Beleuchteter Reichstag

1.10.2021 | Von:
Annika Rehm

Fluchtursachen

"Mit 18, 19 will man doch etwas anderes". Annika Rehm hat für Ihre Schüler*innenzeitung bei einem ehemaligen Flüchtling aus der DDR nach dessen Erlebnissen und Beweggründen gefragt. „Ich bin ein Gärtner, so eine kleine Leuchte, für mich interessieren die sich nicht“, hatte er früher gedacht. Ein folgenschwerer Irrtum. "Es vergeht kein Tag, an dem man nicht daran denkt“, sagt er heute.

Die "Stasi" verbreitete mit ihren Methoden in der DDR Angst und Schrecken. Das endete erst im Dezember 1989 und Januar 1990 als mutige Bürgerinnen und Bürger in der DDR die Dienststellen des "Ministeriums für Staatssicherheit" besetzten.
15. Januar 1990, Normannenstraße, Ruschestraße, StasizentraleBürgerinnen und Bürger strömen am 15. Januar 1990 durch den soeben geöffneten Haupteingang der Stasizentrale in Berlin-Lichtenberg (© Havemann-Gesellschaft)

Im Rahmen des Gesellschaftslehre-Unterrichts hatten wir das Thema der Diktatur in der DDR. Ich setzte mich in einem Referat mit der Geheimpolizei Staatssicherheit auseinander und wollte mehr wissen.

Frank Müller ist jetzt Gärtner, hat eine eigene Gärtnerei mit seinem Freund Thomas Pfützner, der auch auf der Flucht aus der DDR an seiner Seite war. Frank Müller wuchs in einer christlichen Familie auf, aus diesem Grund war die Familie bereits als verdächtig eingestuft, denn die DDR war ein atheistischer Staat. Außerdem verweigerte er den Militärdienst. Überall fühlte man sich kontrolliert. Sein Heimatstaat war kein Ort mehr zum Leben für ihn: „Es war kein Staat zum Hinfahren, sondern zum Abhauen.“

"Mit 18, 19 will man einfach was anderes"

Für Frank war die DDR ein krimineller Staat, alle Beteiligten waren für ihn kriminell. „Als Kind“, sagte er mir, „gewöhnt man sich daran und man lernt von früh auf, dass man nichts erzählen darf, überall waren Spitzel der Stasi. Aber mit 18 oder 19 Jahren will man einfach etwas anderes.“

„Hier weiterzuleben ist unmöglich“. So beschloss er mit Thomas und seiner damaligen Freundin Katharina abzuhauen. „Wir riskieren es und machen das jetzt.“ Über die ungarische Grenze wollte man in die Freiheit, sie wurden dabei aber geschnappt und verhaftet. Das war im Jahr 1982. Sie wurden eingesperrt, dann der DDR übergeben. Vier Monate saß Frank in Untersuchungshaft. Nach der Verurteilung hieß es dann für die Gruppe: Zwei Jahre Haft wegen Bandenbildung, Staatsfeindschaft und versuchtem Grenzübertritt (das war in der DDR ein Straftatbestand!).

Die Haft mussten Frank und Thomas im Stasigefängnis für politische Gegner in Cottbus absitzen. Dort herrschten schlimme Bedingungen. Drei Betten waren übereinandergestapelt und die Gefängniswärter hatten Spitznamen wie „der Würger“ oder „der Rote Terror“ bekommen, die wahren Namen der Wärtern wusste man nicht. „Permanent steht man unter Stress.“ Nachts ging jede halbe Stunde das Licht an, an Schlaf war nicht zu denken.
Blick auf das ehemalige Hafthaus 1 in Cottbus. Das Menschenrechtszentrum Cottbus konnte 2011 das Gelände erwerben und nach der Sanierung des ersten Gebäudes eine Gedenkstätte eröffnen.Blick auf das ehemalige Hafthaus 1 in Cottbus. Das Menschenrechtszentrum Cottbus konnte 2011 das Gelände erwerben und nach der Sanierung des ersten Gebäudes eine Gedenkstätte eröffnen. (© picture-alliance/dpa, Bernd Settnik)

Seine Freundin Katharina war in einem anderen Gefängnis, in einem speziellen Frauengefängnis. Da es nicht viele Frauen gab, die politische Feinde waren, musste sie in diesem Gefängnis mit vielen Kriminellen zusammen sein. „Bei ihr war es schlimmer als bei uns!“, sagte mir Herr Müller. Katharina musste sich während ihrer Periode Binden aus Abfall basteln. Das Essen war überall schlecht. Bei Frank gab es immer einen Kanister mit Kohlsuppe, er hasst Kohlsuppe. Zusätzliches Essen konnte man sich erwerben, mit dem Geld, das man in den drei Fabriken im Gefängnis verdiente. Frank Müller ging mit 78 Kilogramm Körpergewicht in das Gefängnis, als er entlassen wurde wog er 58 Kilo.

"Verschwunden"

Während der ganzen Zeit, in der er im Gefängnis war, galten sie als verschwunden, die Familien wussten lange nichts. Vor dem Haus der Familie standen täglich Stasimitarbeiter. So wurden sie tyrannisiert. Frank und Thomas waren etwa ein Jahr im Gefängnis, dann hieß es: „Runterkommen!“ Ein Teil der Familie, die im Westen wohnten, hatte sich für sie stark gemacht. Sie kamen ins Stasi-Auslieferungsgefängnis, wurden als „unerwünschte Personen“ ausgewiesen. Sie ahnten, dass sie jetzt rauskommen „aber ahnen ist nicht wissen“. Im Hof stand ein Bus mit Frankfurter Kennzeichen, angekommen im Bus wurden Geburtsurkunden und Zeugnisse verteilt und kurz vor der Grenze zur BRD stiegen die Stasi-Aufseher aus dem Bus aus. „Ruhig sein, wir sind noch nicht im Westen.“

In Gießen kamen sie in ein Notaufnahmelager und waren ab der ersten Sekunde Bundesbürger. Jetzt lebt er schon einige Zeit hier. Natürlich schlägt solch ein Erlebnis auf die Psyche. „Katharina war 2-3 Jahre danach noch enorm angeschlagen.“ Er erzählt, dass er nicht gedacht hätte, dass die Stasi ihn im Fokus hatte und dachte: „Ich bin ein Gärtner, so eine kleine Leuchte, für mich interessieren die sich nicht.“ Doch alles kam anders. Im Nachhinein sagt er: „Ich habe alles richtig gemacht.“

Heute reden viele die DDR schön, alles verklärt sich, „wenn wir nicht kritisch daran erinnern, kann´s ja niemand wissen. Man muss täglich für die Demokratie kämpfen und die Demokratie ist nichts Selbstverständliches.“

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Fragen an Autorin Annika Rehm:

1.) Wie bist Du zu diesem Thema gekommen?

Das Thema hat mich schon im Unterricht sehr interessiert (ich habe ein Referat darüber gehalten, wie die Stasi die Menschen in der DDR kontrolliert hat) und da habe ich die Chance genutzt einen Zeitzeugen zu treffen und das Gespräch war so spannend, dass ich es in dem Artikel veröffentlicht habe.

2.) Wie bis Du auf Deinen Zeitzeugen gestoßen?

Meine Familie hat die Gärtnerei erst vorletzten Sommer entdeckt und somit die beiden Gärtner kennengelernt. So haben wir auch über deren Geschichte erfahren. In der Gärtnerei ist ein Cafe, dass die beiden auch betreiben, wenn man dort sitzt kommt man schnell ins Gespräch.

3.) Welche Rolle spielt das Thema im Unterricht?

Meiner Meinung nach hängt die Thematisierung dieses Thema auch oft von dem Eigenengagement des Lehrers ab. Wie sehr interessiert sich der Lehrer dafür? Wie viel erzählt er uns zusätzlich zu dem Thema? Meiner Meinung nach ist es aber sehr wichtig, das Thema gründlich im Unterricht zu thematisieren, denn sonst unterschätzen Schüler schnell die historische Wichtigkeit vom geteilten Deutschland.

Zitierweise: Annika Rehm, "Fluchtursachen", in: Deutschland Archiv, 1.10.2021, Link: www.bpb.de/341186. Ihr Beitrag ist der Schülerzeitung "FrEddyS" aus der Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach am Taunus entnommen. Weitere Schülerzeitungstexte folgen unter diesem Link.


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