Beleuchteter Reichstag

12.10.2021

"Ein Lernort für Demokratie"

Ein Zeitzeugen-Interview mit Pfarrer Martin Michael Passauer über die Ostberliner Untersuchungskommission zur Polizeigewalt am 7. und 8. Oktober 1989

Martin Michael Passauer, Jahrgang 1948, war seit 1984 Pfarrer der Sophiengemeinde in Berlin-Mitte und bis 1990 persönlicher Referent des Evangelischen Bischofs Gottfried Forck. 1996 wurde zum Generalsuperintendenten des Sprengels Berlin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg berufen, was er bis 2008 blieb. Passauer war Vorsitzender der Zeitweiligen Untersuchungskommission zu den Ereignissen vom 7./8. Oktober 1989 in Berlin.

Herr Passauer, wie kamen Sie in die Untersuchungskommission?

Die unabhängige Kommission hatte sich bereits gegründet, allerdings ohne einen Vertreter der Kirche. Die darin versammelten Oppositionellen kannten mich seit langem. Ich hatte seit 1976 als Stadtjugendpfarrer und später als Pfarrer der Sophiengemeinde viele Veranstaltungen mit organisiert. So kamen sie auf mich und sprachen mich an. Bei der zweiten Sitzung des Gremiums war ich schon dabei.

Und auch für die parallel dazu berufene Kommission der Ostberliner Stadtverordnetenversammlung wurden Sie nominiert.

Ja, da gab es ja eine Reihe von personellen Überschneidungen. Auch Künstler und Schriftsteller wie Christoph Hein, Christa Wolf, Jürgen Rennert und Jutta Wachowiak waren ganz am Anfang in beiden Kommissionen. Die „staatliche“ Kommission hatte starkes Interesse daran, dass die Kirche auch zwei Vertreter in ihre Kommission entsendet. So wurden Oberkonsistorialrat Pettelkau und ich durch die Kirchenleitung gebeten, dort mitzuarbeiten. Frau Dr. Käte Gaede, die ebenfalls im Konsistorium arbeitete, wurde seitens der staatlichen Kommission ohne Rücksprache mit der Kirche berufen.

Am 9. November fusionierten die beiden Kommissionen zu einer. Nun saßen da Oppositionelle mit Vertretern der Staatsmacht zusammen. Wie empfanden Sie die Situation?

Vor allem als aufregend und herausfordernd. Da saßen wir mit denen an einem Tisch, mit denen wir sonst nie freiwillig geredet haben. Und natürlich wollten die Genossen uns gleich wieder erziehen, sie konnten es nicht anders. Ich kann mich noch erinnern, wie uns der Rechtsanwalt Friedrich Wolff – er war der Honecker-Anwalt – anfangs verbieten wollte, von einer „Diktatur“ zu sprechen. Das war bezeichnend. Ich hab gedacht, lass sie doch ihre Partei-Lyrik verbreiten. Je klarer und offener wir alle miteinander sprechen, desto besser kommen wir zusammen.

Und das hat geklappt?

Ja, auch weil die eingesetzten Arbeitsgruppen der Kommission sehr gut und schnell gearbeitet haben. Es lagen in kurzer Zeit viele Ergebnisse vor, mit denen wir arbeiten und die Befragungen gestalten konnten.

In den Befragungen wiesen die Verantwortlichen aber jegliche Schuld von sich, keiner bekannte sich zu dem Unrecht. Hat Sie das nicht erzürnt?

Natürlich, aber wir alle in der Kommission, hatten nichts anderes erwartet. Wir kannten ja die Vorgehensweise der Genossen. Nicht einer von den SED-Funktionären, Polizei- und Stasi-Chefs, die vor unserer Kommission standen, ließ irgendein Zeichen von Reue oder Selbstkritik erkennen. Der damalige Oberbürgermeister von Ost-Berlin, Erhard Krack, zum Beispiel beharrte darauf, nichts gesehen und von nichts gewusst zu haben. Er sei am Abend des 7. Oktober noch an der Gethsemanekirche – er redete immer von der „Getzemann-Kirche“ – vorbeigefahren, und da sei alles ganz ruhig gewesen. Oder Günter Schabowski – ich weiß noch, wie ich ihn vor seiner Anhörung unten im Rathaus am Fahrstuhl getroffen habe. Er sagte zu mir: „Und heute wollt Ihr mich also in die Mangel nehmen?“ Und lachte dabei so ein höhnisches Lachen.

Ich kann mich erinnern, dass die Kommission Schabowski in der Anhörung viel Sachliches entgegenhalten konnte.

Ja, na klar. Wir haben die Genossen alle nicht einfach davonkommen lassen, auch wenn sie in ihrer arroganten Art so taten, als perlte alles von ihnen ab. Es ging uns in der Kommission auch darum, denen zu zeigen, dass wir diese Politik, diese Gewalt und Willkür nicht mehr haben wollen in unserem Land. Und da waren auch viele der SED-Genossen am Tisch auf unserer Seite. Ich weiß noch, wie eine Frau aufgestanden ist, als wir Egon Krenz befragten, der natürlich auch alles von sich wies und eine Verantwortung der Parteispitze für das Vorgehen gegen friedliche Demonstranten bestritt. Da stand diese Frau, die in einer Erweiterten Oberschule eine leitende Funktion innehatte, auf und sagte mit bebender Stimme: ‚Egon, das muss ich dir jetzt mal sagen, wir haben immer für die Partei gearbeitet und geglaubt, das sei richtig. Aber ihr habt uns nach Strich und Faden belogen, und auch was du jetzt hier erzählst, ist Lüge.’ Das war ein unglaublicher Moment, der deutlich machte, was sich in diesem Land schon verändert hatte.

Die Kommission war also mehr als nur ein Instrument zur Aufklärung von Verantwortlichkeiten?

Sie war ein Lernort für Demokratie. Wir alle – Oppositionelle, Unangepasste, SED-Genossen, Kirchenvertreter – übten gemeinsam demokratische Spielregeln ein, ohne dass wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen. Man darf nicht unterschätzen, was das vor allem für die Genossen bedeutete: Sie hatten natürlich Angst, auch physische Angst, dass man sie nun für alles zur Verantwortung ziehen werde. Und hier, in der Art und Weise, wie wir in der Kommission gearbeitet haben, konnten sie lernen, dass die Demokratie die einzige Alternative ist zur Diktatur des Proletariats und zum Sozialismus. Uns einte doch das Ziel, zu einem gemeinsamen Ergebnis zu gelangen und dem Unrecht auf die Spur zu kommen. Täter und Verantwortliche sollten auch öffentlich einen Namen bekommen. Vor allem aber wollten wir miteinander ins Gespräch kommen. Wir wollten jetzt und hier etwas verändern in unserem Land, auch wenn es unter den aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen stammenden Teilnehmern unterschiedliche Ansichten über das Ausmaß dieser Veränderungen gab. Ich halte diese Kommission für eine der Sternstunden des Umbruchs.

Der Report über ihre Arbeit, den die Untersuchungskommission 1991 in Buchform herausgegeben hat, trägt dennoch den Titel „Und diese verdammte Ohnmacht“. Das klingt eher nach Resignation.

Unter dem Strich sind ja fast alle Täter ungestraft davongekommen. Zwei oder drei von den Sicherheitskräften bekamen eine Bewährungsstrafe, glaube ich, aber das war es schon. Der Satz von Bärbel Bohley – „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtstaat.“ – steht exemplarisch deshalb auch für unsere Kommission. Es ist Unrecht geschehen, das haben wir festgestellt, aber es ist niemand bestraft worden. Wie für so vieles, was in der DDR geschehen ist. Dieses Grundgefühl ist das, womit heute Pegida und AfD Punkte machen.

Quelle: Andreas Förster, "Eine Sternstunde des demokratischen Aufbruchs - Die Untersuchungskommission zur Polizeigewalt am 7. und 8. Oktober 1989 in Ostberlin", Deutschland Archiv vom 12.10.2021


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