Beleuchteter Reichstag

counter
23.9.2011 | Von:
Marc-Dietrich Ohse

Ost-Berlins Weg zur Einheit

Die DDR im innerdeutschen und internationalen Kräftespiel

"Gesittet und geordnet" habe man die Vollendung der deutschen Einheit hinter sich gebracht, erklärte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière am 2. Oktober 1990. Doch besaß sein Land ausreichend materielle und politische Substanz, um die Konditionen für die Wiedervereinigung zu bestimmen?

Einleitung

Der vorliegende Text ist erstmals erschienen als Nachwort zu der Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung des Buches von Ed Stuhler, Die letzten Monate der DDR. Die Regierung de Maizière und ihr Weg zur deutschen Einheit (Berlin 2010).



"Ich glaube, wir haben allen Grund, uns zu freuen und dankbar zu sein", erklärte Lothar de Maizière in seiner Fernsehansprache am Vorabend des 3. Oktober 1990: Den "schwierigen Weg" bis zur Vollendung der deutschen Einheit hätten die Deutschen "geordnet und gesittet" hinter sich gebracht.[1]
DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière als Redner auf dem Festakt der Regierung und der Volkskammer der DDR zur Vereinigung von DDR und Bundesrepublik im Berliner Schauspielhaus.DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière als Redner auf dem Festakt der Regierung und der Volkskammer der DDR zur Vereinigung von DDR und Bundesrepublik im Berliner Schauspielhaus. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00102899, Foto: Klaus Lehnartz)
Damit griff der scheidende Ministerpräsident ein Motiv aus seiner ersten Regierungserklärung auf, als er am 19. April, an die Abgeordneten der erstmals frei gewählten Volkskammer gerichtet, erklärt hatte: "Wir bringen [in die Einheit] unsere Identität ein und unsere Würde."[2]

Würde und Anstand, also das, was man gemeinhin als "gesittet" bezeichnet, aber vermissten die Mitglieder der Regierung de Maizière und mit ihr viele Bürgerinnen und Bürger der DDR im Einigungsprozess – ein Eindruck, der nach der staatlichen Vereinigung fortwirkte. Was später gemeinhin "den" Westdeutschen unter dem Stichwort "Besser-Wessi" zugeschrieben wurde, ein dominantes, teils anmaßendes Auftreten, kritisier(t)en die Mitglieder der letzten DDR-Regierung und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch am Umgang von Mitgliedern und Emissären der Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl mit deren ostdeutschen Amtskollegen. Solche Eindrücke haben den deutschen Einigungsprozess von Anfang an begleitet, und sie haben häufig zu einem besonderen – oft geradezu trotzigen – Selbstbewusstsein vieler Ostdeutscher und zur Ausbildung einer retrospektiven DDR-Identität beigetragen – und damit auch zur nostalgischen Verklärung einiger Facetten des untergegangenen SED-Staates, zur "Ostalgie".


Fußnoten

1.
Lothar de Maizière, Rundfunk- und Fernsehansprache, 2.10.1990, in: Texte zur Deutschlandpolitik, Hg. Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Bonn 1991, Bd. III/8b, S. 700–703, hier 700 u. 702.
2.
Lothar de Maizière, Regierungserklärung, Berlin 19.4.1990, in: Texte zur Deutschlandpolitik, Bd. III/8a, S. 167–195, hier 175.

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei, Betriebskampfgruppen und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen, Demokratie und Reisefreiheit eintraten - und sich mit Kerzen, Worten und Zivilcourage gegen die Staatsmacht durchsetzten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 8.- 10. Juli 1948
    In Koblenz (Hotel Rittersturz) vereinbaren die westdeutschen Ministerpräsidenten widerstrebend und vorläufig, das erste Frankfurter Dokument zu verwirklichen. Damit aber nicht eine Nationalversammlung präjudiziert oder die Reichseinheit gefährdet werde,... Weiter
  • 8. Juli 1950
    Auf Einladung des Ministerkomitees tritt die BRD dem Europarat als assoziiertes Mitglied bei (wirksam seit 13. 7.). Der Bundestag hatte am 15. 6. zugestimmt. Vollgültiges Mitglied, d. h. mit Stimmrecht im Ministerkomitee, wird die BRD am 2. 5. 1951. Der... Weiter
  • 8. Juli 1974
    Wegen nicht bewilligter Ressortanforderungen tritt Erhard Eppler (SPD) als Bundesminister zurück. Er hatte die Entwicklungspolitik stärker profilieren wollen. - Nachfolger: Egon Bahr (SPD). Weiter
  • 8. Juli 1994
    Das Umweltinformationsgesetz setzt die EG-Richtlinie vom 7. 6. 1990 in deutsches Recht um. Sie regelt den freien Zugang zu Informationen über die Umwelt und den Datenschutz. Weiter
  • 8. Juli 1994
    Der vom Bundestag am 26. 5. 1994 verabschiedete Gesetzentwurf der Fraktionen von CDU/CSU und FDP zur Neuregelung des § 218 StGB scheitert an der SPD-Mehrheit im Bundesrat. Es bleibt daher vorerst bei der übergangsregelung des Bundesverfassungsgerichts. (28.... Weiter