Beleuchteter Reichstag

counter
1.9.2011 | Von:
Bogdan Musial

Der Bildersturm

Aufstieg und Fall der ersten Wehrmachtsausstellung

Die Ausstellung als Medienereignis

Von Beginn an war das Interesse der Medien an der Ausstellung groß, keineswegs aber konstant. Dies bezieht sich sowohl auf die Intensität als auch auf den Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Bereits die Eröffnung der Ausstellung in Hamburg am 5. März 1995 stieß auf ein bemerkenswertes mediales Interesse, was auf die professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Organisatoren hinweist. Zugleich zeigt dies die Bereitschaft der Medien, sich dieses Themas anzunehmen. Die wichtigsten deutschen Presseorgane wie "Die Zeit", "Der Spiegel", die "Frankfurter Allgemeine", "Die Welt", die "Frankfurter Rundschau", die "Süddeutsche Zeitung", die "taz" sowie Kulturkanäle in Rundfunk und Fernsehen berichteten darüber. Sogar die ausländische Presse fand es wichtig, ihre Leser darüber zu informieren.

In dieser Phase berichteten die Medien über die Thesen der Ausstellung und die Inhalte, also die gezeigten Bilder, ohne sie jedoch kritisch zu hinterfragen. Bald ließ jedoch das Interesse der überregionalen Medien nach, denn die Thesen und Inhalte waren nach einigen Monaten keine Neuigkeit mehr. Ab Mai/Juni 1995 beschränkte sich die Berichterstattung weitgehend auf regionale Medien in jenen Städten, wo die Ausstellung gerade gezeigt wurde. Auch hier wurde über Inhalte und Thesen der Ausstellung berichtet.

Im folgenden Jahr blieb die Ausstellung ein Thema vorwiegend für die regionale Presse. Immer häufiger wurde aber auch über die Proteste und Konflikte, die die Ausstellung auslöste, berichtet. Das Interesse der überregionalen Medien erwachte erneut Anfang 1997, als die Ausstellung in München weltweit Schlagzeilen machte. Der Anlass waren aber nicht mehr Thesen und Inhalte der Ausstellung, sondern der Konflikt um sie. Im Frühjahr 1997 berichteten regelmäßig alle Medien über die Demonstrationen gegen und für die Ausstellung, über Aufmärsche der Neonazis und Linksradikalen, Straßenschlachten, Krawalle, Polizeieinsätze, Verhaftete, Verletzte, Sachschäden. In dieser Zeit verschob sich der Fokus der medialen Aufmerksamkeit endgültig von den Inhalten und Thesen auf den Konflikt um die Ausstellung: Die Kontroverse wurde zu einem nationalen und sogar globalen Medienereignis.

In der Folgezeit verharrte die Aufmerksamkeit der überregionalen Medien auf einem hohen Niveau, denn der Konflikt um die Ausstellung deeskalierte keineswegs. Ab 1997 wurde sie auf all ihren Stationen von Aufmärschen, Krawallen, Protesten und heftigen Debatten begleitet. Sie war immer dort ein heißes Thema, wo sie gerade gezeigt wurde. Im Januar 1999 kam zu besonders gewalttätigen Auseinandersetzungen in Kiel (mit zehn Verletzten und hohen Sachschäden), am 9. März 1999 wurde in Saarbrücken ein Bombenanschlag auf die Ausstellung verübt.[19] "Die Welt" schrieb am 5. Juni 1999: "Nicht der wissenschaftliche Diskurs unter Historikern, sondern der Einsatz der Bereitschaftspolizei dominiert mittlerweile die Berichterstattung über die Ausstellung." Die Ausstellung wurde zu einem "Sensationsereignis".[20]

Parallel zu dem anschwellenden Medienecho stieg die Besucherzahl der Ausstellung. In Hamburg (7.3.–14.4.1995) waren es 7.000, in Potsdam (10.5.–22.6.1995) 2.500, in Stuttgart (10.9.–12.10.1995) etwa 10.000.[21] Bis zum Frühjahr 1997 pendelte sich die Besucherzahl auf 15.000–25.000 ein. In München (24.2.–6.4.1997) wuchs die Zahl der Besucher auf 90.000,
Besucherin in der Wehrmachtausstellung in Frankfurt am Main, April 1997.Besucherin in der Wehrmachtausstellung in Frankfurt am Main, April 1997. (© AP)
in Frankfurt am Main (13.4.–23.5.1997) waren es 100.000.[22] Danach gingen die Besucherzahlen merklich zurück, in Aachen (19.4.–19.5.1998) sahen die Ausstellung 20.000 Menschen, in Hamburg ein Jahr später (31.5.–11.7.1999) 30.000. Bis zum Juli 1999 hatten 820.000 Menschen die Ausstellung besucht.[23] Die Besucherzahlen entsprachen der Intensität der Berichterstattung in den Medien. So gaben in Frankfurt am Main etwa 80 Prozent der Befragten als Motiv für den Ausstellungsbesuch Presseberichte bzw. Fernsehsendungen an.[24]

In mehr als vier Jahren bauten die Medien die Ausstellung zu einem außergewöhnlichen Ereignis auf, um sie zum Schluss in wenigen Wochen noch spektakulärer zu demontieren.[25] Jörg Friedrich schrieb am 30. Oktober 1999: "Was vier Jahre als historiografische Spitzenleistung gefeiert wurde, ist in den letzten zehn Tagen zu einem Machwerk geschrumpft. Unprofessionell, ignorant, tendenziös."[26]


Fußnoten

19.
Verletzte und Festnahmen nach Krawallen in Kiel, in: Berliner Zeitung, 1.2.1999; Sprengstoffanschlag auf Wehrmachtsausstellung, in: Berliner Zeitung, 10.3.1999.
20.
Bilder einer Ausstellung und die Spur der Gewalt, in: Die Welt, 5.6.1999.
21.
Klaus Naumann, Wenn ein Tabu bricht. Die Wehrmachtsausstellung in der Bundesrepublik, in: Mittelweg 36, 1/1996, S. 11–24.
22.
Am Abgrund der Erinnerung, in: Die Zeit, 27.5.1999.
23.
Nachrichten aus dem Institut, in: Mittelweg 36, 3/1998, S. 94, u. 4/1999, S. 92.
24.
Ilka Quindeau, Die Einschätzung des Nationalsozialismus im Spiegel der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Meinungen – Reaktionen – Positionen, Frankfurt a. M. 1998, S. 9 (Es waren mehrere Nennungen möglich).
25.
Vgl. dazu Beiträge in FAZ, Süddeutscher Zeitung, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Die Zeit, Der Spiegel, Focus u.a. in der zweiten Oktoberhälfte und im Nov. 1999. Der "Focus" schrieb am 9.10.1999 sogar von der "Demontage der Dilettanten".
26.
Jörg Friedrich, Die 6. Armee im Kessel der Denunziation. Ende der Legende von der sauberen Wehrmachtsausstellung, in: Berliner Zeitung, 30./31.10.1999.

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 21. Oktober 1949
    Bundeskanzler Adenauer betont im Bundestag, die BRD sei »allein befugt, für das deutsche Volk zu sprechen« (Alleinvertretungsanspruch). Sie erkenne daher nicht als verbindlich für das deutsche Volk an, was die »Sowjetzone« u. a. über die Oder-Neiße-Linie... Weiter
  • 21. Oktober 1969
    Der Bundestag wählt Willy Brandt (SPD) mit den Stimmen der FDP (251 von 249 erforderlichen) zum Bundeskanzler. Damit steht erstmals seit 39 Jahren (Kabinett Hermann Müller 1928 1930) und nach 20 Jahren ununterbrochener CDU/CSU-Herrschaft (1949 - 1969) wieder... Weiter
  • 21. Oktober 1987
    Erstmals seit der Teilung der Stadt treffen der West-Berliner Regierende Bürgermeister und der Ost-Berliner Oberbürgermeister zusammen: Eberhard Diepgen und Erhard Krack begegnen sich in der Marienkirche anlässlich der Feierlichkeiten zum 750-jährigen... Weiter
  • 20./21. Okt. 1950
    Die DDR nimmt erstmals an einer Außenministerkonferenz sozialistischer Staaten in Prag teil. Sie protestieren gegen Pläne, Deutschland zu remilitarisieren und in »Aggressionspläne« einzubeziehen. Statt dessen fordern sie, den Rat der Außenminister neu... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen