Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Christian Halbrock

Basisarbeit mit der kirchlichen Jugend und Ausbesserungen am Kirchendach

Die Ost-West-Treffen der evangelischen Kirche in der DDR

"Staatsgefährdende Hetze und Propaganda"


Die Ost-West-Treffen gab es bereits – in intensiver Form – vor dem 13. August 1961. Der Mauerbau erschwerte zwar ihre Durchführung, konnte aber nicht verhindern, dass die Begegnungen weiter stattfanden. Dementsprechend zählten die Ost-West-Treffen zu einer der verbliebenen Brücken zwischen Ost- und Westdeutschland, die zu zerschlagen SED und MfS sich nach dem Mauerbau vorgenommen hatten.

Die FDJ glaubte, dass ihr mit dem Mauerbau die Aufgabe zufalle, der SED und dem MfS hierbei assistieren zu müssen. In einem Strategiepapier, das auf den 19. September 1961 datiert, bekundete die Führung der Jugendorganisation, dass es jetzt darum gehen müsse, "gegen die Einflüsse Westdeutschlands und Westberlins auf die kirchliche Jugendarbeit" vorzugehen und zur "Entlarvung reaktionärer Leiter" der Jungen Gemeinden beizutragen. Als besonderes Ziel wurde dabei die "Liquidierung" der Patenschaften, also der kirchlichen Ost-West-Treffen, hervorgehoben.[28]

Im Oktober 1961 sollte in Berlin deshalb Sabine Rackow, Chemiestudentin an der Humboldt-Universität und seit 1958 Vertrauensstudentin der Evangelischen Studentengemeinde (ESG), verhaftet werden. Festgenommen wurde am 29. September 1961 ebenso Pfarrer Hans-Hermann Kleiner aus Groß Beese im Kreis Wittenberge, der anschließend zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt werden sollte; man warf ihm unter anderem vor, im Sommer 1961 "mit einer Gruppe von 15 Mitgliedern der 'Jungen Gemeinde' aus Wittenberge an einem Treffen mit gleichartigen Gruppen aus Westdeutschland in Westberlin" teilgenommen zu haben.[29]

Auch in Potsdam blieben die SED, der Staatssicherheitsdienst und die FDJ nicht untätig. Am 27. bzw. 28. September 1961 verhaftete man "von der Straße weg"[30] in Potsdam den damals 23-jährigen Ulrich Krüger sowie den Kaufmann Eberhard Grauer und Christian Wendland, bis zum Sommer 1961 Student an der Technischen Universität in West-Berlin und einer der Aktivsten der Potsdamer Studentengemeinde. Spätestens seit Mitte 1959 liefen bereits die Ermittlungen des MfS.[31] Als Spitzel GM "Klein" informierte minutiös der spätere Schauspieler Heinrich Buttchereit das Ministerium für Staatssicherheit über die Ost-West-Treffen, politische Diskussionen von "staatsgefährdendem Charakter", "Päckchen mit Genußmitteln, teuren Textilien und Büchern (mit hetzerischem Inhalt)" aus dem Westen und ähnlichem.[32] Auf der Grundlage dieser Denunziation war dem MfS bekannt, dass die Potsdamer ESG Treffen mit "Studenten aus Mainz" und Aachen in "Westberlin ... durchführte". Gemeinsam besuchten die Studierenden "Veranstaltungen im demokratischen Sektor und in Westberlin". Christian Wendland, so berichtete der Informant weiter, solle dabei von einem "Mainzer Theologiestudenten als derjenige" unter den Oststudenten "bezeichnet" worden sein, "der noch nicht der Schläfrigkeit verfallen sei." Er zähle insgesamt "zu den negativsten Kräften der ESG".[33]

Am 1. Dezember 1961 wurde der Prozess vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Potsdam eröffnet; drei Tage später folgte die Urteilsverkündung: Eberhard Grauer wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Wie in anderen Prozessen auch stellte das Gericht Bezüge zum Mauerbau vom 13. August 1961 her: "Unter völliger Verdrehung der Tatsachen", so hieß es, habe Grauer "die Maßnahmen der DDR (am 13. August) als unmenschlich bezeichnet." Ebenfalls vom Gericht der "staatsgefährdender Propaganda und Hetze" bezichtigt, wurden Ulrich Krüger zu zwei Jahren und neun Monaten und Christian Wendland zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.[34]

Die meisten der Ost-West-Treffen verliefen in kirchlichen Bahnen. Doch gab es immer wieder auch Ost-West-Gruppen, die sich weitgehend verselbständigten, eigenständig Begegnungen abseits der kirchlichen Aufsicht organisierten und sich verstärkt politischen Inhalten zuwandten. Zudem ließen die Treffen sich ohnehin nicht losgelöst von politischen Fragen durchführen.

Als ein solches Beispiel seien hier die Ost-West-Treffen einer Jungen Gemeinde im Umkreis von Rostock angeführt, die vom Staatssicherheitsdienst im Operativvorgang "Tonsur" und nachfolgend auch in einer Diplomarbeit an der Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam analysiert wurden.[35] Auf Initiative des zuständigen Pfarrdiakons führte die betreffende Junge Gemeinde ab 1981 mehrere Ost-West-Treffen mit Partnerjugendgruppen aus der Bundesrepublik in Wismar, Ost-Berlin und in der Tschechoslowakei durch, auf denen man über deutsch-deutsche Fragen, so unter anderem über die deutsche Teilung und über die Berliner Mauer diskutierte.[36] In den Gesprächsrunden, so berichtetet ein in die Gruppe eingeschleuster Spitzel, ging es auch um den "antifaschistischen Schutzwall in Berlin", den die Anwesenden, so hatte er es genau vernommen, fortwährend als "'Mauer' bezeichnet" hätten.[37] Er berichtete, dass mit "Unverständnis und Ablehnung ... [auf] die 'Mauer'" reagiert wurde. Selbst der Diakon bekannte sich dabei zur politischen Intention der von ihm initiierten Treffen. Ziel der Treffen sei nach dessen Ansicht, der Entfremdung zwischen Ost und West entgegenzuwirken und eine Brücke zwischen Jugendlichen aus beiden Teilen Deutschlands zu bauen. Die an den Begegnungen von ostdeutscher Seite Beteiligten waren sich durchaus im Klaren darüber, dass die Treffen von staatlicher Seite argwöhnisch betrachtet und sie zum Teil auch observiert wurden. Spätestens nach einigen – in ihren Augen gezielten – Ausweiskontrollen am Rande eines solchen Treffens in Wismar wandten sie, so wollte es das MfS erkannt haben, "konspiratives Verhalten zur Absicherung der Treffen" an. Später führten die Jugendlichen auch einzelne Begegnungen eigenständig durch und diskutierten hier mit ihren bundesdeutschen Partnern über die fortschreitende Militarisierung in der DDR, über die Unterschiede im Schulsystem beider deutscher Staaten und über die ihnen in der DDR vorenthaltenen demokratischen Grundrechte.

Eine noch weitergehende Tendenz zur Verselbständigung wies eine Jugendgruppe auf, die sich Ende der Siebzigerjahre zunächst rund um Neustrelitz fand und mit Jugendlichen aus Hamburg in Kontakt stand. Auch hier rückten verstärkt politische Diskussionen in den Mittelpunkt der Treffen, so unter anderem während eines zehntägigen gemeinsamen Aufenthalts im August 1979 auf einem Zeltplatz bei Krakau in Polen.[38] Zunehmend bemühten sich die Hamburger darum, ihre ostdeutschen Partner mit in der DDR nicht erhältlichen "Tonträgern" und Literatur zu versorgen. Zwei der wiederholt aus Hamburg in die DDR Einreisenden stammten zudem selbst aus Familien, die einst aus der DDR in den Westen geflohen waren. Hinzu kam, dass sich in der Gruppe bald die ersten Ost-West-Paare fanden. Beide Gründe und die anscheinend geringen Aussichten, über einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik zu gelangen, gaben schließlich den Ausschlag, dass einer der Hamburger plante, seine ostdeutsche Freundin auf dem Weg der Fluchthilfe über Ungarn in die Bundesrepublik zu holen. Eine gute Freundin, der sie sich anvertraut hatte, verriet sie kurz vor ihrer Flucht an den Staatssicherheitsdienst. Sie wurde am 10. Juli 1980 auf dem Flughafen Schönefeld festgenommen, in die Untersuchungshaft des MfS überstellt und am 26. September 1980 vom Kreisgericht Neustrelitz zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt.[39]


Fußnoten

28.
Markus Schütte, "Entlarven, Zersetzen, Liquidieren". Der Kampf gegen die Junge Gemeinde in der DDR im Herbst/Winter 1961 und der Fall Eberhard Grauer, Semesterarb. Kirchengeschichtl. Hauptseminar d. Theol. Fakultät, SoSe 1997, HUB, Potsdam 1998, S. 11f.
29.
Markus Schütte, "Entlarven, Zersetzen, Liquidieren". Der Kampf gegen die Junge Gemeinde in der DDR im Herbst/Winter 1961 und der Fall Eberhard Grauer, Semesterarb. Kirchengeschichtl. Hauptseminar d. Theol. Fakultät, SoSe 1997, HUB, Potsdam 1998, S. 11f.
30.
Podiumsdiskussion in der Nikolaikirche Potsdam, 17.10.2006.
31.
MdI, Staatssekretariat f. Staatssicherheit, BV Potsdam, Beschluß, Potsdam 27.4.1960, BStU, MfS, BV Potsdam, AOP 1581/62, Bl. 8f.
32.
Heinrich Buttchereit, Darlegungen über die Arbeitsweise der Potsdamer Evang. Studentengemeinde, Potsdam 26.9.1961, BStU, MfS, BV Potsdam, AOP 1581/62, Bl. 208–211.
33.
MfS, BV Potsdam, Abt. V/4, Sachstandsbericht zum Operativvorgang "Pate", Potsdam 12.4.1960, BStU, MfS, BV Potsdam, AOP 1581/62, Bl. 34.
34.
Aktensache I Bs. 367/61, I 366/61, BStU, MfS, BV Potsdam, AU 346/62, STA 3021, Bd. 1, Bl. 124.
35.
MfS, BV Rostock, KD Bad Doberan, Zwischenbericht zum OV "Tonsur", Reg.-Nr. I/730/81, Bad Doberan 11.11.1981, BStU, MfS, BV Rostock, A 54/87, Bl. 124–139; Missbrauch des Reiseverkehrs ins sozialistische Ausland sowie Nachahmung, Verherrlichung und Übernahme von westlichen Moral- und Lebensauffassungen zugenommen hat. Dipl.-arb. MfS-JHS, 1982 BStU, MfS, JHS, MF VVS 001-289/82, Bl. 6.
36.
MfS, BV Rostock, KD Bad Doberan, Information Nr. 19/81, Bad Doberan 22.6.1981, BStU, MfS, BV Rostock, A 54/87, Bl. 75–79.
37.
MfS, BV Rostock, KD Bad Doberan, Information Nr. 10/81, Bad Doberan 7.4.1981, BStU, MfS, BV Rostock, A 54/87, Bl. 42–47, hier 45. Die folgenden Zitate ebd.
38.
MfS, BV Neubrandenburg, Abt. XX, Sachstandsbericht zum operativen Material "Kontakt", Neubrandenburg, 7.2.1983, BStU, MfS, BV Neubrandenburg, AIM 508/87, Bd. I, Bl. 17–20, hier 18.
39.
MfS, BV Neubrandenburg, Abschlussbericht zur OPK 6/80, Neubrandenburg 29.10.1980, BStU, MfS, BV Neubrandenburg, AOPK 1442/90, Bd. III, Bl. 149–151.

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