Beleuchteter Reichstag

26.9.2011 | Von:
Udo Ludwig

21 und ein bisschen realistischer?

Die Bewertungen der Bilanz und der Perspektiven Ostdeutschlands gehen auch im 21. Jahr der deutschen Einheit auseinander. Einhelliger Anerkennung von Erfolgen stehen divergierende Meinungen über den Umbau der Produktionsverhältnisse und dessen Folgen gegenüber.

I.

Auch im 21. Jahr des vereinten Deutschland dürften das Erreichte und die Zukunftsperspektiven Ostdeutschlands je nach Perspektive des Betrachters unterschiedlich bewertet werden. Die im Einigungsprozess verantwortlichen Politiker und ihre Nachfolger werden die zweifellos vorhandenen Erfolge ein weiteres Mal bejubeln und ihre Unfehlbarkeit beteuern, ihre Kritiker werden auf die Schattenseiten und deren Folgen verweisen.
Weizenbearbeitender Betrieb Cerestar in Barby (Sachsen-Anhalt) - Gemeinschaftwerk "Aufschwung Ost", 1994.Weizenbearbeitender Betrieb Cerestar in Barby (Sachsen-Anhalt) - Gemeinschaftwerk "Aufschwung Ost", 1994. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00003561, Foto: Engelbert Reineke)
Während die Verbesserung der Lebensverhältnisse für alle Schichten der Bevölkerung, insbesondere für die Rentnergenerationen, wie auch die Ausstattung der Region mit einer modernen Infrastruktur bis hin zu einem weitgehend sanierten Wohnungsbestand allgemein anerkannt scheinen, gehen die Meinungen über den Umbau der Produktionsverhältnisse und seine Folgen auseinander. Dafür gibt es gute Gründe. Die erkennbaren Fortschritte haben ihren "Preis", und die Art und Weise ihrer Entstehung hat die Entwicklungspfade in die Zukunft eingeengt. Drei zentrale Politikfelder stechen dabei hervor: die Produktion, der Arbeitsmarkt und die Bevölkerung.

Produktion: Auf der einen Seite hat sich Ostdeutschland in den vergangenen Jahren zu einem leistungsfähigen Wirtschaftsstandort mit einer modernen Infrastruktur entwickelt. So ist die gesamtwirtschaftliche Leistung, das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, von 1991 bis 2010 auf mehr als das Doppelte gestiegen. Anfang der 1990er-Jahre erzielt worden. Seit der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts der deutschen Einheit hat sich die Dynamik der Entwicklung deutlich abgeschwächt. Die anfänglichen Wachstumsvorsprünge des Ostens sind inzwischen Geschichte.[1] Die Aufholfortschritte sind immer kleiner geworden; im Jahr 2010 wurden erst drei Viertel des Produktivitätsniveaus in den alten Ländern erreicht.[2]



Arbeitsmarkt: Auf der anderen Seite hat der Arbeitsmarkt mit den Erfolgen beim Neuaufbau moderner Produktions- und Dienstleistungsstätten nicht mithalten können. Der Verlust an Arbeitsplätzen war infolge der Transformationskrise, der Politik der schnellen Lohnangleichung und der Kapitalsubventionierung beim Aufbau einer modernen Produktion so heftig und andauernd, dass erst im vergangenen Aufschwung vor der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise wieder Beschäftigung aufgebaut wurde. Die tariflichen Arbeitszeiten sind länger und die Entlohnung niedriger als im Westen. Die Arbeitslosigkeit ist immer noch deutlich höher sowie der Anteil an Langzeitarbeitslosen und somit von Hartz IV Empfängern größer.

Bevölkerung: Und schließlich wurde trotz breit angelegter Eindämmungsversuche seitens der Tarifparteien bis zur Zahlung von Bleibeprämien durch Länderregierungen der Bevölkerungsschwund nicht gestoppt. Abwanderung und Geburtenrückgang haben in Ostdeutschland zu Schrumpfungs- und Alterungserscheinungen geführt, dass selbst mehr als 20 Jahre nach dem Beginn der politischen Transformation das Geburtenniveau sowie die anhaltend negative Wanderungsbilanz der neuen Länder zu einer weiteren Verstärkung dieser Tendenzen beitragen. Hinzu kommt, dass selbst bei künftig günstigerer Bevölkerungsentwicklung das lange "Gedächtnis" demografischer Prozesse zu einem bleibenden Effekt des Geburten- und Abwanderungseffektes führen wird: Die Halbierung der Anzahl der Geburten in den frühen 1990er-Jahren generiert 20 bis 30 Jahre später einen Echoeffekt von abermals sinkenden Geburten.[3]


Fußnoten

1.
Vgl. Ostdeutsche Transformation seit 1990 im Spiegel wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren, Hg. Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Wirtschaft im Wandel, Sonderh. 1/2009, S. 32.
2.
Vgl. Udo Ludwig u.a., Ostdeutsche Wirtschaft im Jahr 2011: Trotz Wachstumsbeschleunigung keine Fortschritte im gesamtwirtschaftlichen Aufholprozess, in: Wirtschaft im Wandel, 7–8/2011, S. 245–266, hier 257.
3.
Vgl. Ostdeutsche Transformation seit 1990 im Spiegel wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren, Hg. Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Wirtschaft im Wandel, Sonderh. 1/2009, S. 63.

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 23. Oktober 1952
    Auf Antrag der Bundesregierung verbietet das Bundesverfassungsgericht die am 2. 10. 1949 gegründete Sozialistische Reichspartei (SRP). Hauptgründe: Als rechtsextreme, verfassungswidrige Partei missachte sie die Menschenrechte, belebe den Antisemitismus neu... Weiter
  • 23. Oktober 1955
    Volksabstimmung über das Saarstatut (19. - 23. 10. 1954, Punkt 4): Unter WEU-Aufsicht lehnen 67,7 Prozent der stimmabgebenden Wahlberechtigten (Wahlbeteiligung 97,5 Prozent) das Saarstatut ab; die Regierung Hoffmann (CVP) tritt zurück. Die drei zugelassenen... Weiter
  • 23. - 25. Okt. 1978
    Die CDU wendet sich mit ihrem in Ludwigshafen einstimmig verabschiedeten 1. Grundsatzprogramm als Volkspartei an alle Schichten und Gruppen. Sie bekennt sich zum christlichen Menschenbild, zur ethischen Grundlage der Politik, zu den Grundwerten Freiheit,... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen