der Staatssicherheit kann bei der NVA, ebenso bei den Grenztruppen, nicht mit der Selbsttötungshäufigkeit begründet werden.“[4]

Im Handbuch zu den Opfern des DDR-Grenzregimes und in meinem Zeitschriftenbeitrag wird darauf hingewiesen, dass Suizide in den Grenztruppen nicht auf monokausale Ursachen zurückgeführt werden können.[5]

Das belegen auch die Ergebnisse von MfS-Untersuchungen. So ermittelte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in 74 von insgesamt 87 Suiziden beziehungsweise Suizidversuchen, die sich im Jahr 1969 in der NVA ereigneten, folgende Motive der Tat: In einem Fall sei demnach die „Mißachtung der persönlichen Würde und Androhung von Repressalien durch Vorgesetzte” der Grund gewesen, ebenfalls einmal sei eine „nicht richtige Darlegung einer richtig getroffenen Kaderentscheidung” der Grund gewesen, in acht Fällen sei „aus Unlust zum Dienst und mit dem Ziel, ihre Verpflichtung als Berufssoldat und Soldat auf Zeit rückgängig zu machen” gehandelt worden, in sechs Fällen habe „Angst vor Bestrafungen” vorgelegen. In den meisten, nämlich in 28 Fällen, werden „familiäre Schwierigkeiten bzw. zerrüttete Eheverhältnisse” als Grund für Suizidhandlungen angegeben.[6] Meine Kritik an den Ergebnissen Udo Grashoffs bezog sich auf folgende Aspekte:

• Die im Vergleich zur Bundesrepublik wesentlich höhere Suizidrate in der DDR stehe in keinem Zusammenhang mit der SED-Diktatur und der Abschottung des Landes. Dem widersprechen die Recherchen unseres Forschungsteams, das Fälle von Suiziden nach gescheiterten Fluchtversuchen bzw. nach mehrfach abgelehnten Ausreiseanträgen erfasst hat.

• Die Zahlenangaben seines Vergleichs zwischen Suiziden im zivilen und militärischen Umfeld beruhen bei ihm auf der Gegenüberstellung der zu DDR-Zeiten geheim gehaltenen Gesamtzahl von Suiziden junger Männer einer Altersgruppe mit den Suiziden während des Militärdienstes. Die in der DDR erfassten Suizidzahlen der angeblich mit der NVA vergleichbaren zivilen männlichen Altersgruppe unterscheiden jedoch nicht zwischen Selbsttötungen im Wehrdienst und im zivilen Leben. Da für die Vergleichsgruppe der jungen Männer Wehrpflicht bestand, der sich nur wenige entziehen konnten, handelt es sich bei Grashoffs Gegenüberstellung um ein Nullsummenspiel, da die Suizide im Militärdienst in der zum Vergleich herangezogenen Gesamtzahl bereits enthalten sind.

• Grashoffs Untersuchung über „Selbsttötungen in der Nationalen Volksarmee” enthält hinsichtlich der Suizidmotive von Soldaten und Offizieren allerlei nicht nachvollziehbare relativierende Erwägungen. So vermutet er beispielsweise im Fall eines zum Bausoldatendienst zwangseingezogenen jungen Mannes „psychopathologische Ursachen“ für dessen Suizid. Er war drei Wochen zuvor von der Volkspolizei festgenommen und bei der Einheit abgeliefert worden. Die MfS-Ermittler konstatierten: „Aus politischen Erwägungen heraus beging Soldat Puhlmann, MB III, Selbsttötung.“[7]

• Da in der Bundeswehr die Suizidrate niedriger lag als in der gleichaltrigen westdeutschen männlichen Bevölkerung, wäre aus Grashoffs Berufung „auf die grundlegende Bedeutung psychopathologischer Deutungen, die in der Kindheit erlittenen seelischen Verletzungen ein weitaus stärkeres Potenzial für die Ausprägung von Suizidalität zubilligen als späteren Lebenskonflikten“ zu folgern, dass NVA-Soldaten in ihrer Kindheit mehr seelische Verletzungen erlitten hätten als ihre Altersgenossen in der Bundeswehr.

"Dass dieser Ansatz Debatten hervorruft, ist verständlich"

Grashoff spitzt schließlich seine Kritik auf die Behauptung zu, im Handbuch zu den Todesopfern des DDR-Grenzregimes diene die Selbsttötungsproblematik einer „möglichst dramatischen Stilisierung der DDR als totalitäre Diktatur“. Dem am Handbuch beteiligten Forschungsteam ging es darum, sachlich und quellengestützt aufzuzeigen, wie vielfältig die Absichten, Rollen und Positionen von Menschen waren, die dem Grenzregime der DDR zum Opfer fielen: Die Bandbreite reicht von unbeteiligten Anwohnern über Grenzgänger und Flüchtlinge bis zu den Militärangehörigen selbst.

Dass dieser Ansatz Debatten hervorruft, ist verständlich. Was aber vermieden werden sollte, ist die falsche Wiedergabe von Passagen jener Publikationen, mit denen sich die Beiträge doch auseinandersetzen wollen, also unseres Handbuchs und meines Beitrages in der Zeitschrift des Forschungsverbundes (ZdF) Nr. 41/2017.[8] Grashoff behauptet: „Staadt hingegen glaubt, dass auch Suizide im Anschluss an Morde und andere Kriminalfälle wie der eines Offiziers, der sich erschießt, nachdem er wegen Misshandlungen von Töchtern und Ehefrau zur Stellungnahme aufgefordert wurde, zu den Opfern des Grenzregimes gezählt werden müssten. Staadt schildert weitere Fälle, die im biografischen Teil ausgelassen wurden. So erschoss sich ein Offizier, nachdem er betrunken Auto gefahren und erwischt worden war, was er in seinem Abschiedsbrief als schmähliches Versagen bezeichnete. Wieso der Oberstleutnant, der laut Schilderungen von Kollegen sowie der Ehefrau übereifrig, ehrgeizig und sehr empfindlich war, ein Opfer des Grenzregimes gewesen sein soll, erschließt sich mir nicht.“

In dem kritisierten Zeitschriftenbeitrag steht aber das genaue Gegenteil. Dort wird ausdrücklich begründet, warum diese Selbsttötungen nicht als Opfer des DDR-Grenzregimes eingestuft wurden. Die von Grashoff falsch wiedergegebene Textstelle lautet folgendermaßen: „So erschoss sich am 19. Mai 1980 der Ausbilder an der Offiziershochschule der Grenztruppen ‚Rosa Luxemburg‘ Oberstleutnant Jürgen H. Seine Ehefrau hatte zuvor den Kommandeur der Hochschule um Hilfe gebeten, da sowohl sie als auch die beiden gemeinsamen Töchter von Jürgen H. mehrfach misshandelt worden waren. Aufgefordert, schriftlich zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, begab sich der Oberstleutnant in sein Büro und tötete sich durch einen Kopfschuss mit seiner Dienstpistole."[9] In dem biografischen Handbuch wurde dieser Suizid im dienstlichen Zusammenhang ebensowenig berücksichtigt wie Selbsttötungen aus Angst vor Strafen nach Amoktaten.

So ermordete ein Grenzpolizist der Grenzbrigade Mühlhausen im August 1961, nachdem er sich betrunken hatte, ein zweijähriges Kind und verletzte eine Frau schwer. Danach tötete er sich selbst mit seiner Pistole.[10] Auch der von Grashoff erwähnte Fall des ehrgeizigen Oberstleutnants wurde im Handbuch und auch im Zeitschriftenbeitrag unter jene Offiziere subsumiert, „die sich den Anforderungen ihrer Dienststellung nicht gewachsen fühlten“.[11] Wie Grashoff zu der Behauptung kommt, Staadt glaube, dass diese Männer „zu den Opfern des DDR-Grenzregimes gezählt werden müssten“, erschließt sich mir nun wiederum nicht.

MfS-Akte über einen Major der Grenztruppen, der sich selbst getötet hat.In der FU-Studie zitierte MfS-Meldung über die Selbsttötung eines Majors der Grenztruppen im Grenzausbildungsregiment in Glöwen (Brandenburg) im Mai 1988. Verkürzt wird in dem Stasi-Papier eine vor Ort aufgefundene Abschiedsnotiz wiedergegeben: "STKLPA [Abkürzung für Stellvertreter des Kommandeurs und Leiter der Politabteilung] und das ist für die Fahne. Ich habe gerne gelebt. Bringt mich gut unter die Erde. Ich war gerne Offizier." Erst nach Drucklegung des Buchs fanden sich Tatortfotos, auf denen das offene Notizbuch des Toten zu sehen ist. "Und das ist für Deine Fahne" hatte der Major vor seinem Tod darin notiert, nicht aber "für die Fahne". Eine Interpretationsfrage. Offenbar war er wegen seiner Alkoholfahne heftig gerügt worden, aber nicht wegen Kritik an der Fahne der DDR. Auch über die Einordnung dieses Falls wird derzeit gestritten. (© BStU)
Es wäre weiterführend und wissenschaftlich redlich, wenn sich die Kontroverse über das DDR-Grenzregime und seine Opfer auf der Grundlage der tatsächlich in den jeweiligen Publikationen enthaltenen Aussagen bewegen würde.[12]

Das mir von Udo Grashoff vorgeworfene „Festhalten an undifferenzierten totalitarismustheoretischen Normvorgaben“ lässt sich weder mit dem Handbuch zu den Todesopfern des DDR-Grenzregimes noch durch den Zeitschriftenbeitrag über die „Suizide in den DDR-Grenztruppen“ belegen.[13] In beiden Publikationen wurden keinerlei systemtheoretische Erwägungen dieser Art angestellt. Gerne gebe ich aber zu, dass ich durch die Rezeption der Theorie über die Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft seit den frühen 1980er Jahren beeinflusst bin.

Für die politikwissenschaftliche Analyse der SED-Diktatur und der kommunistischen Systemrealität in anderen kommunistisch beherrschten Ländern hat Hannah Arendts Studie wichtige Grundlagen geschaffen – übrigens auch für das Verständnis der tatsächlichen „Komplexität historischer Phänomene, zu denen die DDR zweifellos gehört“ hat.[14]

Zitierweise: Jochen Staadt, "Suizide bei den Grenztruppen der DDR. Eine Replik auf Udo Grashoff“, in: Deutschland Archiv, 12.02.2021, Link: www.bpb.de/326356. Weitere Texte und Interviews in dieser Serie folgen. Es sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Weitere Beiträge in unserem Schwerpunkt: "Wer war Opfer des DDR-Grenzregimes?"

Zur Kritik von Dr. Udo Grashoff als Ausgangspunkt dieser Replik.

Fußnoten

1.
Klaus Schroeder/Jochen Staadt (Hg.), Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989. Ein biographisches Handbuch, Frankfurt a.M. 2017, S. 531, 532.
2.
Jochen Staadt, Suizide in den Grenztruppen. Zeitschrift des Forschungsverbundes SED Staat Nr. 41/2017
3.
Ebd., S.150
4.
Udo Grashoff, „In einem Anfall von Depression …” Selbsttötungen in der DDR. Berlin 2006, S. 99.
5.
Vgl. hierzu: Flottenarzt Dr. K. Reuter, Oberstarzt Dr. P. Richter, Oberst Dr. H.-H. Mack, Suizidalität in Streitkräften – Risikofaktoren für vollendete -Selbsttötungen von Soldaten. Wehrmedizinische Monatsschrift 2016/1. Abrufbar unter: https://wehrmed.de/humanmedizin/suizidalitaet-in-streitkraeften-risikofaktoren-fuer-vollendete-selbsttoetungen-von-soldaten.html
6.
BStU, MfS, HA I, Stab/Referat III: Information über die Entwicklungstendenzen der Selbstmorde und Selbstmordversuche in der NVA im Zeitraum vom 1.1.1969 bis 20.2.1970. BStU, ZA, MfS, HA I, Nr. 13241 Teil 2 von 2. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Untersuchung der HA IX. Vgl. MfS, HA IX; Ströder (Leutnant): Einschätzung über das Auftreten von Selbstmordvorkommnissen durch Angehörige der NVA im Zeitraum von Januar 1969 bis Mai 1970. BStU, ZA, MfS, HA I, Nr. 15265, Teil 1 von 2.
7.
MfS, HA I/AKG: Selbsttötungen 1978. BStU, ZA, HA I Nr. 26. Udo Grashoff, „In einem Anfall von Depression …” Selbsttötungen in der DDR. Berlin 2006, S. 179.
8.
Jochen Staadt, Suizide in den Grenztruppen. Zeitschrift des Forschungsverbundes SED Staat Nr. 41/2017, S. 146-153.
9.
MStA: Abschlussbericht zum unnatürlichen Todesfall des OSL H., Jürgen OHS „Rosa Luxemburg”. BArch Freiburg, DVW/13/67225
10.
DGP: Berichte über den Stand der disziplinaren Praxis im Kommando der DGP 1956 – 1961. BArch Freiburg DVH 27/134531.
11.
Vgl. u. a. HA I/Kommando der Grenztruppen der DDR/UA Stab, Leiter der UA, gez. OSL Liebert: Chiffriertelegramm an HA I/AKG vom 02.04.1982. BStU, ZA, MfS, HA 1, Nr. 20 Teil 2 von 2.
12.
Auch Gerhard Sälter und Michael Kubina haben das in ihren Beiträgen leider nicht so gehalten.
13.
Siehe Jochen Staadt, Jochen, Suizide in den Grenztruppen. Zeitschrift des Forschungsverbundes SED Staat Nr. 41/2017, S. 146-153. Dieser von Grashoff kritisierte Beitrag ist unter folgendem Link nachzulesen: https://zeitschrift-fsed.fu-berlin.de/index.php/zfsed/article/view/582/564.
14.
Es fragt sich allerdings, welche anderen uns bekannten politischen Systeme denn keine „tatsächliche Komplexität historischer Phänomene“ aufweisen.

Deutschland Archiv

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