Beleuchteter Reichstag

15.8.2011 | Von:
Juliane Schütterle

Gesundheit im Dienste der Produktion?

Das betriebliche Gesundheitswesen und der Arbeitsschutz im Uranbergbau der DDR

1.


Maßgeblich für den Aufbau des betrieblichen Gesundheitswesens in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) war der SMAD-Befehl Nr. 234 vom 9. Oktober 1947 "zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter und Angestellten in der Industrie und im Verkehrswesen". Mit diesem Befehl setzte die "Sowjetisierung des Gesundheitswesens" ein. Mobilisierung und Leistungssteigerung der "Werktätigen" prägten den weiteren Ausbau der medizinischen Strukturen.[2] Im Laufe eines Jahres wurden deshalb in der gesamten Besatzungszone beachtliche Fortschritte beim Bau von medizinischen Einrichtungen gemacht: Hatte es 1947 gerade einmal vier Polikliniken und 681 Werksärzte bzw. Sanitätsstellen auf dem Gebiet der SBZ gegeben, waren es 1948 bereits 27 Polikliniken sowie 1.635 Ambulanzen und Sanitätsstellen.

Bergarbeiterkrankenhaus "Dr. Georg Benjamin" in Erlabrunn, 1950er-Jahre.Bergarbeiterkrankenhaus "Dr. Georg Benjamin" in Erlabrunn, 1950er-Jahre. (© Privatarchiv Juliane Schütterle)
In Anlehnung an den Erlass der Sowjetischen Militäradministration ordnete die Generaldirektion der Wismut AG die Verbesserung des Arbeitsschutzes mit ihrem eigenen Befehl Nr. 239 von 1947 an. Darin wurde nicht nur die Ausgabe guten Werkzeugs und wetterfester Arbeitskleidung geregelt, sondern auch der Bau dreier Polikliniken und mehrerer ärztlicher Stützpunkte, die die bereits existierenden Betriebsambulatorien ersetzen sollten.[3] Hatte das betriebliche Gesundheitswesen zunächst ausschließlich in der Hand der sowjetischen Generaldirektion gelegen, wurde es 1950 der Sozialversicherungskasse (SVK) der Wismut unterstellt, welche wiederum zur im selben Jahr gegründeten Industriegewerkschaft Wismut gehörte. Das erste Bergarbeiterkrankenhaus (BAK) entstand in Schneeberg, bis 1949 kamen fünf weitere Krankenhäuser und sechs Sanatorien hinzu. Zu den ersten Neubauten gehörte das BAK Erlabrunn. Das beeindruckende Gebäude in stalinistischer Architektur besaß über 1.200 Betten und wurde, nach nur einem Jahr Bauzeit, am symbolträchtigen Datum des 8. Mai 1951 eröffnet.[4] 18 Monate später verfügte die SVK über ein weitläufiges Netz von Gesundheits- und Erholungseinrichtungen, das 15 Polikliniken, 13 Krankenhäuser, vier Nachtsanatorien, vier Sanatorien sowie ein Prophylaktorium umfasste.[5] Die ärztliche und medizinische Versorgung konnte nahezu von Anfang an als gut bezeichnet werden. 1953 kam ein Arzt auf 619 Beschäftigte[6] – im staatlichen Gesundheitswesen der DDR hingegen wurden 1952 ca. 1.300 Menschen von einem Mediziner betreut.[7]


Fußnoten

2.
Lutz Wienhold, Arbeitsschutz, in: Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Hg. Bundesministerium für Arbeit und Soziales/Bundesarchiv, Bd. 9, Baden Baden 2006, S. 202. Das Folgende ebd.
3.
Abschrift für die Aktiengesellschaft "Wismut" Nr. 239. Ausführung des Befehls 234 des obersten Chefs der sowjetischen Militärverwaltung v. 9.10.1947", 20.10.1947, Unternehmensarchiv der Wismut GmbH (UnternehmensA Wismut), 10-Abt, 1/A/2, 1-7, unpag.
4.
Chronik der Wismut (CD-ROM), Hg. Wismut GmbH, 2002, S. 668.
5.
Vortrag des Generaldirektors Bogatow auf der Konstituierenden Sitzung des Vorstandes der SDAG Wismut am 21.12.1953 in Karl-Marx-Stadt, UnternehmensA Wismut, Büro GD 39/1, unpag.
6.
Ralf Engeln, Uransklaven oder Sonnensucher? Die sowjetische Wismut AG in der SBZ/DDR 1946–1953, Essen 2001, S. 167.
7.
Zahlen gerundet. Statistisches Jahrbuch '90 der Deutschen Demokratischen Republik, Hg. Statistisches Amt der DDR, Berlin 1990, S. 374.

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