Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Christian Halbrock

Basisarbeit mit der kirchlichen Jugend und Ausbesserungen am Kirchendach

Die Ost-West-Treffen der evangelischen Kirche in der DDR

"Der Pfarrer braucht nur zu pfeifen ..."


Worin lag nun die innerkirchliche Bedeutung dieser Ost-West-Treffen? Die Treffen ergänzten zunächst die umfangreiche Hilfe in Form von Materiallieferungen und finanziellen Zuschüssen aus der Bundesrepublik, in deren Genuss ostdeutsche Partner-Kirchengemeinden kamen. Die sogenannten "Genex"- und "Limex"-Sendungen, von bundesdeutscher Seite aus bezahlte Lieferungen an ihre Partnergemeinden, hielten die Kirchengemeinden im Osten Deutschland oft über Wasser. Sie halfen, Versorgungsengpässe zu überbrücken, und ermöglichten dringend notwendige Reparaturen an den Kirchen. Es war zugleich auch stets ein wirkungsmächtiges Signal und eine Demonstration von Andersdenkenden im SED-Staat, wenn Kirchendächer in der DDR neu eingedeckt, Türme repariert und Kirchenfenster neu verglast wurden. Und fast jeder wusste und sah es in den Dörfern und Städten, dass dies oft erst durch die Hilfe einer bundesdeutschen Partnergemeinde ermöglicht worden war. Häufig zeugten die Qualität des gelieferten Materials, das verwendete Handwerksgerät oder auch die farbenfrohen Aufdrucke auf den Verpackungen des Baumaterials von der Herkunft und dem Spender im Westen.

Auf die Solidarität aus dem angeblich gefühlskalten Westen antworteten Einzelne aus der vermeintlich solidarischen Ostgesellschaft gelegentlich mit offenem Egoismus. Als die bayrische Kirchgemeinde Planegg bei München Ziegelsteine für ihre Glaubensbrüder im mecklenburgischen Teterow spendete, wurde dies offensichtlich. Die Dachdecker des einzigen privaten Handwerkbetriebes, der die Arbeiten durchführen durfte, weigerten sich so lange, den Kirchturm einzudecken, bis der Pfarrer ihnen kostenlos West-Handwerkzeug beschafft hatte. Und auch die kircheneigene Baubrigade des Kirchenkreises benötigte Handwerkzeug: "Daß die Anfrage nach der Größe der gewünschten Werkzeuge für die Kirchengemeinde und über die genaue Art der übrigen Wünsche noch nicht erfolgt ist, bedaure ich sehr", schrieb der Planegger Pfarrer Wilhelm Hoffmann seinem Mecklenburger Amtsbruder, als die Nachlieferung sich verzögerte.[21] Zugleich wies Hoffman nochmals auf den regulären Behördenweg hin, über den die entsprechende Schenkung die Ost-Gemeinde erreichen konnte. Nach der Bewilligung durch das Außenhandelsministerium der DDR ging "eine genaue Aufstellung mit allen Einzelangaben" an die Zentralstelle des Diakonischen Werkes in Berlin-Ost, die ihrerseits das Diakonische Werk in Berlin-West verständigte, "die die Sendung auf Kosten der ... Partner zusammenstellte."

Krönung des Turms der Stadtkirche durch die Junge Gemeinde in Teterow, 1984.Krönung des Turms der Stadtkirche durch die Junge Gemeinde in Teterow, 1984. (© privat)
Über den DDR-Genex Geschenkdienst GmbH oder die Außenhandelsfirma Limex erreichten die Materialien die bedürftigen Gemeinden im Osten, wobei die DDR noch daran mit verdiente. Um den Verwerfungen der sich in Teilen entsolidarisierenden ostdeutschen Gesellschaft zu entgehen, in der sowohl SED-Staat als auch Privatbetriebe danach strebten, vom Mangel zu profitierten, mobilisierte der Pfarrer bei der nächsten Lieferung aus Planegg die christliche Jugend vor Ort. Die stieg nun selbst auf das Kirchdach und deckte es eigenhändig ein.[22] Doch auch dies schien der SED nicht recht zu sein: "Der Pfarrer braucht nur zu pfeifen und dann kommen die Leute, so beschwerte sich im September 1984 ein leitendes Mitglied der SED-Kreisleitung." So erinnerte sich der Teterower Pfarrer Martin Kuske an jene Bauphase am Süddach der Stadtkirche, als an "acht Nachmittagen und Abenden ... 20.000 Ziegel" von etwa jeweils zehn meist Jugendlichen pro Einsatz "an Ort und Stelle" auf das Kirchenschiff verbracht wurden.

Befördert wurde die Idee, zu dieser ungewöhnlichen Aktion aufzurufen, nicht zuletzt auch durch die SED-Kreisleitung. Sie hatte der Kirche für die Neueindeckung des Daches nur bedingt Baubilanzen gewährt, nach denen Betriebe regulär tätig werden durften. So blieb dem Pfarrer nur der Weg, erneut Handwerker in Feierabendarbeit mit Vergünstigungen an den Bau zu locken oder eben jenen Aufruf zu starten, zu dem es dann tatsächlich kam.

Bereits in den Wochen zuvor hatte sich Pfarrer Martin Kuske schon einmal auf die uneigennützige Hilfsbereitschaft anderer verlassen und war vom Erfolg seines Aufrufes mehr als überrascht worden. Im Juni 1984 erreichte ihn weitgehend unvorbereitet ein Anruf vom Güterbahnhof, dass "in zwei Stunden ... 7.000 Ziegel" in mehreren Waggons angeliefert würden, die umgehend, innerhalb von zwei Stunden, zu entladen seien. Ansonsten würden für jede volle Stunde Standgebühren erhoben, für die die Kirchengemeinde aufzukommen habe: "Um 20 Uhr waren nicht nur genügend Leute da, um per Hand die Waggons zu entladen, ein Traktor mit Hänger ebenfalls. Nach 90 Minuten war alles erledigt." Die Aktion musste in den folgenden Wochen noch zweimal wiederholt werden, erinnerte sich Kuske, der 1990 schrieb, dass insbesondere die spektakuläre wie "öffentlichkeitswirksame" Dacheindeckung rückblickend als "ein Höhepunkt im Gemeindeleben" vor 1989 gelten könne. Auch Menschen, die sich vordem kaum am Gemeindeleben beteiligten oder der Kirche eher fern standen, erkannten hierin eine Möglichkeit, ihre Distanz zum SED-Staat anschaulich zu demonstrieren.

Aber auch weniger erfreuliche Beispiele ließen sich anführen: Als in Lobetal bei Bernau die Kirche ein Epileptikerheim mit westdeutscher Hilfe ausbaute, brachen des Nachts ostdeutsche Häuslebauer ein und entwendeten die aus dem Westen gelieferten Sanitärarmaturen und das Elektromaterial: Solle sich doch die Kirche um neues Material für ihre Kranken kümmern, schließlich hatte sie doch die Westkontakte.[23]


Fußnoten

21.
Brief Pfarrer Wilhelm Hoffmann, Planegg 26.9.1981, Schreiben im Besitz d. Vf. Das Folgende ebd.
22.
Martin Kuske, Teterow. Stadtkirche St. Peter und Paul zu Teterow, Passau 1993, S. 20. Die folgenden Zitate ebd.
23.
Gespräch d. Vf. m. dem Leiter des Hauses Eben Ezer, Lobetal 15.2.1983.

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