Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Detlev Brunner

"... eine große Herzlichkeit"?

Helmut Schmidt und Erich Honecker im Dezember 1981

"Eine Stadt ohne Frauen und Kinder"


Auch die folgenden Ereignisse dieses Adventssonntages waren nicht dazu angetan, eine gelöste Stimmung aufkommen zu lassen. Zum Abschluss des Gipfeltreffens zwischen Schmidt und Honecker stand ein Besuch der Stadt Güstrow auf dem Programm. Der ursprüngliche Wunsch Schmidts, seinen Besuch in Rostock enden zu lassen, war von der SED-Führung verworfen worden. Man befürchtete in Ost-Berlin offenbar, die Rostocker Werft- und Hafenarbeiter könnten sich ihre Danziger Kollegen zum Vorbild nehmen, sich gar mit ihnen solidarisieren. Zwar war diese Befürchtung unbegründet, allein das in der DDR-Gesellschaft weit verbreitete antipolnische Ressentiment stand dem entgegen, zudem fehlte eine charismatische Figur vom Schlage Lech Wałęsas. Doch Rostock kam noch aus einem anderen Grund für die SED-Führung und vor allem für das Ministerium für Staatssicherheit nicht infrage: Eine Großstadt war weit schwerer zu kontrollieren als ein kleinerer Ort, wie eben das 38.000 Einwohner zählende Güstrow, auf das die Wahl schließlich fiel. Schmidt war mit der Alternative eines Güstrow-Besuchs durchaus einverstanden. In dieser Stadt hatte der expressionistische und von den Nazis verfemte Bildhauer Ernst Barlach von 1910 bis zu seinem Tod 1938 gewirkt. Schmidt verehrte Barlach und er war ein Bewunderer der norddeutschen Backsteingotik, die mit dem Dom zu Güstrow ein eindrucksvolles Beispiel aufzuweisen hatte.

Was die bundesdeutsche Delegation dann in der mecklenburgischen Kleinstadt erwartete, ließ die Mienen des Kanzlers und seiner Begleiter versteinern. Die Sicherheitsorgane der DDR, allen voran die federführende Staatssicherheit, hatten alle erdenklichen Maßnahmen aufgeboten, um ein "zweites Erfurt" zu verhindern. Schon die Tagungsörtlichkeiten, Schloss Hubertusstock am Werbellinsee und das Gästehaus des DDR-Staatsrates am Döllnsee, waren mit Bedacht gewählt worden. In der Abgeschiedenheit der Wald- und Seenlandschaft am Rande der brandenburgischen Schorfheide waren Sympathiekundgebungen der Bevölkerung von vorneherein ausgeschlossen. Konnte diese Konferenzsituation noch als relativ normal angesehen werden, so bot sich der Bonner Delegation und den zahlreichen westdeutschen Journalisten in Güstrow ein Bild, das als deprimierend, absurd und kafkaesk beschrieben wurde.

Inszenierte Herzlichkeit auf dem Weihnachtsmarkt: Erich Honecker lässt sich im Beisein von Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Balkon des Güstrower Rathauses bejubeln, 13. Dezember 1981. Neben Schmidt der Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, Egon Franke.Inszenierte Herzlichkeit auf dem Weihnachtsmarkt: Erich Honecker lässt sich im Beisein von Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Balkon des Güstrower Rathauses bejubeln, 13. Dezember 1981. Neben Schmidt der Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, Egon Franke. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00084187, Foto: Klaus Lehnartz)
Als der Kanzler und der Staatsratsvorsitzende im Citroën CX Schloss Hubertusstock am Mittag des 13. Dezember Richtung Güstrow verließen, befand sich die Stadt bereits fest in der Hand der "Einsatzkräfte". Seit 6 Uhr morgens war alles abgeriegelt, im Umkreis von sechs Kilometern ein Sperrring um Güstrow gelegt. In der Stadt selbst hatte die Stasi um die Besuchspunkte und die Protokollstrecke acht Sicherungsbereiche geschaffen, die wiederum in mehrere Abschnitte unterteilt waren. Die Sicherungsbereiche waren an Kontrollpunkten zu passieren. Von 12.30 Uhr durften nur noch Anwohner, Inhaber eines MfS-Ausweises und Journalisten durch die Sperren. Die Führungsstelle befand sich im Güstrower Schloss. Stasi-Chef Erich Mielke ließ es sich nicht nehmen, die Aktion persönlich zu überwachen.[28] Uniformierte Sicherheitskräfte bildeten an der Besuchsstrecke einen dichten Kordon, dahinter Stasi-Mitarbeiter in Zivil. Auf dem Marktplatz wurde ein Weihnachtsmarkt mit Bevölkerung simuliert, die in Wahrheit zu großen Teilen aus Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) bestand, ein "buntes Bild des Publikums", so die Vorgabe. Der Markt sollte "unter Einsatz von viel Licht, Effekten und Weihnachtsmusik eine lockere Atmosphäre" ausstrahlen.[29] Eine Scheinwelt, die in der westlichen Welt nicht verfing. "Eine Stadt ohne Frauen und Kinder", so titelte Marlies Menge in ihrer Reportage zu diesem Güstrower Adventssonntag in der Ausgabe der "Zeit" vom 18. Dezember 1981:[30] "Die Stadt ist belagert von Tausenden von grünen Polizisten, fast überall Schulter an Schulter. Hinter ihnen die grauen Männer."

Die andere Seite "deutscher Normalität": Volkspolizisten riegeln am 13. Dezember 1981 die Straßen Güstrows während des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der mecklenburgischen Kleinstadt ab.Die andere Seite "deutscher Normalität": Volkspolizisten riegeln am 13. Dezember 1981 die Straßen Güstrows während des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der mecklenburgischen Kleinstadt ab. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00100469, Foto: Klaus Lehnartz)
Es bedurfte nicht erst des Zugangs zu den Akten der Staatssicherheit, um diese groteske Veranstaltung als das zu entlarven, was sie war. Zu offensichtlich war die Inszenierung, und es mutete in der Tat kafkaesk an, wenn Erich Honecker gegenüber dem bestellten Publikum der Stasi-Mitarbeiter und ausgesuchten "gesellschaftlichen Kräfte" den "Landesvater" mimte, tatsächlich jedoch "den Angestellten von Herrn Mielke die Hand" gab.[31] Die eigentliche Bevölkerung von Güstrow blieb aus dem Geschehen ausgeschlossen. Missliebige, oppositionelle Personen waren aus der Stadt verbannt, verhaftet oder unter Arrest gestellt. Die Kreisdienststelle Güstrow der Staatssicherheit hatte insgesamt 644 Personen im Visier, von denen "feindlich-negative" Handlungen und "Provokationen" zu gewärtigen waren. 520 Personen standen im Verdacht, ihre Sympathie für die westlichen Besucher kundzutun, darunter vor allem "kirchlich gebundene negative Kräfte" sowie Personen, die durch "asoziales, rowdyhaftes und dekadentes Verhalten" aufgefallen waren. Der Rest waren 42 Jugendliche, die für "negative Zwecke" missbraucht werden konnten, 21 Ausreisewillige, acht Besucher der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, 13 Gewalttäter und 40 Eingabenschreiber, deren Verärgerung "demonstratives Auftreten" befürchten ließ.[32]

Doch das Misstrauen galt nicht nur diesen aus SED-Sicht problematischen Gruppen und bekannten "Gegnern". Der Operative Einsatzstab legte am 25. November fest, dass zu "allen Anwohnern" der Sicherungsbereiche eine "lückenlose Auskunft" erarbeitet werden müsse. Bei "positiven Personen" genüge ein Satz, bei "negativen" sei eine nähere Einschätzung und die genaue Festlegung von "Sicherungsmaßnahmen" erforderlich. Grundsatz für die Strecke, auf der sich der hohe Besuch bewegen sollte, war: "In der Regel Aufklärung bis 100 m Tiefe; evtl. tiefer", das Ganze gemessen ab Bordsteinkante.[33] Entsprechend sollte dann die Protokollstrecke gesichert sein: "Im bewohnten Raum bis 100 m, im nichtbewohnten Raum bis 500 m und darüber hinaus".[34] Der Sicherungswahn trieb groteske Blüten: "Auch von Kindern können Gefahren für die Protokollstrecke ausgehen."[35] Menschen in psychiatrischer Behandlung waren "einzuweisen"; sofern sie sich bereits in stationärer Behandlung befanden, durften sie keinen Ausgang erhalten. Auch alle übrigen Einwohner durften sich nicht zeigen, die Fenster mussten geschlossen bleiben. 4.833 MfS-Leute waren allein in Güstrows Zentrum aktiv. Für das Gipfeltreffen insgesamt waren über 35.000 Kräfte, davon fast 14.000 des MfS und mehr als 21.000 Volkspolizisten, im Einsatz gewesen.[36]


Fußnoten

28.
Gedächtnisprotokoll: Ablaufplan Güstrow am 13.12.1981, BStU, MfS ZOS 2441, Bl. 11.
29.
Operativer Einsatzstab Aktion "Dialog", Protokoll über die Beratung des Operativen Einsatzstabes am 4.12.1981 in der Zeit von 17.00–20.30. Güstrow, 4.12.1981, BStU Ast. Schwerin, 400504.
30.
Marlies Menge, Eine Stadt ohne Frauen und Kinder. Beobachtungen einer Winterreise, in: Die Zeit, 52/1981, S. 2. – Das Folgende ebd.
31.
Gespräch d. Vf. m. Klaus Bölling, Berlin 3.11.2006.
32.
Kreisdienststelle Güstrow, 2.12.1981, Einschätzung der politisch-operativen Lage im Kreis Güstrow im Zusammenhang mit der [...] Aktion "Dialog", BStU Ast. Schwerin, 400504.
33.
Protokoll über Beratung OES [Operativer Einsatzstab] mit Leitern der Sicherungsbereiche am 25.11.81 in Güstrow; OES –Aktion Dialog 81 – Schwerin, 26.11.1981, BStU Ast. Schwerin, 400504.
34.
BV f. Staatssicherheit Schwerin. Leiter, Maßnahmeplan zur Aktion "Dialog", BStU Ast. Schwerin, 400500.
35.
Hinweise zur Ergänzung der Rahmenkonzeption für die Einweisung der Einsatzkräfte der DVP, BStU Ast. Schwerin, 400504.
36.
Tabelle des Kräfteeinsatzes, BStU, MfS AGM 2443, Bl. 3.

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