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Beleuchteter Reichstag

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8.9.2011 | Von:
Dirk Moldt

Wie gründet man ein Museum?

Über die Entstehung des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche

IV.

2010 gewährte die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einen Zuschuss, der aus Lottomitteln ergänzt wurde, mit dem dringend benötigte Beleuchtung, Elektronik, weitere Rüstungselemente und der Grundstock einer Bibliothek angeschafft wurden. Zudem konnte in einem Querschiff ein Seminarraum mit einem Rechner-Arbeitsplatz eingerichtet werden. Zur Eröffnung im Januar 2011 erschien auch ein handlicher 100-seitiger Ausstellungskatalog. Die neugestaltete Homepage ging im Juni 2011 unter www.widerstandsmuseum.de ins Netz.

Detailansicht der Ausstellung in der Galiläakirche.Detailansicht der Ausstellung in der Galiläakirche. (© Olga Akbal)
Auf 33 neu konzipierten Ausstellungstafeln sind jetzt mehr als 50 Ereignisse aus der Geschichte Friedrichshains seit 1945 dargestellt, komplettiert mit einem Zeitstrahl, der den vorgestellten Themen 162 wichtige, auch internationale zeithistorische Ereignisse gegenüberstellt. Aus mehr als 15 Zeitzeugeninterviews wurden drei ca. 20-minütige Filmschleifen produziert, die auf drei Bildschirmen in der Ausstellung abgespielt werden. Neben einigen Tafeln wurden laminierte Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zum Nachlesen angebracht, um den Zuschauern ein authentisches Bild von der Herrschaftssprache zu vermitteln. Bei der inhaltlichen und gestalterischen Bearbeitung hat das Rechercheteam der Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft Hervorragendes geleistet, ebenso das Bauteam in der Kirche, zumal aus Gründen des Denkmalschutzes kein Stück Wand gestrichen und kein Nagel in die Mauern geschlagen werden darf.

Im vierten Jahr der Zehn-Jahres-Planung ist noch vieles unbefriedigend, so zum Beispiel die Gestaltung des hohen Kirchenraumes und die Ausstattung des Museums mit gegenständlichen Exponaten. Dagegen finden sich immer wieder Themen aus den Achtzigerjahren, mit denen die Ausstellung komplettiert werden können: unabhängige Autoren und Dritte-Welt-Gruppen in Friedrichshain oder illegal hergestelltes und vertriebenes Modedesign.

Auch gibt es noch keine zufriedenstellende Lösung, wie die Ergebnisse eines Projektes der Geschichtswerkstatt der Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft aus den Jahren 2009/10 in einer adäquaten Weise präsentiert werden können. Dabei entstanden unter der Leitung des Historikers Hans Wolfgang Funke 15 Ausstellungstafeln zum Thema "Jugendwiderstand in Friedrichshain im Dritten Reich". Auch hier waren Projektmitarbeiter und Ausstellungsbesucher über die Vielfalt widerständigen Handelns im Bezirk überrascht. Dabei galt es, unter der vereinheitlichten Schicht antifaschistischen Widerstandskampfes, wie ihn die SED propagiert hat, eigenständige Artikulationsformen in den proletarischen Milieus in zahlreichen sozialen Gruppen, Massenorganisationen und Parteien herauszuarbeiten. Eine echte Forschungsleistung.

Zurzeit wird an einem museumspädagogischen Konzept gearbeitet, um Schulklassen auch Workshops anbieten zu können. Analog zur Kombination von Ausstellung und Veranstaltung, der Eventibition, sollen noch weitere Angebote ausgearbeitet werden, die in Wortspielen wie Edutainment und Museotainment ausgedrückt werden, und das Museum zu einem Ort machen, an den vor allem Jugendliche und junge Erwachsene gern kommen.

Das Jugend[widerstands]museum befindet sich inzwischen in einer Phase, in der es einen weiteren Schritt in Richtung Professionalisierung gehen kann. Das bedeutet, sich trotz der bereits erreichten Standards in den Kernaufgaben Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln, die das International Council of Museums (ICOM) festgeschrieben hat, sich weiteren Erfordernissen des ICOM anzunähern und bereits bestehende Kontakte zu musealen Instituten, Museumsverbänden, kommunalen Institutionen und vor allem Bildungseinrichtungen zu vertiefen. Klassisches Networking gehört ebenso zum weiteren Ausbau des Museums, wie die Konzeption eines leistungsfähigen Marketing- und Eventmanagement. Erste Schritte wurden hierfür bereits unternommen.

Eröffnung der Sonderausstellung "Poesie des Untergrunds" am 18. August 2011.Eröffnung der Sonderausstellung "Poesie des Untergrunds" am 18. August 2011. (© Bernhard Freutel)
Gegenwärtig wird im Schnitt eine Besucherzahl von etwa 30 Personen in der Woche gezählt. Ein großer Teil der Besucher sind junge Touristen aus dem Ausland. Mitunter kommen auch Schulklassen aus anderen Städten, denen Führungen angeboten werden. Dies ist natürlich noch kein akzeptabler Zustand. Die Steigerung der Besucherzahlen gehört, wie bereits beschrieben, zur Agenda des Museums.

Interessant ist die Beobachtung, dass das Museum in den Publikationen Aufarbeitungsszene bislang nicht zur Kenntnis genommen und auch von Mitarbeitern anderer Aufarbeitungsinitiativen, -einrichtungen und -instituten nicht besucht wird.

Das Jugend[widerstands]museum ist inzwischen mehr als ein im Entstehen begriffenes Stadtteilmuseum. Es hat die Galiläakirche, die bei vielen Anwohnern als Gotteshaus immer ein gesellschaftlicher Mittelpunkt war, nach Jahren der Schließung wieder zu einem offenen Raum gemacht.


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