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Beleuchteter Reichstag

22.11.2011 | Von:
Hendrik Träger

Wählt der Osten immer noch anders?

Ein Vergleich der Wahlergebnisse des Jahres 2011 in Ost und West

3. Wechselbereitschaft der Wähler


Ein differenziertes Urteil ergibt sich nicht nur bei der Analyse der einzelnen Parteien, sondern auch mit Blick auf die Wechselbereitschaft der Wähler, die sich am Besten mit der Volatilität[16] der Parteien bei zwei aufeinanderfolgenden Wahlen beschreiben lässt. Die entsprechenden Werte für die Abstimmungen im Wahljahr 2011 (Tabelle 2) fallen sehr unterschiedlich aus, liegen sie doch zwischen 7,0 und 20,7.

Anders als aufgrund früherer Wahlen erwartet werden könnte, wurden der niedrigste Wert im Osten (Sachsen-Anhalt) und der höchste im Westen (Hamburg) gemessen. Und auch in Mecklenburg-Vorpommern (13,9) als dem zweiten ostdeutschen Land, in dem 2011 gewählt wurde, waren die Wähler weniger volatil als in Rheinland-Pfalz (15,2) und Baden-Württemberg (14,6). Außerdem sind für die beiden Teile Berlins keine signifikanten Unterschiede zu erkennen (Westen: 15,5; Osten: 15,9).

Tab. 2: Veränderungen im Vergleich zur vorangegangenen Wahl (Index)
CDUSPDFDPGrüneLinkeRechts-extremePiraten
westdeutsche Länder 0.811.040.711.990.930.74
Hamburg0.511.421.401.171.001.1310.5
Rheinland-Pfalz1.070.780.533.351.150.66n.a.
Baden-Württemberg0.880.920.502.070.900.66n.a.
Bremen0.791.050.401.360.670.50n.a.
ostdeutsche Länder 0.85 1.09 0.432.231.041.18
Sachsen-Anhalt0.901.000.571.970.981.53n.a.
Mecklenburg-Vorpommern0.801.180.292.561.100.82n.a.
Berlin (Gesamt)1.090.920.241.340.870.60n.a.
Berlin (West)1.060.890.251.371.020.61n.a.
Berlin (Ost)1.250.970.241.290.810.60n.a.
Anmerkungen:
Eine Zahl über 1.0 bedeutet einen Stimmenzuwachs; Verluste werden durch Zahlen unter 1.0 abgebildet. (Lesebeispiel: Die CDU halbierte in Hamburg ihr Ergebnis.)
n.a.: bei der vorangegangenen Landtagswahl nicht angetreten.
Quelle: Eigene Berechnungen.


Von der Wechselbereitschaft der Wähler waren die einzelnen Parteien in sehr unterschiedlichem Maße betroffen, wobei die FDP auf der einen Seite und Bündnis 90/Die Grünen sowie die Piratenpartei auf der anderen die Extreme darstellen: Die Liberalen verloren mit Ausnahme von Hamburg überall erheblich an Stimmen, denn 2011 votierten nur noch 24 (Berlin) bis 57 Prozent (Sachsen-Anhalt) der Wähler von 2006 bzw. 2007 für die FDP. Deutliche Verluste mussten auch die Christdemokraten hinnehmen, die nur in Rheinland-Pfalz und Berlin – von vergleichsweise niedrigen Werten kommend – ihre Landtagswahlergebnisse verbessern konnten. Die höchsten Verluste verzeichnete die CDU in Hamburg und Bremen mit Rückgängen von fast einem Viertel bzw. knapp der Hälfte.

Die beschriebene Entwicklung kann neben landesspezifischen Punkten (in Hamburg zum Beispiel mit dem Bürgermeisterwechsel von
Am 18. Juli 2010 erklärte Ole von Beust seinen Rücktritt als Regierender Bürgermeister Hamburgs. Sein Nachfolger wird Christoph Ahlhaus (l.).Am 18. Juli 2010 erklärte Ole von Beust seinen Rücktritt als Regierender Bürgermeister Hamburgs. Sein Nachfolger wird Christoph Ahlhaus (l.). (© AP, Foto: Jörg Sarbach)
Ole von Beust zu Christoph Ahlhaus[17]) damit begründet werden, dass die Wähler die Parteien der schwarz-gelben Bundesregierung[18], die von Beginn der Legislaturperiode an eine durchwachsene Performanz darbieten, abstrafen wollten. An dieser Stelle ist allerdings einschränkend anzumerken, dass auch die Parteien des rechtsextremen Spektrums in fünf von sieben Ländern Verluste einfuhren.

Deutlich besser sind die Bilanzen bei den Oppositionsparteien der Bundesebene (SPD, Grüne, Linke) und der Piratenpartei als Sonderfall[19]. Bündnis 90/Die Grünen konnten als einzige Partei in allen Ländern ihre Ergebnisse teilweise sogar erheblich verbessern. In Rheinland-Pfalz ist ihr Stimmenanteil jetzt mehr als dreimal so hoch wie 2006, und in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern kam es – allerdings auf unterschiedlichen Niveaus – mindestens zu einer Verdoppelung. Von solchen Werten sind zwar SPD und Die Linke klar entfernt, aber auch diese Parteien konnten ihre Wahlergebnisse in den meisten Ländern weitgehend stabil halten oder teilweise ausbauen.


Fußnoten

16.
Zu Begriff und Berechnung von Volatilität vgl. Mogens N. Pedersen, The Dynamics of European Party Systems: Changing Patterns of Electoral Volatility, in: European Journal of Political Research 7 (1979), S. 1–26.
17.
Ahlhaus war "der erste Regierungschef mit Negativimage in einem Bundesland überhaupt"; "nie zuvor wurde ein Amtsinhaber auch nur annähernd heftig deklassiert": Forschungsgruppe Wahlen, Bürgerschaftswahl in Hamburg, 20.2.2011, S. 2.
18.
Von "bundespolitischem Gegenwind" sprechen bereits mit Blick auf die Landtagswahl in NRW im Mai 2010 Florian Grotz/Silvia Bolgherini, Im Schatten der Großen Koalition? Bundespolitik und Landtagswahlen unter Merkel I und Merkel II, in: Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2009, Wiesbaden 2011, S. 307–324, hier 318.
19.
Die Piraten traten in sechs Ländern das erste Mal an. In Hamburg, wo sie schon 2008 angetreten waren, konnten sie – allerdings auf niedrigem Niveau (2,1 %) bleibend – ihren Stimmenanteil mehr als verzehnfachen.

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