Beleuchteter Reichstag

16.8.2011 | Von:
Manuel Becker

Die Bedeutung des deutschen Diktaturenvergleichs für die politische Kultur der "Berliner Republik"

1. Der Vergleich
als zeitgeschichtliches Analyseverfahren


Die zeitgeschichtliche Komparatistik nahm in der deutschen Geschichtsschreibung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine unterprivilegierte Stellung ein. Das die deutsche Geschichtswissenschaft dominierende Historismus-Paradigma blieb der Rekonstruktion historischer Individualitäten in ihrem jeweilig als spezifisch verstandenen Kontext verpflichtet.[2] Lediglich interdisziplinäre Grenzgänger wie Max Weber oder Pioniere wie Otto Hintze bedienten sich bereits komparatistischer Instrumentarien. Dies begann sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu ändern: 1965 strich Theodor Schieder den Nutzen des historischen Vergleichs "im Dienste universalgeschichtlicher Deutung"[3] nachdrücklich heraus. Die Aufwertung vergleichender historischer Analysen ist in weiten Teilen den neuen methodischen Zugängen der Sozialgeschichte zuzuschreiben. Hatte sich in Frankreich Marc Bloch, der Begründer der wirkmächtigen Annales-Schule, bereits 1923 für den historischen Vergleich als bedeutende Erweiterung und Schärfung der geschichtswissenschaftlichen Methodik ausgesprochen, so bezeichnete der Schieder-Schüler Hans-Ulrich Wehler den Vergleich 1972 gar als "Königsweg" der Geschichtswissenschaft, der ihm in besonderer Weise geeignet schien, Hypothesen auf ihre Validität hin zu testen.[4]

In anderen Sozialwissenschaften außerhalb der Geschichtswissenschaft spielten und spielen komparative Untersuchungen eine ungleich wichtigere Rolle. Dies gilt insbesondere für die Politische Wissenschaft, die epistemologisch zwischen dem universalistischen Interesse der Verhaltenswissenschaften und dem partikularistischen Interesse von Geschichtswissenschaft und Staatsrecht angesiedelt ist. Die vergleichende Methode erweist sich dabei vor allem im Bereich der Regierungslehre als unverzichtbar. Der systematische Verfassungs- und Gesellschaftsvergleich verweist auf eine lange Traditionslinie, die sich von Aristoteles und Thukydides über Machiavelli bis hin zu Rousseau und Tocqueville erstreckt. Eine hervorgehobene Rolle spielen komparative Verfahren auch auf dem Feld der Diktatur- und Totalitarismusforschung.

Die historische Komparatistik ist gleichermaßen durch methodische Risiken wie Vorzüge gekennzeichnet. Sie kommt nicht umhin, die Vielschichtigkeit und den Umfang des gegebenen Forschungsgegenstandes massiv zu begrenzen; allerdings ist es gerade Aufgabe jeder wissenschaftlichen Theoriebildung, den Komplexitätsgrad der Realität zu reduzieren. Zudem erschwert es der Vergleich, eine konkrete Fragestellung zu formulieren und einen analytisch praktikablen Rahmen für die Untersuchung der gegebenen Einzelfälle zu entwickeln. Darüber hinaus läuft der Vergleich immer Gefahr, prima facie strukturell ähnlich erscheinende Phänomene vorschnell als inhaltliche Gemeinsamkeiten aufzufassen. Dabei muss jede historische Konstellation letztlich immer als individuell, nicht kopierbar und insofern als einmalig betrachtet werden. Dieser Einwand lässt sich mit der Maßgabe abschwächen, dass jeder gehaltvolle historische Vergleich einerseits auf den Begriff "Gemeinsamkeiten" verzichten und andererseits zunächst einmal prinzipiell darum bemüht sein sollte, Unterschiede klar zu konturieren, bevor mit der gebotenen Vorsicht gewisse Ähnlichkeiten herausgearbeitet werden können. Weitere Bedenken gegen die historische Komparatistik ergeben sich aus der Problematik, nicht zu extensiv ins Detail gehen zu können und als Vergleichsgegenstand ein repräsentatives pars pro toto mit exemplarischer Aussagekraft auswählen zu müssen.[5] Damit einhergehend ist es kaum zu vermeiden, ein Gesamtphänomen in Einzelteile zu zerschneiden, die wiederum das Feststellen struktureller Parallelen nur in gewissen Hinsichten zulassen.

Neben den gravierenden Nachteilen, die zugleich die methodischen Grenzen des historischen Vergleichs abstecken, bieten komparatistische Verfahren ein ganzes Bündel an methodisch fruchtbaren und operational hilfreichen Vorteilen: Schon im 19. Jahrhundert verstand der Positivismus den Vergleich als "Surrogat für das Fehlen experimenteller Möglichkeiten in den Sozialwissenschaften"[6]. Tatsächlich gibt es kein methodisches Verfahren in den Geisteswissenschaften, das dem naturwissenschaftlichen Experiment näher kommt. Der Vergleich ermöglicht es, Fragen, Analysekategorien und Leitperspektiven, die sich in einem bestimmten Fallbeispiel als nützlich erwiesen haben, versuchsweise auf einen anderen Fall zu übertragen. Des Weiteren vermag gerade der Vergleich ein tieferes Verständnis für die Besonderheiten von Einzelfällen zu vermitteln. Heinz-Gerhard Haupt und Jürgen Kocka identifizieren vier methodische Funktionen komparativer Verfahren: In heuristischer Funktion öffnen sie den Blick für neue Fragehorizonte und Problemfelder, in deskriptiver Funktion dienen sie der prägnanten Profilierung und der markanten Konturierung singulärer Einzelphänomene, in analytischer Funktion helfen sie dabei, Sachverhalte zu klären, pauschalisierende Pseudo-Erklärungen zurückzuweisen, Ursachen zu erforschen und Hypothesen zu testen, und schließlich weiten sie in paradigmatischer Funktion die Perspektive für alternative Optionen.[7]


Fußnoten

2.
Vgl. Jürgen Kocka, Historische Komparatistik in Deutschland, in: Heinz-Gerhard Haupt/Ders. (Hg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt a. M. 1996, S. 47–60, hier 47.
3.
Theodor Schieder, Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung, München/Wien 1965, S. 197.
4.
Vgl. hierzu näher Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Geschichte und Soziologie, Köln 1972.
5.
Vgl. Günther Heydemann/Detlef Schmiechen-Ackermann, Zur Theorie und Methodologie vergleichender Diktaturforschung, in: Günther Heydemann/Heinrich Oberreuter (Hg.), Diktaturen in Deutschland – Vergleichsaspekte. Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen, Bonn 2003, S. 9–55, hier 26.
6.
Klaus von Beyme, Der Vergleich in der Politikwissenschaft, München 1988, S. 52.
7.
Vgl. Heinz-Gerhard Haupt/Jürgen Kocka, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt a. M. 1996, S. 12–15.

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