Beleuchteter Reichstag

15.8.2011 | Von:
Juliane Schütterle

Gesundheit im Dienste der Produktion?

Das betriebliche Gesundheitswesen und der Arbeitsschutz im Uranbergbau der DDR

4.


Die Generaldirektion machte denn auch die Hauptgründe für das hohe Unfallaufkommen in "subjektiven Faktoren" wie der Missachtung von Verhaltensregeln und in Mängeln der Leitungstätigkeit aus.[24] 99 Prozent aller Unfälle seien auf "eigenes Verschulden, Nachlässigkeit oder Unvorsichtigkeit" zurückzuführen.[25] Viele Bergleute glaubten, so ein Gesundheitsfunktionär auf der 7. Zentralvorstandstagung der Gewerkschaft 1966, dass man die zahlreichen Arbeitsschutzverordnungen ohnehin nicht einhalten könne, wenn man effektiv arbeiten wolle. Überdies verließen sie sich auf ihre Berufserfahrung: "Wir sind schon 15 Jahre Bergmann, uns ist noch nichts passiert."[26]

Doch die eigentlich Verantwortlichen für den Arbeitsschutz in den Betrieben waren die Betriebsleiter. Auf der Gesundheits- und Arbeitsschutzkonferenz der IG Wismut 1964 mussten sie sich daher mit dem Vorwurf der Einseitigkeit konfrontieren lassen. Sie hätten sich zwar ganz richtig auf die Schwerpunkte der Masseninitiative und des sozialistischen Wettbewerbs konzentriert, dabei aber die Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes vernachlässigt. Die Leistungen und die Rentabilität der Betriebe auf der einen sowie das Leben und die Gesundheit der "Werktätigen" auf der anderen Seite müssten eine Einheit bilden. Die Wirtschaftskader dürften nicht "nur die Steigerung der Produktion im Auge" haben, stärker noch als bisher sei dem Gesetzbuch der Arbeit Folge zu leisten. Bei etwa einem Drittel der Arbeitsunfälle liege eine Pflichtverletzung der Betriebe vor.[27]

Die Gewerkschaft machte es sich leicht damit, alle Schuld auf Wirtschaftsleiter und Ingenieure abzuwälzen. Dabei oblag ihr mit den Arbeitsschutzkommissionen formal die Überwachung und Kontrolle des Arbeitsschutzes. Aber auch das Verhalten der Steiger beim nachlässigen Umgang mit den Arbeitsschutzvorschriften spielte eine nicht unbeträchtliche Rolle. Sie waren verantwortlich für die Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen und für die Meldung der Unfälle.

Grobe Verstöße gegen den Arbeitsschutz wurden zwar juristisch geahndet. Doch die Urteile fielen oftmals zu milde aus, beklagte Arbeitsschutzinspektor Max Markstein in den Fünfzigerjahren. Die Steiger würden lediglich mit einer Bewährungsstrafe belegt, überdies erledigten viele ihre Arbeit nur noch vom Büro aus und seien "dauernd besoffen".[28] Bei der Unfallverschleierung zogen Steiger und Arbeiter jedoch nicht selten an einem Strang, hing doch die Quartalsprämie der Brigaden und des Schichtleiters von den Vorkommnissen im Schacht ab. Bagatellunfälle wurden so häufig nicht angezeigt, dem Verletzten bis zur Genesung ein Schonplatz zugewiesen.[29]

Das Konzept des Schonplatzes sah vor, zeitweilig in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit geminderte Beschäftigte auf einen anderen Arbeitsplatz zu setzen. Damit war gleichzeitig die reibungslose Produktionserfüllung gewährleistet, die Arbeitskraft des Rehabilitanden konnte weiter genutzt werden. Die Verordnung über "die Wahrung der Rechte der Werktätigen" vom 27. Mai 1953 legte erstmals eine solche Weiterbeschäftigung bei Zahlung des bisherigen Durchschnittsverdienstes fest.[30] Das Gesetzbuch der Arbeit (GBA) von 1961 bestimmte die Dauer der Schonarbeit mit vier Wochen, im Arbeitsgesetzbuch (AGB) von 1977 wurde diese Zeit auf zwölf Wochen erweitert und die Schonarbeit gleichzeitig als prophylaktische und therapeutische Maßnahme betrachtet.[31] Doch diese sozialistische Errungenschaft diente nach Ermessen der Wismut-Ärzte nicht selten zur Verschleierung von Arbeitsunfällen. Kurz nach einem Unfall, so beschwerte sich ein Mediziner, entwickelten Schachtleiter, Revierleiter und Steiger "ungeahnten Eifer, sich umgehend mit dem behandelnden Arzt des Ambulatoriums oder der Poliklinik in Verbindung zu setzen und sich nach der Art des Unfalles zu informieren, obwohl der Patient manchmal noch gar nicht an der Behandlungsstelle ist."[32]


Fußnoten

24.
Bericht über den Stand des Gesundheits- und Arbeitsschutzes und der technischen Sicherheit in der SDAG Wismut", o. D. [vermutl. 1975], UnternehmensA Wismut, G-St-Bln 6/3, S. 5.
25.
Diskussionsbeitrag Josef Wenig, Gesundheits- und Arbeitsschutzkonferenz der IG Wismut, Grüna 16.12.1964, BArch, DY 52/23, ZV IGW, unpag.
26.
7. Zentralvorstandstagung der IG Wismut, Schlema 15.11.1966, BArch, DY 52/79, ZV IGW, S. 42.
27.
Gesundheits- und Arbeitsschutzkonferenz der IG Wismut, Grüna 16.12.1964, BArch, DY 52/23, ZV IGW, S. 7 u. 36.
28.
Sekretariatssitzung am 30.10.1952, BArch, DY 52/107 c, ZV IGW, S. 3.
29.
Diskussionsbeitrag Dr. Czerny, 1. Gesundheitskonferenz des GH Wismut, 6.12.1961, SächsStAC, 32301, GL Wismut der SED, IV 2/19/3, S. 7.
30.
Dritte Durchführungsbestimmung zur Verordnung über die Wahrung der Rechte der Werktätigen [...] v. 22.5.1957, GBl. DDR 1957, Nr. 70, S. 773.
31.
§ 94 GBA v. 12.4.1961, GBl. DDR 1961, Nr. 5, S. 41, sowie § 216 AGB v. 16.6.1977, GBl. DDR 1977, Nr. 18, S. 216.
32.
1. Gesundheitskonferenz des GH Wismut, 6.12.1961, SächsStAC, 32301, GL Wismut der SED, IV 2/19/3, S. 7.

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