Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Detlev Brunner

"... eine große Herzlichkeit"?

Helmut Schmidt und Erich Honecker im Dezember 1981

Konfrontation im Vorfeld


Im deutsch-deutschen Verhältnis wurde ebenfalls ein wieder rauerer Ton angeschlagen, jedenfalls, was die Seite der DDR betraf. Am 9. Oktober 1980 verfügte das DDR-Finanzministerium – für die Bundesregierung überraschend – eine Erhöhung des Mindestumtausches bei Besuchen in die DDR von 13 auf 25 DM pro Tag. Wenige Tage später sorgte Erich Honecker in einer Rede am 13. Oktober 1980 in Gera vor 2.500 Parteiaktivisten und Propagandisten der SED für die ideologisch-politische Begleitmusik.

Honecker stellte klar, dass die DDR an einer stabilen Lage in der Volksrepublik Polen interessiert sei. Sie werde deshalb allen Einmischungsversuchen entgegentreten, mit dem "ausländische Reaktionäre" derzeit bestrebt seien, die schwierige Lage in Polen für ihre Ziele auszunutzen. Auch die Bundesrepublik stand dabei im Visier des Generalsekretärs, der dortige "imperialistische" Massenmedien und dunkle Hintermänner beschuldigte, einen "Hetzfeldzug ohnegleichen gegen das sozialistische Polen" zu entfachen. Die Bundesrepublik mische sich zudem in die inneren Angelegenheiten der DDR ein und, so Honecker weiter, sie unterstütze als engster Verbündeter der USA deren imperialistische "Droh- und Boykottpolitik". Jenseits dieser scharfen Geschütze waren auch Zwischentöne in Honeckers Rede wahrnehmbar, die eine Fortführung der Ostpolitik der in den Bundestagswahlen vom 5. Oktober 1980 erneut bestätigten sozial-liberalen Koalition als positiv ansah. Allerdings müsse die Bundesrepublik eine Politik der "Nichteinmischung" betreiben und sich endlich zu den völkerrechtlichen Gepflogenheiten zwischen souveränen Staaten bekennen. Das hieß: Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft und Umwandlung der "Ständigen Vertretungen" der beiden deutschen Staaten in Botschaften. Honecker betonte, dass es beim Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten nicht lediglich um die Regelung bilateraler Fragen gehe. Seine Bedeutung liege vor allem in der Frage von Frieden und Entspannung. Die DDR, so versicherte der Generalsekretär abschließend, wolle ihrerseits "nicht nachlassen, ihren aktiven und konstruktiven Beitrag zu Frieden und Sicherheit in Europa zu leisten."[4]

Es war neben dem Anspruch nationaler Verbundenheit auch diese Bedeutung der beiden deutschen Staaten in der konfrontativ aufgeladenen Phase jenes "Zweiten Kalten Krieges", die die Bundesregierung zu einer maßvollen Reaktion auf Honeckers Angriffe bewog. Sie ließ durch ihren derzeitigen Regierungssprecher Klaus Bölling am 15. Oktober 1980 verlauten, die Bundesregierung würde "gegen den Grundsatz verstoßen, daß der Zusammenhalt der Nation gewahrt und gestärkt werden muß, wenn wir einer Politik der von der DDR gewollten Abgrenzung von uns aus mit Abgrenzung begegnen würden." Die Bundesregierung werde "auch künftig im Bewußtsein ihrer besonderen Verantwortung für den Fortgang der Entspannungspolitik in Europa handeln und sich nicht zu einer Politik der Nadelstiche drängen lassen." Die Auslassungen Honeckers bezüglich Polens wies Bölling als unsachlich zurück. Zutreffend sei, dass die Bundesregierung auf Ersuchen der polnischen Regierung sich für das Zustandekommen von Bankkrediten eingesetzt habe, weil sie, wie alle Europäer, daran interessiert sei, "daß die polnische Führung die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihres Landes überwindet".[5] Bei aller Kontroverse – es gab offenkundig auf beiden Seiten die Bereitschaft, den Gesprächsfaden zwischen den beiden deutschen Staaten nicht abreißen zu lassen.

Ein Treffen zwischen Schmidt und Honecker war bereits seit Herbst 1979 im Gespräch. Doch zweimal waren die Besuchstermine abgesagt worden. Ein für den 24. Februar 1980 in Aussicht genommener Besuch Schmidts wurde am 28. Januar 1980 durch Honeckers Emissär, Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, abgesagt. Der Grund war der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Honecker argumentierte, dass ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs unter diesen international polarisierten Bedingungen wenig brächte. Beide Seiten seien zu sehr in ihre jeweiligen Bündnisverpflichtungen eingebunden. Ein zweiter Anlauf für einen Besuch am 28./29. August 1980 wurde am 22. August 1980 von Helmut Schmidt gestoppt – offenbar zur Erleichterung Honeckers, so jedenfalls die Wahrnehmung des Kanzlers.[6] Der Anlass waren die sich zuspitzenden Verhältnisse in Polen. Die instabile Lage im Nachbarland schien keinen geeigneten Rahmen zu bieten, den deutsch-deutschen Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.


Fußnoten

4.
Zit.: Archiv der Gegenwart (AdG), Deutschland 1949 bis 1999, Bd. 8, St. Augustin 2000, S. 7390f.
5.
Zit.: Archiv der Gegenwart (AdG), Deutschland 1949 bis 1999, Bd. 8, St. Augustin 2000, S. 7391f.
6.
Vgl. Helmut Schmidt, Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II, Berlin 1990, S. 60f.

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei, Betriebskampfgruppen und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen, Demokratie und Reisefreiheit eintraten - und sich mit Kerzen, Worten und Zivilcourage gegen die Staatsmacht durchsetzten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Cover APuZ 35-37/2019

Das letzte Jahr der DDR

In der tradierten Erfolgsgeschichte von "1989" wird kaum abgebildet, dass der Ausgang der friedliche...

Wer wir sind

Wer wir sind

Der Umbruch war gewaltig, und er hat mehr und tiefere Spuren hinterlassen, als manche wahrhaben woll...

Coverbild Die Einheit

Die Einheit

Wie wurde die Einheit Deutschlands vertraglich vorbereitet? 170 Dokumente aus dem Auswärtigen Amt d...

Coverbild falter Geschichte der DDR

Geschichte der DDR

Von der Staatsgründung über den Mauerbau bis zur Wiedervereinigung: Die Zeitleiste macht die Gesch...

Herbst ´89 in der DDR

Herbst ´89 in der DDR

Kaum ein Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat so viele Emotionen ausgelöst wie der "M...

Coverbild Geteilte Ansichten

Geteilte Ansichten

Jungen Menschen ist oft nicht (mehr) bewusst, dass Deutschland von 1961 bis 1989 geteilt war. Zuglei...

Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989

Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989

327 Männer, Frauen und Kinder aus Ost und West fielen während der deutschen Teilung dem DDR-Grenzr...

Coverbild 3. Oktober: Tag der Deutschen Einheit

3. Oktober: Tag der Deutschen Einheit

Im Herbst 1990 wurde die DDR Teil der Bundesrepublik Deutschland. Doch was wuchs da zusammen? Warum ...

Stasi auf dem Schulhof

Stasi auf dem Schulhof

Die Bespitzelung der DDR-Gesellschaft durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) machte auch ...

Deutschland Archiv 2018

Deutschland Archiv 2018

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2018 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2017

Deutschland Archiv 2017

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2017 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Der Tag in der Geschichte

  • 19. Januar 1951
    Die SED beschließt, das allgemeine und berufsausbildende Schulwesen sowie die Universitäten und Hochschulen nach sowjetischem Vorbild zu reformieren (»Erstürmt die Festung Wissenschaft!«). Das 10-Monate-Studienjahr und ein festes Kurssystem mit präzisen... Weiter
  • 19. Januar 1989
    Partei- und Staatschef Honecker versichert, die Mauer werde »so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch... Weiter
  • 19. Januar 1999
    Nach einem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts sind Familien mit Kindern steuerlich zu entlasten. Der Staat wird verpflichtet, Erziehungsleistungen vor allem in der Ehe finanziell stärker zu berücksichtigen. Weiter