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Beleuchteter Reichstag

15.8.2011 | Von:
Daniel Hechler
Peer Pasternack

Zwischen Selbsterforschung und Imagepflege

Die ostdeutschen Hochschulen und die Aufarbeitung ihrer Zeitgeschichte

3. Fazit


Hochschulen haben drei grundsätzliche Optionen, mit ihrer Vergangenheit umzugehen: (1) Geschichtsabstinenz: Gegenwart und Zukunft werden betont bei gleichzeitiger Vermeidung, aus der Geschichte herrührende Schatten auf der Institutionsgeschichte zu thematisieren oder damit zusammenhängende Konflikte auszutragen; (2) Geschichte als Traditionsreservoir und Geschichtspolitik als Hochschulmarketing: Geschichte wird genutzt, um ein positives Bild nach außen hin und um positive interne Integrationseffekte zu erzeugen oder zu verstärken; beides geschieht meist über Traditionsstiftung bzw. Traditionserhalt, also einer selektiven Nutzung von positiv bewerteten Elementen der Hochschulgeschichte; (3) Geschichte als Aufarbeitung und Selbstaufklärung: hierbei können sich Motive, die hohen wissenschaftlichen wie ethischen Ansprüchen entspringen, mit solchen Motiven vereinigen, die institutionenpolitischer Gegenwartsbewältigung dienen; die anspruchsvolle Integration zeithistorischer Selbstaufklärung in das Hochschulleben wird zum Beispiel dann erkennbar, wenn Jubiläen zum Anlass für Selbstirritation werden.

In der Realität sind die Varianten (2) und (3) meist nicht klinisch sauber voneinander getrennt, sondern bilden Mischformen mit unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Für alle drei Varianten gilt: Sie werden jeweils gefördert oder behindert – je nachdem, welche Geschichtsrendite zu erwarten steht. Geschichtsabstinenz kann dann eine institutionenpolitisch attraktive Option darstellen, wenn geschichtsbezogene Gewinne – Prestige, Vertrauen, Legitimität etc. – nicht zu erwarten sind. Umgekehrt kann bei erwartbaren Geschichtsrenditen – zum Beispiel Traditionsherstellung oder die prophylaktische Integration von Konflikten, die bei Nichtthematisierung von außen herangetragen werden könnten, in die eigene Darstellung und damit verstärkte Kontrolle über die hochschulbezogene Kommunikation – ein offensiver Umgang mit der Geschichte attraktiv sein. Widerstand gegen bestimmte Geschichtsaufarbeitungen wiederum kann die geschichtsbezogenen Gewinne überlagern und neutralisieren, indem die Auseinandersetzungen mehr Legitimität kosten als die Aufarbeitung Legitimität erzeugt.

Resümiert man die ostdeutschen Hochschulen insgesamt, so erweisen sich als die wichtigsten Auslöser für Selbsterkundungen der eigenen Zeitgeschichte zum einen anstehende Hochschuljubiläen – seit 1990 haben 28 der 54 ostdeutschen Hochschulen runde Gründungsjubiläen gefeiert –, zum anderen Skandalisierungen zeitgeschichtlich relevanter Vorgänge. Daneben, aber nicht dominant waren auch anlassfreie Geschichtsaufarbeitungen.

Inhaltlich sind die Aktivitäten der ostdeutschen Hochschulen, ihre Zeitgeschichte aufzuarbeiten, zwar durchwachsen und in der Regel wenig systematisch, zugleich aber auch weit gefächert. Ein generelles Desinteresse kann nicht konstatiert werden, eher ein erratisches Vorgehen, eine vergleichsweise hohe Jubiläumsabhängigkeit und die Schwierigkeit, Kontinuität aufrecht zu erhalten. Einschränkungen ergeben sich zum Teil auch aus äußeren Umständen wie der Verfügbarkeit von Ressourcen, dem Vorhandensein historischer Expertise oder Problemen, Basisdaten zu generieren, beispielsweise zu Repressionsopfern in der DDR.[50] Beträchtliche Unterschiede bestehen zwischen den Hochschulen, wenn ihre Aktivitätsformen in Augenschein genommen werden: Sehr forschungsaktive Hochschulen weisen unzulängliche Internetpräsentationen der eigenen Zeitgeschichte auf, während andere sehr aktiv im Ausstellungsgeschehen sind, aber auf zeitgeschichtsbezogene Skandalisierungen nicht angemessen zu reagieren vermögen. Gleichwohl zeigt die Betrachtung über den Zeitverlauf, dass höhere Ansprüche an die Bearbeitung der Hochschulzeitgeschichte und deren Professionalisierung an Boden gewinnen. Zunehmend findet eine Historisierung der DDR-Hochschulgeschichte statt, insofern neuere Studien stärker historiografischen und weniger geschichtspolitischen Fragestellungen verpflichtet sind.


Fußnoten

50.
Vgl. zu den diesbezüglichen Schwierigkeiten Martin Morgner, In die Mühlen geraten. Porträts von politisch verfolgten Studenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena zwischen 1967 und 1984, Weimar/Eisenach 2010, S. 372–387.

Die Mauer. 1961 bis 2021

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