Beleuchteter Reichstag

12.11.2021 | Von:
Daniel Lange

"Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden"

Wie und warum der DDR-Sport vor den Olympischen Spielen1964 in Tokio Ägypten umgarnte

Ägyptische Sportstudenten in der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig.Ägyptische Sportstudenten in der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. (© 1957 Bundesarchiv, Zentralbild, Wlocka)

Treffpunkt Tokio: Kenia-Premiere des DDR-Sports

Die Olympischen Sommerspiele von Tokio 1964 bescherten dem DDR-Sport ein Kuriosum. Die für das gesamtdeutsche Team antretende Hockey-Auswahl der DDR blieb im gesamten Turnier ungeschlagen, erwies sich aber trotz guter Leistungen (unter anderem einem 1:1 gegen den späteren Olympiasieger Indien) in fünf von neun Spielen als 'Remiskönig', sodass sie letztlich nach einem 3:0-Sieg am 22. Oktober 1964 gegen Kenia auf Rang fünf landete. Weder im Hockey noch in einer anderen Sportart hatte die DDR bisher einen Länderkampf gegen ein Team des ostafrikanischen Staates ausgetragen, der sich erst im Dezember 1963 der britischen Kolonialherrschaft entledigt hatte. Nun konnte er sich international auf offener Bühne als anerkannter eigenständiger Staat präsentieren, was der DDR erst ab 1972/73 (deutsch-deutscher Grundlagenvertrag, Olympische Spiele in München, Aufnahme in die Vereinten Nationen) vollends gelang.
Doch Afrika war für den DDR-Sport längst kein Neuland mehr. Nur einen Tag nach jener Kenia-Premiere bezwang die ostdeutsche Auswahl im olympischen Fußballturnier (ebenfalls in Vertretung Gesamtdeutschlands) Ägypten mit 3:1, das mit der DDR seit 1955 Sportkontakte unterhielt. Eine Rückschau auf die Tokio-Spiele von 1964 bietet die Chance, die Hintergründe des Doppelpasses zwischen (Ost-)Berlin und Kairo näher auszuleuchten (zum Vorgehen des DDR-Sports in Afrika siehe auch: "Es geht nicht einfach um die Frage, ob Fußball gespielt wird" – Afrikapolitische Facetten des DDR-Sports im Umfeld des Berliner Mauerbaus).

Dringend Gesucht: Zutritt zum Weltsport

Unter den Umständen der ab 1955 von der Bundesrepublik (BRD) zur diplomatischen Exklusion der DDR genutzten Hallstein-Doktrin verstand die dort herrschende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) den Sport als festen Bestandteil ihrer Außenpolitik, was die baldige mediale Inszenierung ihrer Sportler als öffentliche, offiziöse Werbeträger einschloss.[1] Mit ihren im Laufe der Zeit immer häufigeren Leistungssporterfolgen sollten sie auch dazu beitragen, der DDR den Zutritt zu Organisationen und Verbänden des Weltsports zu erleichtern und so ihre außerhalb des Warschauer Paktes noch ausstehende internationale diplomatische Anerkennung voranzutreiben. So traf bereits Radsportstar Gustav Adolf ('Täve') Schur während der Ägypten-Rundfahrt 1957 in Kairo Vertreter von Ägyptens Nationalem Olympischen Komitee (NOK). Unter ihnen befand sich auch NOK-Generalsekretär Ahmed Demerdasch Touny, der schon 1956 das Deutsche Turn- und Sportfest in Leipzig besucht hatte, Ägypten ab 1960 im Internationalen Olympischen Komitee (IOK) vertrat und so zu einem wichtigen Verbindungsanker des DDR-Sports in Afrika wurde. Bis 1963 war die DDR in 45 Weltsportföderationen mit ihren eigenen Fachverbänden vertreten. In 30 von ihnen hatte sie bis dato 58 Funktionäre platziert.[2] Aber analog zur seit 1955 provisorischen Aufnahme ihres eigenen NOKs in das IOK besaß die DDR im Gegensatz zur BRD auch dort nur einen eingeschränkten Mitgliedsstatus, was im IOK unter anderem zur Auflage gesamtdeutscher Ausscheidungswettkämpfe führte und für die Olympischen Spiele 1964 eine eigene Olympiamannschaft der DDR ausschloss. So verhielt es sich auch für den Deutschen Verband für Leichtathletik der DDR (DVfL), der seit 1956 mit einer solch eingeschränkten Mitgliedschaft im Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) vertreten war. Um eine vollständige Zugehörigkeit zur IAAF zu erlangen, suchte (Ost-)Berlin mit Blick auf die Olympischen Spiele in Japan international Verbündete. Um einzuordnen, in welch atmosphärischem Umfeld dies geschah, seien einige flankierende Themenstränge skizzenhaft erwähnt.

Werben in Nord- und Westafrika

Als Partner im internationalen Sport umgarnte die DDR auch nord- und westafrikanische Länder, auf die sie sich bis dahin im Rahmen ihrer Afrikapolitik stark fokussierte und die bereits über ein eigenes, vom IOK anerkanntes NOK verfügten. Dazu zählten neben Ägypten etwa Liberia, Sudan, Tunesien, Marokko, Ghana, Mali und ab 1965 auch Guinea, das der DDR im März 1960 seine diplomatische Akzeptanz erst zu- und nach heftigem Bonner Veto wieder absagte. Der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) hatte für den DDR-Sport ab 1960 unter anderem durch erste Länderkämpfe (Fußball, Boxen) Kontakte nach Tunesien, Guinea und Ghana geknüpft, im November 1962 reiste Leichtathletik-Präsident Georg Wieczisk (der auch dem DDR-NOK angehörte) nach Marokko, Mali, Ghana und Guinea, um deren Beistand für die DDR-Interessen auf den nächsten "Kongressen der IAAF zu erhalten".[3] Doch eine solche Zusage erreichte er nicht, zumal auch die finanzkräftigere BRD in Westafrika mit ihren Offerten um politische Sympathien warb. Als aber 1961/62 die von Westdeutschland angeblich zugesagte Renovierung des Nationalstadions in Accra ausblieb, fragten Ghanas Sportfunktionäre ihre Gäste aus der DDR, ob sie nicht kurzerhand das Vorhaben realisieren könnten. Im deutsch-deutschen Widerstreit suchten die westafrikanischen Staaten durchaus gezielt ihren Vorteil.

Wandel im Umgang mit Südafrika

Parallel entbrannte die internationale Rassismusdebatte um Südafrikas Sport bis 1963 derart, dass das IOK den Apartheidsstaat von Olympia 1964 in Tokio ausschloss, was auch die sich per Verfassung antiimperial, antifaschistisch, antirassistisch und antikolonial gebende DDR in ihrem Streben nach diplomatischer Akzeptanz in Afrika und ihre Sportkontakte dorthin berührte. Bis dato prangerte sie Südafrika auch im Sport eher beiläufig an. Noch berichteten Fachmagazine wie der "Leichtathlet" oder der "Boxring" über Südafrika ohne Beanstandung. Offenbar sollte die erst kurze Mitgliedschaft der DDR in den wichtigen Weltverbänden nicht durch Kritik beeinträchtigt beziehungsweise sollten dort einflussreiche Mitgliedsländer (die dem bis 1961 noch im Commonwealth vertretenen Südafrika im Zweifel beistanden) nicht brüskiert werden. Deren Gunst schien nämlich wichtig, wenn es zum Beispiel um die Bewerbung der DDR als Ausrichter internationaler Wettkämpfe ging. Zudem war die Kap-Republik um 1962 neben Ägypten wichtigster Handelspartner der DDR in Afrika, trotz der Boykottaufrufe des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) und von Südafrikas Kommunisten gegen Pretoria. Erst nach Gründung der Organisation für Afrikas Einheit (heute Afrikanische Union) 1963 änderte sich das. Den Kurswechsel der DDR verpackte Außenminister Lother Bolz in New York vor einem Anti-Apartheid-Appell der Vereinten Nationen deutschlandpolitisch, in dem er die Südafrika-Bande Bonns (unter anderem war Bundespräsident Heinrich Lübke 1959 nach Johannesburg gereist) heranzog, um die BRD zu diskreditieren. Denn dort, so Bolz, sei "die Rassendiskriminierung de facto offizielle Regierungspolitik".[4] Fortan propagierte die DDR Pretoria als Afrika-Feindbild Nummer eins (passend zur wachsenden Anti-Apartheid-Bewegung im internationalen Sport). Auf punktuelle Sonderfälle im Sport ließ sich (Ost-)Berlin dennoch ein, um eigene Interessen nicht außer Acht zu lassen.[5]

Kairo pokert, aber "die DDR hat nichts zu verschenken"

Bis zum vorolympischen Jahr 1963 konnte die DDR in nur acht Ländern Afrikas (Handels-) Vertretungen oder Konsulate eröffnen, so in den Städten Algier, Tunis, Kairo, Khartum, Accra, Bamako, Conakry und Casablanca, aber keine diplomatischen Beziehungen dorthin aufnehmen. Daher wurden zum Deutschen Turn- und Sportfest 1963 sportpolitische Führungskräfte aus Afrika in großer Zahl angesprochen. Allein die (Afrika-)Sektion 2 der Kulturabteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) wollte Minister und Staatssekretäre aus zehn Ländern Afrikas dazu einladen: Algerien, Ghana, Guinea, Mali, Marokko, Tunesien, Sudan, Tanganjika (noch ohne Sansibar), Nigeria und Ägypten.[6] Die "jungen Nationalstaaten" wähnten sich in einer günstigen Lage, in der sie als umgarnte politische Akteure Wünsche äußerten und Forderungen stellten. Sie würden beim Aufbau zentralisierter staatlicher Sportstrukturen "besonders von den sozialistischen Staaten Unterstützung" erwarten, um nicht "die vom Imperialismus in letzter Zeit verstärkte Einflussnahme auf dem Wege sogenannter Entwicklungshilfen in Anspruch nehmen zu müssen". Gemeint waren hier die USA und die BRD, die immer öfter Sportfachkräfte, Wettkämpfe und Trainingslager für Afrika anboten.[7]
Westliche Offerten setzten den DDR-Sport also unter Druck. Speziell die Frage des Sportpersonals war für die Länder Afrikas ein Dauerthema, da ihr Fachkräftebedarf auf diesem Terrain enorm war. Das traf auch auf die Ägypter zu, die sich für die 1965 in Algerien geplanten (später verschobenen) Weltjugendfestspiele rüsten wollten, um ihre Vormachtstellung im Sport im nordafrikanischen Raum zu untermauern. Anfang 1963 kontaktierten sie daher die DDR, um vier Jahre lang 500 bis 600 Sportstudenten ihr viertes Semester im deutschen Ausland absolvieren zu lassen, dabei aber von Anfang an versuchten, DDR und BRD finanziell gegeneinander auszuspielen. An der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig war man sofort hellwach, standen doch hier ein propagandistischer Punktsieg gegenüber der Sporthochschule Köln sowie ein Projekt mit höchster politischer Bedeutung und einer prognostizierten Einnahme von über 4,1 Millionen DDR-Mark im Raum, das "nicht an Westdeutschland" vergeben werden dürfe.[8] Doch das Pokerspiel der Ägypter entwickelte sich zu solch einer Hängepartie, dass SED-Chef Walter Ulbricht vor dem Deutschen Turn- und Sportfest 1963 DDR-Interessen solidarischen Motiven vorzog. Sollte das Projekt zustande kommen, so Ulbricht, habe Ägypten alle Kosten selbst zu tragen, denn die DDR "habe nichts zu verschenken".[9] Weshalb der ägyptische Fortbildungswunsch schließlich auch nicht in Erfüllung ging.

Verhandlungsoffensive 1964

In dieser Lage kurbelte (Ost-)Berlin – motiviert von der nur kurzen diplomatischen Anerkennung der DDR 1964 durch Sansibar – seine Afrika-Pläne neu an. Anfang 1964 verfügte das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) "die Konzentration der Kräfte und Mittel" in Afrika, was die Ausbildung von Fachkräften für Afrika und die Entsendung von Experten nach Afrika unter anderem in Wissenschaft, Bildung, Medizin und auch Sport einschloss (der Start des Internationalen Trainerkurses an der DHfK in jenem Jahr war daher kein Zufall).[10] Das Politbüro der SED gab dafür im Juli 1964 die Schwerpunkte vor. Zum Favoritenkreis der DDR in Afrika zählten nun Algerien, Ghana und vor allem Ägypten mit "dem Ziel, die Hallstein-Doktrin weiter [sic!] zu durchbrechen und den Status der DDR […] zu erhöhen".[11] Im Olympiajahr 1964 reisten daher zunächst der Vorsitzende des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport (StaKo), Alfred B. Neumann, sowie NOK-Mitglied (und bis 1963 DHfK-Rektor) Günter Erbach nach Kairo, wenige Monate später folgten NOK-Generalsekretär Helmut Behrendt und DTSB-Präsident Manfred Ewald. Noch nie waren die Spitzen des DDR-Sports so geballt in Ägypten aufgetreten. Was hatten sie vor?
Zunächst machte das MfAA Druck. Dort herrschte nun in Sachen Ägypten Hochbetrieb, unter anderem, weil Bonn dort durch seine 1963 enttarnten Waffengeschäfte mit Israel schwer in Misskredit geraten war. Seit dem Deutschen Turn- und Sportfest in jenem Jahr lag für Neumann eine Einladung des ägyptischen NOK nach Kairo vor, die nun schleunigst angenommen werden sollte. Denn nachdem Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser sowohl den sowjetischen Kommunistenführer Nikita Chruschtschow als auch den jugoslawischen Staatschef Josip Tito nach Kairo eingeladen hatte, wurde DDR-Diplomaten ein solch prominentes Podium auch für Walter Ulbricht in Aussicht gestellt. Daher setzte (Ost-)Berlin nun verstärkt auf den Sport, um die DDR in Kairo öffentlich in Erinnerung zu rufen. So betreute Günter Debert (vom Berliner Turn- und Sportclub) seit März 1964 die ägyptische Boxstaffel als Nationaltrainer, auch während der Olympischen Spiele in Tokio. Hinzu kamen die Teilnahme der DDR bei einem Turnier des ägyptischen Sportschützenverbandes, drei Spiele der Fußball-Olympiaelf der DDR in Kairo auf Club- und Auswahlebene (mit Nationalhymne und -flagge), und im April 1964 besiegte das DDR-Hockeyteam Ägypten auf gegnerischem Platz mit 1:0 und umrahmte so den Besuch von Neumann und Erbach. Ihre Visite war (wie üblich) zuvor im ZK-Apparat der SED von den Abteilungen für Sport und Internationale Verbindungen (mit vorgefertigter Beschlussvorlage, dazugehöriger Begründung und offiziellem Delegationsauftrag) bewilligt worden, was die Kontrolle staatlicher Sportstrukturen in der DDR durch die SED gut illustriert. Das MfAA organisierte auf diplomatischem Parkett ein möglichst hochwertiges protokollarisches Programm für Staatssekretär Neumann, indem es den Ägyptern ankündigte, es handele sich hier nach arabischem Verständnis um einen "Wesir" (Minister). Denn in Kairo ließ man sich nicht vollends auf die DDR ein und vermied diplomatische Fettnäpfchen, indem man die Visite nicht als offiziellen, sondern als "Freundschaftsbesuch" deklarierte. Dazu passte, dass es dem Duo Neumann/Erbach in ihren Gesprächen mit den Ministern für Gesundheit, Bildung und Sport nicht gelang, die Ägypter von einem staatlichen Sportabkommen mit der DDR zu überzeugen. Kairo zögerte und taktierte zwischen Ost und West, weshalb das MfAA parallel dazu beim ägyptischen Außenministerium versuchte, für die DDR ein Abkommen zur kulturell-wissenschaftlichen Zusammenarbeit anzubahnen, in das verschiedene Sportaspekte (Trainerkurse, Sportstudienplätze) ebenfalls Eingang finden sollten. Auch darauf ließ sich am Nil (noch) niemand ein.

Ägypten als Steigbügelhalter

Verbands- und Olympiafragen waren Sache des DTSB und des von ihm gelenkten DDR-NOK. Um weiteren afrikanischen Zuspruch für die DDR in den Weltsportbünden und im IOK zu generieren, reisten auf dem Weg zu den Olympischen Spielen im August 1964 Ewald und Behrendt nach Ägypten. Sie vereinbarten dabei unter anderem Wettkämpfe in Kairo für Oktober 1964 mit aus Tokio zurückkehrenden DDR-Olympioniken. Was sie außerdem beraten haben dürften, lässt ein interner Bericht des DDR-NOK über seine Verbindungen zum ägyptischen NOK aus dem Februar 1965 erahnen. Vermerkt ist hier, dass es Ägypten war, das unter afrikanischen Mitgliedsländern der Internationalen Leichtathletikföderation (IAAF) dafür warb, den Leichtathletikverband der DDR fortan als eigenständig anzuerkennen und ihm internationale Starts mit einer eigenen Mannschaft zuzugestehen – so, wie es nur einen Tag nach den Olympischen Spielen von der IAAF noch in Tokio beschlossen wurde (unter der Bezeichnung "Ostdeutschland"), was einem Meilenstein für die DDR auf dem Weg zur vollen Anerkennung ihres NOK im IOK gleichkam. "Vertraulich" wurde notiert, dass die Ägypter besonders wegen der langjährigen DDR-Kontakte ihres IOK-Mitglieds und NOK-Generalsekretärs Touny für (Ost-)Berlin Partei ergriffen.[12] Er war es auch, der DDR-Diplomaten in Kairo nur ein halbes Jahr später zusagte, dass Ägypten den Antrag der DDR an das IOK (auf seinem Kongress in Madrid im Oktober 1965) auf einen selbstständigen Start bei den Olympischen Spielen ab 1968 unterstützen würde, da "es an der Zeit sei, zwei deutsche Mannschaften zu bilden, da die [deutschlandpolitischen] Realitäten in Rechnung gestellt werden müssten."[13] Hatten sich Ewald und Behrendt dieser Zustimmung vor dem Olympiaturnier von Tokio bei ihrer Kairo-Visite im August 1964 rückversichert und dafür unter anderem den Start ostdeutscher Olympioniken in Kairo als anerkennende Gefälligkeit zugesagt?

Fortschritt 1965 und Durchbruch 1969

Doch noch in Tokio weilend, erreichte Ewald telegrafisch die Nachricht, dass sich Kairo nicht weiter vollends auf die Seite der DDR schlagen wollte. Das ägyptische NOK hatte die vereinbarten Sportveranstaltungen plötzlich "aufgrund unvorhergesehener Bedingungen" kurz vor Ultimo abgesagt. Man sei "bedauerlicherweise gezwungen, von der Durchführung der Wettkämpfe Abstand zu nehmen".[14] Proteste des Hochschulministeriums in Kairo hätten die Duelle torpediert; eingeplante Athleten seien als Studenten im jetzigen Semester verhindert. Karl Gadow, Vizekonsul der DDR in Ägypten, konnte die Absage nur noch dem MfAA bestätigen und eine diplomatische Finte von Kairoer Seite vermuten, die womöglich den bundesdeutschen Protest gegen die DDR-Nähe der Ägypter und etwaige Verstimmungen mit Bonn fürchtete.[15]
Ein außenpolitischer Fortschritt in Ägypten gelang der DDR erst 1965, als mehrere Entwicklungen zusammenspielten. Im Oktober 1964 wurde in Moskau Nikita Chruschtschow abrupt abgesetzt. Erst als Ägyptens Machthaber Nasser sich seiner massiven sowjetischen Subventionen weiter sicher war, lud er für Ende Februar 1965 Ulbricht nach Kairo ein und bereitete ihm einen staatsbesuchartigen Empfang – auch, um so auf die Proteste in Nahost gegen Bonner Waffengeschäfte mit Israel zu reagieren, die dazu beitrugen, dass die BRD ab Mai 1965 in eine Nahostkrise schlitterte und gleich zehn arabische Staaten die diplomatischen Beziehungen mit ihr abbrachen. Erst jetzt erreichte die DDR mit Ägypten auch ein Abkommen zur kulturell-wissenschaftlichen Zusammenarbeit, das den Sport erstmals auf bilateraler staatsvertraglicher Ebene einschloss und unter anderem dazu führte, dass den Ägyptern für die Folgejahre 1966/67 45 Teilnehmerplätze im Internationalen Trainerkurs der DHfK angeboten wurden. Nun begann die intensivste Phase des Sportaustauschs zwischen Nil und Spree, die jedoch bereits kurz nach der diplomatischen Anerkennung der DDR durch Ägypten 1969 und nach dem Tod Nassers 1970 zusehends wieder verflachten. Ägyptens IOC-Mitglied Touny blieb indes ein wichtiger Strippenzieher für den DDR-Sport in Afrika, da er 1965 auch als Generalsekretär des Komitees für Afrikas Sport fungierte, das die Organisation für die Afrikanische Einheit als Vorläufer des ab Ende 1966 bestehenden Obersten Afrikanischen Sportrates initiiert hatte. Nicht zuletzt deshalb blieb der DDR-Sport in den folgenden Jahren mit diesem afrikanischen Kontinentalsportverband bestens vernetzt.

Zitierweise: Daniel Lange, ""Es ist an der Zeit, zwei deutsche Mannschaften zu bilden" Wie und warum der DDR-Sport vor Olympia 1964 in Tokio Ägypten umgarnte", in: Deutschland Archiv, 12.11.2021, Link: www.bpb.de/343188.

Fußnoten

1.
Siehe z.B. Sportler sind gute Diplomaten, in: Der Leichtathlet, 22/1956, 31.5.1956, S. 3.
2.
SAPMO/DY 12/3769/1-4/DTSB/Bestand: Internationale Kommission beim Präsidium, Übersicht des Sekretärs für Internationale Verbindungen im DTSB (Günther Heinze), 26.11.1963.
3.
Politisches Archiv des Auswärtiges Amtes (PAAA)/MfAA/A 14458/28/4. Außereuropäische Abteilung (AEA), Beziehungen zwischen der DDR und Mali auf dem Gebiet des Sports 1961-66, Vermerk über eine Besprechung am 9.10.1962 in Vorbereitung der Leichtathletik-Delegation nach Ghana, Guinea und Mali, (Ost-)Berlin, 12.10.1962.
4.
Dokumente zur Außenpolitik, Bd. 11/1963, Erklärung der Regierung der [DDR] zur Beseitigung aller Formen der Rassendiskriminierung, 30.10.1963, (Ost-)Berlin, 1965, S. 273.
5.
So ließ sich die DDR 1966 (auf Anordnung Erich Honeckers, damals ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen) auf Südafrikas Start bei den Weltmeisterschaften im Gewichtheben (in Ost-)Berlin) und im Fallschirmspringen (in Leipzig) den jeweiligen Weltverbandsregeln gemäß ein, um international als souveräner Gastgeberstaat auftreten zu können. Um etwaigen Protest südafrikanischer Anti-Apartheid-Aktivisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, vernetzte sich die DDR in jenem Jahr über ihre weniger prominente Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens (und nicht offiziell über ihr NOK) mit dem Nichtrassischen Olympischen Komitee Südafrikas (SANROC), das (seit 1963 in der Heimat verboten) als verlängerter Arm des ANC im Sport und als Gegenpol zu Südafrikas NOK vom Exil aus in London agierte.
6.
PAAA/MfAA/A 16841/22-24/MfAA-Kulturabteilung, MfAA-Kulturabt./Sektion 2 an Staatliches Komitee für Körperkultur und Sport (StaKo), Einladungen zum IV. Deutschen Turn- und Sportfest, 28.3.1963.
7.
Bundesarchiv (BArch)/DR5/1265/StaKo - Abt. Internationale Verbindungen (IV), Entwurf: Maßnahmen zur Erhöhung der Wirksamkeit unserer staatlichen Beziehungen auf dem Gebiet von Körperkultur und Sport in den Nationalstaaten, Herbst 1963 (undatiert), Einschätzung der bisherigen Arbeit, S. 1-2.
8.
BArch/DR5/964/StaKo-Abt. IV, Zusammenarbeit mit der VAR auf dem Gebiet von Körperkultur und Sport 1960-66, Einschätzung der DHfK (Autor unbekannt), Anfang 1963 (undatiert), S. 1-8.
9.
PAAA/MfAA/A 16841/MfAA-Kulturabt., Vermerk über die Aussage W. Ulbrichts von A.B. Neumann in einem Schreiben an den stellv. Außenminister Paul Wandel, 28.8.1963.
10.
PAAA/MfAA/A 16979/1ff./MfAA-Kulturabt., Konzept zur Verstärkung der kulturellen Beziehungen mit den afrikanischen Ländern, Ministerratsbeschluss vom 30.1.1964.
11.
SAPMO/DY 30/J IV 2/2/939/26;32, Anl. 3 zum Protokoll Nr. 24/64 der Sitzung des Politbüros am 21.7.1964, TOP 4: Beschluss des Präsidiums des Ministerrates der DDR zur Entwicklung der Beziehungen der DDR zu afrikanischen Ländern bis 1970.
12.
BArch/DR5/964, StaKo-Abt. IV, Stand der Beziehungen NOK-DDR und NOK-Ägypten, (Ost-)Berlin, 13.2.1965.
13.
PAAA/MfAA/A 13532/29/3. AEA, Vize-Konsul Herbert Geerhardt an MfAA-Kulturabt., Kairo, 6.9.1965.
14.
PAAA/MfAA/B 3033/102/3. AEA, NOK der VAR an DDR-Generalkonsulat, Kairo, 19.10.1964.
15.
Ebenda/101, K. Gadow an MfAA-Kulturabteilung, Kairo, 21.10.1964.

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