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Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Jens Niederhut

Frohe Ferien in der DDR

Kommunismus und Antikommunismus in den 1950er-Jahren

Frohe Ferien in der DDR


Mit der Aussicht auf Abenteuer und Natur konnte die ZAG Tausende Familien für die Ferienaktion werben. Werbebroschüre der ZAG, 1959.Mit der Aussicht auf Abenteuer und Natur konnte die ZAG Tausende Familien für die Ferienaktion werben. Werbebroschüre der ZAG, 1959. (© Landesarchiv NRW, BR 2154 Nr. 7)
Die DDR ließ sich ihren Propagandaerfolg einiges kosten. Für 1957 beispielsweise kalkulierte das Amt für Jugendfragen mit 1,6 Millionen DM allein für den Transport und die Unterbringung der westdeutschen Kinder.[17] Entsprechend gut waren auch die Bedingungen in den Ferienlagern. Selbst der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz bescheinigte hohe Standards in Sachen Unterbringung, Betreuung, Verpflegung und Hygiene.[18]

Die im Westen befürchtete kommunistische Beeinflussung der Kinder stand zunächst tatsächlich auf der Agenda von SED/KPD. In den Ferienlagern erlebten die westdeutschen Kinder morgendliche Appelle und politische Schulungen genauso wie Geländespiele und Lagerfeuer. Sie sollten "mit den Errungenschaften unserer Deutschen Demokratischen Republik vertraut gemacht" werden. Zudem sei ihnen "zu erklären, dass dies alles nur dort möglich ist, wo die Arbeiter und Bauern über ihr Leben selbst bestimmen."[19] Am Lagerleben nahmen die Gäste gemeinsam mit ihren ostdeutschen Altersgenossen teil, und Politik spielte dabei eine gewichtige Rolle. Es kam zu Treffen mit SED- oder KPD-Politikern und mit sowjetischen Soldaten oder Komsomolzen. Die Kinder sahen den "Thälmann-Film" und nahmen an Feiern zu Ehren des von den Nationalsozialisten ermordeten Arbeiterführers teil.[20]

Viele Kinder kehrten mit dem Sportabzeichen der FDJ oder auch dem Pionierhalstuch in die Bundesrepublik zurück.[21] Sport- und Freizeitaktivitäten hinterließen bei den Kindern aber nachdrücklicheren Eindruck. Dies belegen die Briefe und Erlebnisberichte der Kinder, in denen von Politik nicht viel die Rede ist, und die Erinnerung von Zeitzeugen: Der Sportmoderator Waldemar Hartmann aus Nürnberg, von 1958 bis 1960 im Alter von zehn bis zwölf Jahren dreimal im Ferienlager in der DDR, sagte 2009 in einer Fernsehsendung im Mitteldeutschen Rundfunk, dass ihn das Sportangebot fasziniert habe, die Ideologie hingegen sei ihm egal und die politischen Rituale für die Kinder viel zu abstrakt gewesen.[22]

Überhaupt war es realitätsfern, in wenigen Ferientagen eine dauerhafte politische Beeinflussung von Kindern zu erreichen. Sowohl in der SED als auch bei der ZAG wurde dies von vornherein nur einer von einer Minderheit als Ziel ausgegeben. Wie wenig dies erreicht werden konnte, zeigen schon früh Berichte der ostdeutschen Lagerleitungen, die über Undiszipliniertheiten und das geringe "Einfühlungsvermögen" der westdeutschen Kinder "in die Pioniergesetze" klagten: Durch "Lächerlichmachen der Morgenappelle" sei auch die "Moral der Jungen Pioniere" in Mitleidenschaft gezogen worden. Insgesamt – so hielt die ZAG im Oktober 1956 fest – müsse "die Einflussnahme einer kollektiven Erziehung auf die westdeutschen Kinder (...) als gescheitert angesehen werden."[23]


Fußnoten

17.
AfJ, Haushaltsplan 1957, Begründung zum Kapitel 534, 20.3.1957, BArch DC 4/191, Bl. 575f.
18.
IM NRW (LfV), Kinder-Ferienverschickung in die SBZ, 14.5.1959, LAV NRW R NW 614 Nr. 597.
19.
AfJ, Hinweise für die Arbeit mit den westdeutschen Kindern im Pionierlager 1955, o. D., BArch DC 4/164, Bl. 307–310. Zahlreiche ähnliche Direktiven finden sich in den Akten.
20.
AfJ, Abschlußbericht über die [...] Aktion Frohe Ferientage für alle Kinder 1954, o. D., BArch DC 4/154, Bl. 33–46; Beratung über die Teilnahme westdeutscher Kinder an der Sommerferiengestaltung 1956, 13.3.1956, ebd., Bl. 57–59; Bericht über den 1. Durchgang der Aktion "Frohe Ferientage für alle Kinder" 1954, o. D., BArch DC 4/152. – Der zweiteilige DEFA-Film über Ernst Thälmann von 1954/55 war einer der wichtigsten Propagandafilme der DDR.
21.
LfV Hamburg, Hamburger Ferienkinder in der SBZ, 10.9.1956, LAV NRW R NW 614 Nr. 596; IM NRW, Frohe Ferien für alle Kinder, o. D. (1955/56), LAV NRW R NW 308 Nr. 235, Bl. 63f.
22.
Waldemar Hartmann in der Sendung "Fakt ist...!" am 20.7.2009 im MDR. – Für den Hinweis auf die Sendung danke ich Nancy Aris (Dresden).
23.
IM NRW (LfV), Erfahrungsaustausch über die Kinderferienverschickung in die SBZ 1956, 24.10.1956, LAV NRW R NW 614 Nr. 597.

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