Beleuchteter Reichstag

22.11.2011 | Von:
Hendrik Träger

Wählt der Osten immer noch anders?

Ein Vergleich der Wahlergebnisse des Jahres 2011 in Ost und West

5. Fazit


Werden zum Abschluss der kurzen Analyse und des Vergleiches der sieben im Jahr 2011 durchgeführten Landtagswahlen die zu Beginn des Aufsatzes vorgestellten Fragestellungen und Überlegungen noch einmal aufgegriffen, dann wird deutlich, dass einige der hier vorgetragenen Befunde im Widerspruch zu den aus der Literatur abgeleiteten Erwartungen stehen, während andere die Prognosen bestätigen.

1.) So ist keineswegs nur in den östlichen Ländern "die mangelnde Mobilisierbarkeit der Wähler durch die Volksparteien" (Jesse) zu beobachten. Zwar konnten SPD und CDU in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nur jeweils 50 bis 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, aber in Bremen und Baden-Württemberg lagen die Werte nicht wesentlich höher. Der seit einigen Jahren auf Bundes- und Landesebene beobachtete "Niedergang der beiden Volksparteien"[23] schreitet also in Ost und West voran. Die erwartet deutlichen Unterschiede zwischen beiden Landesteilen sind nur für Die Linke und – wenngleich auf insgesamt erheblich niedrigerem Niveau – die rechtsextremen Parteien mit höheren Stimmenanteilen im Osten sowie für die Grünen mit einer größeren Wählerschaft im Westen zu verzeichnen.

2.) Dass in den östlichen Ländern "ein höheres Maß an Wechselbereitschaft" (Jesse) als in Westdeutschland besteht, lässt sich für das Wahljahr 2011 nicht bestätigen. Vielmehr trifft das Gegenteil zu, denn in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern fielen die Werte der Volatilität teilweise erheblich niedriger aus als in den meisten westlichen Ländern. Das unterstützt neuere Befunde der Parteien- und Wahlforschung, wonach mittlerweile auch viele westdeutsche Wähler keine enge Bindung an Parteien mehr haben, sondern – so wie seit jeher ein Großteil der Ostdeutschen – jedes Mal von Neuem entscheiden, ob und wen sie wählen. Damit kann auch erklärt werden, warum es in Baden-Württemberg, das jahrzehntelang als sicheres Terrain für Christdemokraten und Liberalen galt, zu einer "Zeitenwende" in Form der Regierungsübernahme durch Bündnis 90/Die Grünen und SPD kam.

3.) Anders als aufgrund der Situationen nach früheren Wahlen erwartet werden konnte, waren dieses Jahr weder in Sachsen-Anhalt noch in Mecklenburg-Vorpommern Koalitionswechsel erforderlich, weil die beiden Großen Koalitionen weiter regieren können. Und auch in Bremen kann das rot-grüne Bündnis fortgesetzt werden. In den vier anderen Ländern hingegen kam es zu Veränderungen bei der parteipolitischen Zusammensetzung der Regierung. In Berlin und Rheinland-Pfalz mussten sich die Sozialdemokraten einen (neuen) Koalitionspartner suchen; in Hamburg und Baden-Württemberg wurde die amtierende Regierung sogar komplett abgelöst, was in Stuttgart einer Sensation gleichkam. Insgesamt blieb im Superwahljahr 2011 in beiden östlichen Ländern und Bremen alles beim Alten, während in drei der vier westlichen Länder und in Berlin umfangreiche Veränderungen zu verzeichnen waren. In Mainz kam es mit Rot-Grün zu einer Premiere in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg mit Grün-Rot sogar zum bundesweiten Debüt einer neuen Regierungskonstellation.

Abschließend bleibt zu konstatieren, dass auch 21 Jahre nach der Wiedervereinigung Unterschiede beim Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschen bestehen. Allerdings dürfen nicht die östlichen und die westlichen Länder als zwei Einheiten betrachtet werden, innerhalb derer es keine Differenzen gibt. Einige Regionen des Westens unterscheiden sich nämlich untereinander in ähnlichem Maße wie Ost und West.


Fußnoten

23.
Peter Matuschek/Manfred Güllner, Volksparteien ohne Volk: Der Niedergang von Union und SPD auf dem Wählermarkt, in: Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2009, Wiesbaden 2011, S. 221–236, hier 223.

Galerien mit Bildmontagen und VR-Animation

Die Mauer. 1961 bis 2021

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 4. August 1969
    Die Verfolgungsverjährung für Völkermord wird generell aufgehoben. Verbrechen, die mit lebenslanger Freiheitsstrafe geahndet werden, verjähren nicht mehr nach 20, sondern nach 30 Jahren. Nach dem neuen Berechnungsgesetz (25. 3. 1965) endet somit die... Weiter