Beleuchteter Reichstag

12.10.2021

Ablauf der Ereignisse (III)

Bericht der Arbeitsgruppe „Rekonstruktion“ der Zeitweiligen Untersuchungskommission zu den Ereignissen vom 7./8. Oktober 1989 in Berlin (Auszüge)

Zuführungen am 7. und 8. Oktober 1989

(In der DDR war die „Zuführung“ eine Vorstufe einer Festnahme oder Verhaftung. Für die Zuführung war keine Begründung oder Rechtsgrundlage notwendig. Allerdings mussten Zugeführte nach spätestens 24 Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt werden, wenn bis dahin kein Haftbefehl ausgestellt worden war – d. Red.) Als es in den Abendstunden des 7. Oktober verstärkt zu Zuführungen kommt, ist die Kapazität des Zentralen Zuführungspunktes Rummelsburg (Haftanstalt – d.Red.) rasch erschöpft. … Erst nach Stunden, als Rummelsburg längst überbelegt ist, werden weitere Zuführungspunkte für die zumeist wahllos ergriffenen und ziellos durch die Gegend gefahrenen Menschen eingerichtet. Während und nach der Zuführung kommt es in nahezu all diesen Punkten zu schrecklichen Misshandlungen, zu seelischen und körperlichen Quälereien. …

Eine als Zeugin vernommene Wachtmeisterin aus dem Frauengefängnis Grünauer Straße … (nannte) Redeverbot und Schlafentzug sowie das An-die-Wand-Stellen … „Sondererziehungsmaßnahmen“. Als sie und ihre Kollegin zur Bewachung der Zugeführten befohlen wurden, habe ihr Vorgesetzter, Hauptinspektor Krause, von „festgenommenen Personen“ gesprochen. Vor Gericht gesteht dieser Vorgesetzte, man habe ihm und seinen Leuten „die Benutzung des Schlagstocks in eigenes Ermessen gestellt“.

Oberwachtmeister W., der vorsätzlichen Körperverletzung angeklagt und für schuldig befunden, berichtet: „Meine Vorgesetzten Major Jahn und Hauptmann Geron hatten uns angekündigt, es werden Staatsfeinde eingeliefert, die wie Staatsfeinde zu behandeln sind.“ …

Viele der Frauen und Männer, die am 7. und 8. Oktober in den Zuführungspunkten eingeliefert werden, müssen sich restlos entkleiden. Bei Vernehmungen wird Druck ausgeübt, einige Bürger werden während ihrer Vernehmung geschlagen. Dramatisch gestaltet sich die Lage der ergriffenen Bürger im Zentralen Zuführungspunkt Rummelsburg. Ein Teil von ihnen wird in überfüllte Zellen gepfercht (46 Personen auf 16 Quadratmeter Bodenfläche!). Später Eintreffende werden im Freien von scharfen Hunden flankiert und in offenen Garagen mit dem Gesicht zur Wand aufgestellt. Schläge und verbale Demütigungen werden reichlich verteilt. … Mitarbeiter des MfS kontrollieren die Befragungen der Zugeführten durch Angehörige der Kriminalpolizei. Entsprechend einer von der Hauptabteilung Untersuchung des MfS in Zusammenarbeit mit der Generalstaatsanwaltschaft erarbeiteten Orientierung sind der Öffentlichkeit um jeden Preis „Gewalttäter, Rowdys und Rädelsführer“ zu präsentieren. Das eigene, brutale Vorgehen soll gerechtfertigt erscheinen, die oppositionellen Kräfte kriminalisiert und diffamiert werden.

Alle ermittelten Personendaten werden in die MfS-Zentrale Normannenstraße zur gründlichen Überprüfung gegeben. … Kein Zugeführter soll ohne Einwilligung des MfS freikommen. … Dieses Verfahren kostet mehr Zeit, als gesetzlich erlaubt, denn spätestens nach 24 Stunden ist ein Zugeführter zu entlassen. …

In einigen Fällen werden die Unterschriften der zugeführten Bürger von den Vernehmern erpresst. Bei jeder Unterschrift kommt es zur Ausstellung eines Strafbefehls bzw. zu einem Schnellverfahren, da in der Zwischenzeit auch die Richter eingetroffen sind.

In den späten Nachmittagsstunden (des 8. Oktober) weist die Hauptabteilung Untersuchung des MfS die Berliner Kriminalpolizei an, einen Teil der zugeführten Bürger weiter in Gewahrsam zu halten, da sie eine Teilnahme an neuen Demonstrationen befürchtet. … Auch nach damaligem Recht ein klarer Bruch der Verfassung. …

Gegen 19 Uhr (am 8. Oktober) treffen im Reserveobjekt Blankenburg-Pflasterweg (leer stehende Kaserne der Bereitschaftspolizei – d. Red.) die ersten Transporte mit den bereits seit 24 Stunden und länger in widerrechtlichem Gewahrsam gehaltenen Bürgern ein. Nach Angaben des Präsidiums der Volkspolizei treffen bis 23 Uhr 53 Männer und 23 Frauen ein. Die eingelieferten Bürger, von ihren Bewachern unterwegs mit sadistischen Bemerkungen zu Tode geängstigt („Jetzt fahren wir euch auf die Müllkippe!“), werden im Laufschritt ins Objekt getrieben. Alle erdenklichen Schikanen kommen zur Anwendung. Kniebeugen, Häschen-hüpf-Gang über die Flure und Treppen, Schlafentzug, völliges Entkleiden der Männer auf dem Gang in Anwesenheit von Frauen, Stehen in Fliegerstellung, Lärm und Schläge machen die Stunden zur Qual. Gegen 2.00 Uhr (am 9. Oktober) weist die Führungsgruppe im VP-Präsidium die Entlassung aller Zugeführten an. Dennoch werden einige Bürgerinnen und Bürger, die nach Meinung ihrer Bewacher besonders „auffällig“ sind, erst noch zu schikanösen Putz- und Reinigungsarbeiten gezwungen.

Lastkraftwagen bringen einige der nächtlich Entlassenen zu den S-Bahnhöfen Blankenburg und Wartenberg, andere werden auf freier Straße abgesetzt. Gegen 5.30 Uhr erfolgt die Auflösung des Reserveobjekts. 17 Personen verbleiben in Untersuchungshaft. Gegen sie werden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Erst am 13. Oktober 1989 erfolgt – unter dem immer größer werdenden Druck einer empörten Öffentlichkeit – ihre Entlassung.

Quelle: Andreas Förster, "Eine Sternstunde des demokratischen Aufbruchs - Die Untersuchungskommission zur Polizeigewalt am 7. und 8. Oktober 1989 in Ostberlin", Deutschland Archiv vom 12.10.2021


Deutschland Archiv

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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Die Mauer. 1961 bis 2021

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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

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Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

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Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

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Dossier

Stasi

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

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    Auf Antrag aller zehn Fraktionen beschließt die Volkskammer, den in der Verfassung verankerten Führungsanspruch der SED zu streichen. Art. 1 Abs. 1 lautet jetzt: »Die DDR ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische... Weiter
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Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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