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Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Gerhard Sälter

Zu den Zwangsräumungen in Berlin nach dem Mauerbau 1961

II.


Der Charakter der Zwangsumsiedlungen in Berlin unterschied sich jedoch von denen an der innerdeutschen Grenze 1952 und 1961. Anders als dort wurden in Berlin nicht nur die politisch Verdächtigen ausgesiedelt, sondern letztlich alle Menschen, die, vor allem in den Stadtbezirken Treptow und Mitte, direkt in den an der Grenze liegenden Häusern wohnten. Und anders als bei den Zwangsumsiedlungen an der Westgrenze der DDR wurden die Umgesiedelten, soweit wir heute wissen, nach der Umsiedlung nicht besonders überwacht und galten offensichtlich nicht als potentielle Feinde der DDR.

Was die SED-Führung dazu brachte, die Zwangsumsiedlung von Menschen an der innerstädtischen Sektorengrenze in Berlin zu erwägen, waren das Ausmaß und die Aufsehen erregende Form der Fluchtbewegung aus den Grenzhäusern und deren medial vermittelte weltweite Wahrnehmung. Offensichtlich war die SED-Führung nach dem Mauerbau von der Intensität der Fluchtbewegung überrascht.[6] Sie hatte anscheinend nicht bedacht, dass sie mit Stacheldraht und Mauer gerade in Berlin einen neuen, einen zusätzlichen Fluchtgrund geschaffen hatte. Zusätzlich zu den politischen und wirtschaftlichen Motiven trat jetzt das Motiv, dass viele Menschen in Ost-Berlin von Freunden und Verwandten, aber auch von Ausbildungs- und Arbeitsstätten getrennt worden waren. Viele von ihnen versuchten deshalb in der Phase direkt nach der Grenzschließung, als die Grenzsperren noch nicht so dicht und die Bewachung noch nicht perfekt war, noch nach West-Berlin zu gelangen.[7]

Zur Unterbindung von Fluchtversuchen wurden bereits kurz nach dem Mauerbau bei Häusern, die direkt an der Grenze lagen, Hauseingänge und Fenster zugemauert. Aufnahme aus der Bernauer Straße vom 6. Oktober.Zur Unterbindung von Fluchtversuchen wurden bereits kurz nach dem Mauerbau bei Häusern, die direkt an der Grenze lagen, Hauseingänge und Fenster zugemauert. Aufnahme aus der Bernauer Straße vom 6. Oktober. (© AP, Foto: Eddie Worth)
Außerdem bewog die Atmosphäre in den Grenzhäusern an der Bernauer Straße viele der Bewohner zur Flucht. In den ersten Tagen nach dem 13. August 1961 waren die meisten in den Westen führenden Haustüren zugenagelt und zum Teil bereits vermauert worden. Die notdürftig in die rückwärtigen Mauern gebrochenen neuen Eingänge, die Hinterhöfe, die Aufgänge und Treppen waren von Volkspolizisten und Angehörigen der Kampfgruppen besetzt, sodass die Bewohner wie in einem Kriegsgebiet lebten. Die Überwachung, die etwa dadurch fühlbar wurde, dass sie sich auf einem einzigen Einkaufgang mehrfach ausweisen mussten, war omnipräsent. Schließlich erlebten sie die Fluchtversuche der Nachbarn und die direkten Auseinandersetzungen der Volkspolizei mit West-Berliner Polizisten und Demonstranten hautnah mit.[8]

Dies veranschaulicht der Bericht einer Betroffenen, Frieda Schultz: "Wissen Sie, das war furchtbar in der letzten Zeit. Keine Zeitung mehr aus West-Berlin. Und ich war Stammleser. Um das Radio wurden Kissen gepackt – hinten und an den Seiten – und man traute sich nur noch leise einzustellen. [...] Und dann die Gerüchte! Am Freitag hieß es, es stünden 400 Wagen bereit für die Deportation. Ich wurde immer unruhiger. 'Volkspolizei' kam und brach die Wohnung meines Nachbarn auf, der schon weg war. Das war aufgefallen. In der verlassenen Wohnung richtete sich ein Vopo in Zivil ein. Ein Aufpasser! [...] Und dann haben sie am Sonnabendvormittag einen Mieter ausquartiert, der wohnte fast 40 Jahre in diesem Haus. Ich übrigens fünfzehn. Da habe ich gedacht: jetzt geht's nicht mehr. [...] Noch ein paar schlaflose Nächte und ich wäre verrückt geworden."[9]

Die SED und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) registrierten die Fluchtversuche und insbesondere die erfolgreichen und medial dokumentierten Fluchten sehr genau. Besonders ihre weltweite mediale Wirkung alarmierte das MfS. Hierzu zählten unter anderem die teilweise spektakulären und deshalb medienwirksamen Fluchten in der Bernauer Straße. Später, im Dezember, ordnete der MfS-General Bruno Beater deshalb an, spektakuläre Fluchtversuche, besonders die von Grenzwächtern, über die in den westlichen Medien umfangreich berichtet werde und die als Symbol für den Zwangscharakter des SED-Staates präsentiert würden, seien auf jeden Fall zu unterbinden, um die durch den Mauerbau gesicherte weitere "Festigung" der DDR nicht zu gefährden.[10] Eine vergleichbare Wahrnehmung dürfte auch schon im August dazu geführt haben, die Fluchtbewegung in der Bernauer Straße, wo bis Oktober 1961 bereits 113 erfolgreiche Fluchten zu verzeichnen waren, als Anlass für die dann umgesetzten drastischen Maßnahmen zu nehmen.[11]


Fußnoten

6.
Zum Mauerbau jetzt Gerhard Sälter/Manfred Wilke, Ultima ratio: Der 13. August 1961. Der Mauerbau, die Blockkonfrontation und die Gesellschaft der DDR, Berlin 2011; Jens Schöne, Ende einer Utopie. Der Mauerbau in Berlin 1961, Berlin 2011; Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung, München 2011.
7.
Gerhard Sälter/Manfred Wilke, Ultima ratio: Der 13. August 1961. Der Mauerbau, die Blockkonfrontation und die Gesellschaft der DDR, Berlin 2011, S. 56–59.
8.
Siehe Gerhard Sälter, Reaktionen auf den Mauerbau in Berlin und der DDR, in: DA-Online, 6/2011.
9.
J. Mühlberg, Berliner Morgenpost, 15.10.1961.
10.
Bericht für das Kollegium des MfS, Mitte Dez. 1961, BStU, AS 19/82, S. 31–85.
11.
BA-MA, VA-01/14835, Bl. 269.

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