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Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Gerhard Sälter

Zu den Zwangsräumungen in Berlin nach dem Mauerbau 1961

V.


Auch nachdem die große Welle der Zwangsaussiedlungen und die damit verbundenen Betriebsverlegungen vorbei war, erfolgten beispielsweise 1962 noch einzelne Räumungen und weitere Betriebe wurden aus dem Grenzbereich entfernt.[30]

Schon seit dem Mauerbau bestand in den grenznahen Gebieten in Berlin eine besondere Ordnung, die durch restriktiven Zugang und höhere Überwachungsintensität gekennzeichnet war. Legalisiert wurde diese Situation erst 1963, als durch eine Verordnung des Ministerrats der DDR und eine Anordnung des Verteidigungsministers ein besonderes Grenzgebiet geschaffen wurde. Eigentlich hatte die SED-Führung dies schon Anfang 1962 einführen wollen. Die Verzögerung war erheblichen Bedenken der Moskauer Regierung und insbesondere des sowjetischen Botschafters in Ost-Berlin geschuldet. Erst nachdem diese in langwierigen Verhandlungen ausgeräumt worden waren, ließ die SED-Führung im Sommer 1963 das Sperrgebiet durch legislativen Akt schaffen und in der Topographie der Stadt durch Schilder und Markierungen kenntlich machen. Untersagt war seitdem das Betreten, der Aufenthalt und die Wohnsitznahme ohne ausdrückliche Genehmigung. Ebenso bedurften Besucher und Arbeitnehmer besonderer Genehmigungen (sogenannte Passierscheine), um das Grenzgebiet zu betreten. Das galt beispielsweise auch für Ärzte und Handwerker, was das Alltagsleben erheblich beeinträchtigte. Davon waren 1963 immerhin etwa 16.000 Menschen betroffen, die im Grenzgebiet lebten, und weitere 16.000 Beschäftigte, deren Betriebe im Grenzgebiet lagen.[31]

Mit den zentral gelenkten Umsiedlungsaktionen im September und Oktober 1961 waren die Zwangsaussiedlungen nicht abgeschlossen. Es folgten später kleinere Aktionen, bei denen Menschen, deren Häuser an der Mauer lagen, den immer weiter ausgreifenden Sicherheitsbedürfnissen der SED für das Grenzregime weichen mussten. 1965 bis 1967 wurden Menschen ausgesiedelt, deren Häuser dem entstehenden Grenzstreifen weichen mussten, der im Zuge des Grenzausbaus und der Schaffung der "modernen Grenze" angelegt wurde.[32] 1985 plante die SED-Führung als Vorbereitung für das Stadtjubiläum 1987 ein umfangreiches Maßnahmepaket, zu dem auch die Verschönerung und die bessere Absicherung der Mauer gehörte. In diesem Kontext wurden 1985 einzelne Gebäude und Gebäudeteile nahe der Mauer noch abgerissen. Das betraf beispielsweise die Ruine des Hotels Adlon und die Versöhnungskirche, die im Januar 1985 gesprengt wurde. An der Bernauer Straße wurden 1984 und 1985 mehrere bis dahin noch bewohnte Gebäudeteile und Wohnhäuser im Hinterland der Mauer abgerissen.[33]

Außerdem galt an der Mauer – und das wird häufig vergessen – immer ein besonderes Sicherheitskonzept, das es ermöglichte, Menschen aus dem Grenzgebiet auszuweisen. Für diese Bewohner Ost-Berlins bestand – wie auch für die Menschen im Grenzgebiet an der innerdeutschen Grenze – immer die Gefahr, aus dem Grenzgebiet ausgewiesen zu werden, wenn sie sich politisch verdächtig machten oder sich auffällig verhielten. Mit dieser dauerhaft angelegten Drohung erhöhte sich der Konformitätsdruck im Grenzgebiet im Vergleich zu anderen Territorien in der DDR erheblich, da jede Form von Abweichung mit dem Verlust des angestammten Wohnortes bestraft werden konnte. Hiervon war nicht nur politische Dissidenz betroffen, sondern auch Lebensweisen, die als asozial eingestuft wurden oder unangepasst waren.

Der vorstehende Beitrag wurde als Vortrag gehalten auf der Tagung der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG): Zwangsausgesiedelte als Opfer von Mauer und deutscher Teilung Berlin, 24.9.2011.


Fußnoten

30.
Protokoll über durchzuführende Pionierarbeiten im Grenzabschnitt der II./1. Grenzbrigade, 5.12.1962, BA-MA, VA-07/9057, Bl. 70–75.
31.
Übersichtsplan, Schaffung eines Grenzgebiets, undat. [1963], BA-MA, VA-07/9057, Bl. 175.
32.
Gerhard Sälter, Die Sperranlagen, oder: Der unendliche Mauerbau; in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung, München 2011, S. 122–137; Johannes Cramer u.a., Die Baugeschichte der Berliner Mauer, Petersberg 2011.
33.
Landesarchiv Berlin, C-Rep. 903-01-04, Nr. 1364 u. C-Rep. 902, Nr. 5400.

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