Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Christian Halbrock

Basisarbeit mit der kirchlichen Jugend und Ausbesserungen am Kirchendach

Die Ost-West-Treffen der evangelischen Kirche in der DDR

"Intensive persönliche Kontakte"


Daneben und dessen ungeachtet bestanden die Ost-West-Treffen in den evangelischen Kirchengemeinden als Brücke zwischen Ost und West fort und erfreuen sich nach wie vor eines großen Zuspruchs. Neben den mitunter noch vorhandenen familiären und persönlichen Kontakten zwischen Ost und West hielten sie das Bewusstsein für die Situation wach, in der sich das Land befand. Ihnen kam als einem der wenigen noch verbliebenen Wege, Menschen aus dem jeweils anderen Teil Deutschlands kennen zu lernen und sich mit ihnen auszutauschen, eine wichtige Funktion zu.

Verwandt wurden innerkirchlich zumeist die Bezeichnungen "Ost-West-Treffen" oder man sprach von der jeweiligen "Partnergemeinde" (bis in die Sechzigerjahre noch von der "Patengemeinde") im anderen Teil des Landes. Entscheidend war dabei für die staatliche Seite nicht so sehr, was auf diesen Treffen besprochen und welche Diskussionen im Einzelnen geführt wurden. Die Ost-West-Treffen galten für sich genommen schon als Politikum. Deutlich wurde dies insbesondere in den Gemeinden außerhalb Berlins und an den Orten fern der innerdeutschen Grenze, die nicht von dem am 17. Oktober 1972 eingeführten Kleinen Grenzverkehr[14] profitierten und in denen jeder Besuch einer größeren West-Delegation für Furore sorgte. Dies zumal, wenn die Teilnehmer aus der Bundesrepublik mit ihren Privatautos anreisten, die sich von den Standardkarossen der sozialistischen Fahrzeugproduktion auffällig abhoben und von technisch wie nicht technisch interessierten DDR-Bewohnern begierig begutachtet wurden.

Von einem solchen von den Funktionären vor Ort als Ärgernis der visuellen Art wahrgenommenen Zusammentreffen zeugte unter anderem die Intervention des Ersten Stellvertreters für Inneres des Kreises Teterow, Olbricht, beim Ortspfarrer 1978. Olbricht erkundigte sich bei diesem, aus welchem Grund sich gleich mehrere Personen aus dem Westen in der mecklenburgischen Kleinstadt aufhielten, was die Kirchengemeinde am bevorstehenden Wochenende plane und ob sich hieraus eine besondere Situation, die die öffentliche Ordnung und das sozialistische Zusammenleben der Bürger tangiere, ergebe. Er erfuhr, dass es sich nur vordergründig um ein Ost-West-Treffen handle. Tatsächlich zählten die vor allem aus dem Großraum Hamburg, aus Lübeck und Schleswig-Hostein Angereisten zu den Goldenen Konfirmanden, die vor 50 Jahren in der Stadtkirche zu Teterow ihre Einsegnung erhalten hatten und nun anlässlich des Jubiläums eingeladen worden waren. Weder die Kirchengemeinde noch die Eingeladenen könnten, so der Ortspfarrer, der sogleich den Superintendenten in Malchin über den Vorfall informierte, für das Aufsehen, dass ihr Erscheinen auslöste, verantwortlich gemacht werden. Schließlich sei die Grenzziehung und die innerdeutsche Teilung in Ost und West erst nach ihrer Konfirmation erfolgt, und zum großen Teil hätten sich die einstigen Konfirmanden schon lange vor 1961 in den Westen begeben. Dass der Ort ihrer Konfirmation nun zu einem anderen Weltsystem zählte, sei nicht ihr Verschulden.

Zusammen mit seinen Partnern des Politisch-Operativen Zusammenwirkens (POZW), zu denen unter anderem die Abteilung Inneres der Bezirks- und Kreisräte, die Volkspolizeikreisämter und deren Pass- und Meldestellen zählten, sah sich das Ministerium für Staatssicherheit bestrebt, alle nur erdenklichen Informationen über die an sich häufig eher harmlosen Ost-West-Begegnungen zusammenzutragen.[15] Intern prägte das MfS in Anlehnung an die Bezeichnung Partnergemeinde den zugleich missverständlichen Begriff der "Partnerschaftsarbeit der Kirchen". Unter dieser Rubrik sollten fortan alle entsprechenden Aktivitäten der Kirchen registrierte und aktenkundig werden.

Die "Pastoren des Kreises", so meldete zum Beispiel die MfS-Kreisdienststelle Doberan im Bezirk Rostock 1974, würden vermehrt "Einreisen von Besuchern aus der BRD" beantragen. Zumeist handele es sich dabei "um Vertreter der Ev[angelischen] Kirche aus dem Hamburger Raum." Zudem hatte man erfahren, dass auch Pfarrer aus den grenzfernen Landkreisen des Bezirks mit ihren Jugendgruppen nach der Einführung des Kleinen Grenzverkehrs "in den Kreis Wismar fahren, um sich dort mit westdeutschen Pastoren zu treffen, die auf Tagespassierscheinen einreisen."[16] Und die MfS-Kreisdienststelle Waren konnte 1987 nach Neubrandenburg vermelden, dass es im Kreis neun von "kirchlichen Personen" intensiv gepflegte Ost-West-Verbindungen gäbe. Jene Kontakte beruhten nur "zu einem äußerst geringen Teil auf verwandtschaftlicher Grundlage", sondern kämen jeweils zustande, indem "Adressen ... [von] fremden Personen" weitergeben würden und "daraus intensive persönliche Kontakte entstehen". Zuvor hatte man mehrfach die Post von hieran vermeintlich Beteiligten geöffnet und auf diesem Weg die vorliegenden "Informationen erarbeitet". Eingehend konsultiert wurde zudem die Abteilung Pass- und Meldewesen der Volkspolizei in Waren, die sich als ein zuverlässiger Partner bei der Bespitzelung der Verdächtigen erwies.[17]

Weitere Beispiel ließen sich ohne Weiteres anführen: So berichtete die Kreisdienststelle Wolgast im Oktober 1983 vom "Zusammentreffen von Jugendlichen der Gemeinde Kröslin mit BRD-Jugendlichen im Pfarrhaus des Pastors"; besonders delikat erschien dem MfS an dem Vorgang, dass auch die "nichtkirchliche" Dorfjugend, die neugierig auf dem Besuch aus dem Westen war, der Einladung ins Pfarrhaus folgte.[18] Auch der "organisierte Reiseverkehr", sprich die Touristikfahrten in die DDR, würden von den bundesdeutschen Kirchen, so meldete der Inoffizielle Mitarbeiter "Rosa" dem MfS aus einem Reisebüro in Rostock, "missbraucht", um Pastoren und deren Gemeinden "aus den Bezirken Rostock und Schwerin" zu treffen.[19] Und in einem Bericht über "aktuelle Erscheinungen der gegnerischen Kontaktpolitik und Kontakttätigkeit im Bezirk Rostock" konstatierte der Chef der Bezirksverwaltung, Generalmajor Rudolf Mittag, bezogen auf das Jahr 1987, "die kirchliche Partnerschaftsarbeit wurde mit unverminderter Intensität fortgeführt."[20]


Fußnoten

14.
Hierzu zählten folgende Kreise: Wismar (Stadt und Landkreis), Grevesmühlen, Gadebusch, Schwerin (Stadt und Landkreis), Hagenow, Ludwigslust, Parchim, Perleberg, Seehausen, Salzwedel, Osterburg, Kalbe, Klötze, Stendal, Gardelegen, Tangerhütte, Haldensleben, Wolmirstedt, Wanzleben, Oschersleben, Staßfurt, Halberstadt, Aschersleben, Wernigerode, Quedlinburg, Nordhausen, Sangerhausen, Worbis, Heiligenstadt, Sondershausen, Mühlhausen, Langensalza, Eisenach, Gotha, Bad Salzungen, Schmalkalden, Meiningen, Suhl, Hildburghausen, Ilmenau, Neuhaus, Sonneberg, Rudolstadt, Saalfeld, Pößneck, Lobenstein, Schleiz, Zeulenroda, Greiz, Plauen (Stadt und Landkreis), Oelsnitz, Reichenbach, Auerbach, Klingenthal.
15.
Daniela Münkel, Zusammenwirken, politisch-operatives (POZW), in: Roger Engelmann u.a. (Hg.), Das MfS-Lexikon. Begriffe, Personen und Strukturen der Staatssicherheit in der DDR, Berlin 2011, S. 355.
16.
MfS, BV Rostock, KD Bad Doberan, betr.: Meinungsäußerungen von BRD-Bürgern aus dem Reiseverkehr, Doberan 11.1.1974, BStU, MfS, BV Rostock, AKG, Nr. 44, Bd. II, Bl. 167–170, hier 170.
17.
MfS, BV Neubrandenburg, KD Waren, Analyse kirchlicher Partnerschaftsarbeit in NSW, Waren 24.4.1987, BStU, MfS, BV Neubrandenburg, KD Waren, Nr. 154, Bd. I, Bl. 78–80, hier 79.
18.
MfS, BV Rostock, KD Wolgast, Bericht betr.: Zusammentreffen von Jugendlichen der Gemeinde Kröslin mit BRD-Jugendlichen im Pfarrhaus [...] Kröslin, Wolgast 6.10.1983, BStU, MfS, BV Rostock, AIM 3811/91, Bd. I, Bl. 17–20, hier 17.
19.
MfS, BV Rostock, Abt. VI, Quelle: IM "Rosa", Leiterinformation Nr. 95/81, Rostock 30.9.1981, BStU, MfS, BV Rostock, AIM 166/82, Bd. I, Bl. 116f.
20.
MfS, BV Rostock, AKG, Information Nr. 70/87, Rostock 14.9.1987, BStU, MfS, BV Rostock, AKG, Nr. 195, T. I, Bl. 208–213, hier 210.

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