Beleuchteter Reichstag

16.8.2011 | Von:
Manuel Becker

Die Bedeutung des deutschen Diktaturenvergleichs für die politische Kultur der "Berliner Republik"

2. Die Spezifika des deutschen Diktaturenvergleichs


Gerade in der Bundesrepublik Deutschland wurde dem Vergleich insbesondere von diktatorischen Herrschaften verschiedener weltanschaulicher Provenienz noch bis weit in die 1980er-Jahre hinein eine große Skepsis entgegen gebracht. Dies dokumentiert nicht zuletzt der sogenannte "Historikerstreit", die letzte große geschichtspolitische Kontroverse der alten Bundesrepublik. Eine breite Front von Historikern und Intellektuellen hatte hier noch die These von der strukturellen Ähnlichkeit sowie den impliziten Wechselwirkungen zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus abgelehnt. Wer beides miteinander verglich, stand sogleich im Verdacht, die nationalsozialistische Vergangenheit relativieren und verharmlosen zu wollen. Aus heutiger Sicht steht fest, dass der "Historikerstreit" keinen wissenschaftlichen Ertrag erbracht hat, sondern im Kern ein Ringen um die intellektuelle Deutungshoheit über die politische Kultur der Bundesrepublik gewesen ist.[8] Die Scharmützel der 1980er-Jahre haben dennoch Spuren hinterlassen. Aus dieser Zeit hat sich eine noch bis beute anzutreffende Skepsis gegenüber dem Diktaturenvergleich als solchem erhalten.[9]

Das Ende des ideologischen Zeitalters 1989/90 führte allerdings zu einer Verschiebung des normativ-politischen Koordinatengefüges. Als 1989 die Mauer fiel, erkannten viele der vormaligen Vergleichsskeptiker, dass es auch große Chancen birgt, die DDR von Anfang an nicht nur als "historisches Individuum", sondern auch komparativ erforschen zu können.[10] Nach der Wiedervereinigung blitzte die konfrontative Grundkonstellation des erlahmten "Historikerstreits" noch einmal kurz auf: Jürgen Habermas warnte vor einer Verengung der Perspektive auf die Verbrechen der DDR und wies auf den vorgeblich edlen Kern der sozialistischen Ideologie hin.[11] Demgegenüber stilisierte Ernst Nolte die DDR zu jenem Regime, von dem Lenin geträumt und das Hitler gefürchtet habe.[12] Ebenso lehnte Wolfgang Wippermann noch einige Jahre später einen Vergleich zwischen dem "Dritten Reich" und der DDR kategorisch mit dem Verweis ab, dass man von Auschwitz nicht abstrahieren dürfe und dass jeder Vergleich mit der DDR automatisch zu einer Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen führen müsse.[13] Aber ungeachtet dieser mittlerweile überholten Argumentationsmuster, die durch ihre Wiederholung nicht unbedingt an Substanz gewinnen, wurde es gerade nach der Epochenzäsur und der damit verbundenen Auflösung der ideologischen Frontstellung für die Mehrheit der deutschen Zeithistoriker möglich, sich der Herausforderung des deutsch-deutschen Diktaturenvergleichs vorurteilsfrei zu stellen.

Sitzung der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" im Berliner Abgeordnetenhaus, 4. November 1993, mit Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Kommissionsvorsitzenden Rainer Eppelmann (CDU), dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel und dem ehemaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP).Sitzung der Enquete-Kommission (© Dämelow / Bundesregierung, B 145 Bild-00017315.)
Sitzung der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" im Berliner Abgeordnetenhaus, 4. November 1993, mit Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Kommissionsvorsitzenden Rainer Eppelmann (CDU), dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel und dem ehemaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP).

Dieser Aufgabe widmeten sich unter anderem die beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages, die zur Aufarbeitung der Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in den 1990er-Jahren eingesetzt wurden.[14] Die Vergleichsproblematik wurde primär an der Frage aufgehangen, ob man die DDR nun als "totalitären Staat" bezeichnen dürfe oder etwas defensiver von "moderner Diktatur" sprechen solle. Während Horst Möller den Totalitarismusbegriff für genügend flexibel und plural hielt, um mit ihm Strukturen und Herrschafts-mechanismen des SED-Regimes als solchem sowie Unterschiede zum "Dritten Reich" herausarbeiten zu können,[15] erschien er Jürgen Kocka angesichts der bereits erläuterten theoretischen Defizite als zu undifferenziert. Kocka hielt den Leitbegriff "moderne Diktatur" für politisch weniger belastet, schlanker und neutraler – schlicht: analytischer – im Vergleich zum Totalitarismusbegriff.[16] Klaus Hornung suchte zwischen beiden Positionen zu vermitteln, indem er vorschlug, sich auf den Begriff "moderne Diktatur" zu einigen und den Grad der Totalität als Maßstab anzulegen.[17]

Doch ungeachtet dieser unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der konkreten Charakterisierung und Einordnung der DDR waren sich beide Seiten einig, dass ein Vergleich zwischen dem nationalsozialistischen und dem SED-Staat nicht nur wissenschaftlich zulässig, sondern auch geschichtspolitisch notwendig sei. Jürgen Kocka führte dazu aus: "Der Vergleich zwischen den beiden deutschen Diktaturen ist, wie ich glaube, legitim und nützlich, überdies wissenschaftlich angebracht [...]. Der Vergleich kann auch helfen, mit den Folgen besser umzugehen und zu lernen, um ähnliches zu vermeiden."[18] Auch Jürgen Habermas gab zu Protokoll, dass die Aufeinanderfolge zweier Diktaturen "einer lehrreichen optischen Verstärkung der totalitären Gemeinsamkeiten"[19] dienlich sein könne. Die Diskussionen im Rahmen der Enquete-Kommissionen offenbarten zwar noch immer gewisse Interpretationsunterschiede; sie dokumentieren allerdings ebenso nachdrücklich, dass innerhalb weniger Jahre wichtige Barrieren erfolgreich abgebaut worden waren. Selbst ein lange Zeit linientreuer SED-Historiker wie Gerhard Lozek bezeichnete den Vergleich beider deutscher Diktaturen bereits 1993 als legitim.[20] Auch Hans-Ulrich Wehler betonte, dass der Antifaschismus nicht länger als Monstranz vorweg getragen werden könne und dass es nicht mehr genüge, allein den scheinbar lobenswerten Kern der sozialistischen Utopie zu verteidigen.[21] Es bleibt zu konstatieren, dass sich innerhalb kürzester Zeit die Bedenken gegenüber dem deutsch-deutschen Diktaturenvergleich in der ernstzunehmenden Zeitgeschichtsforschung massiv abgeschwächt, wenn nicht gar verflüchtigt haben. Die kurze Zeitspanne verwundert besonders, wenn man sich Stil und Duktus mancher Beiträge aus dem "Historikerstreit" vor Augen führt.

Die gewandelten Rahmenbedingungen des normativ formierten politisch-kulturellen Umfelds führten zu einer erhöhten Forschungsproduktivität. Verschiedene Konzepte für den deutsch-deutschen Diktaturenvergleich wurden entwickelt. Wie oben bereits ausgeführt, sollte jeder gehaltvolle historische Vergleich zunächst einmal die markanten Unterschiede zweier historischer Einzelbeispiele konturieren. So können folgende das "Dritte Reich" und die DDR unterscheidenden Aspekte in der seriösen Forschung der vergangenen 20 Jahren als unumstritten gelten: Die DDR hat keinen Weltanschauungs- und Rassenkrieg vom Zaun gebrochen und ebenso wenig einen systematischen Genozid zu verantworten. Die Anzahl der Menschen, die dem SED-Regime zum Opfer fielen, verblasst angesichts der Ausmaße der Shoah. Handelte es sich beim NS-Staat um ein von innen heraus entstandenes Unrechtsregime, so war die DDR ein Produkt des Kalten Krieges. Das "Dritte Reich" war ein eigenständiges Herrschaftssystem, wohingegen die DDR einer "Satrapie der Sowjetunion" (Hans-Ulrich Wehler) glich. Andererseits hatte die SED-Führung 40 Jahre Zeit, die angestrebte radikale Veränderung der Gesellschaftsstruktur durchzusetzen, wohingegen das "Tausendjährige Reich" nur zwölf Jahre existierte. Insofern waren Grad und Intensität der Gesellschaftsdurchherrschung in der zweiten deutschen Diktatur weit höher als in der ersten. War der Untergang des Nationalsozialismus das folgerichtige Ergebnis eines selbst angezettelten Weltkrieges, so lässt sich das Ende der DDR nur aus dem komplexen Zusammenhang international bedeutsamer Entwicklungen und innenpolitischer Strukturdefizite erklären. Dies sind zweifellos gravierende und fundamentale Unterschiede zwischen dem "Dritten Reich" und der DDR; aber sie sind eben erst das Ergebnis einer vergleichenden Betrachtung.

Nach und nach wurden Kriterienkataloge erarbeitet, die systematische Ansatzpunkte für den innerdeutschen Diktaturenvergleich vorschlugen. Wolfgang Schuller empfiehlt insgesamt sieben Vergleichsebenen: historische Ausgangslage, im Vorhinein vorhandene Strukturen, Ideologieanspruch der führenden Partei, "Durchherrschtheit" der Gesellschaft, Repression, Nachrichten- und Meinungsmonopol sowie Herrschaftsende.[22] Noch feiner fällt der mehrfach erweiterte Katalog von Günther Heydemann aus, der mittlerweile insgesamt 15 Referenzpunkte umfasst. Im Einzelnen sind dies: zeitliche Dauer, Entstehungs- und Ausgangslage, Grundstrukturen der Herrschaftssysteme, innen- und außenpolitische Handlungsmöglichkeiten, Ideologie, Eliten und Elitenrekrutierung, gesellschaftliche Akzeptanz und Mobilisierung, Recht und Justiz, Wirtschaft, Terror und Repression, nationale Frage, Art und Bedingung des Zusammenbruchs, Kirchenpolitik, Infiltration und Penetration sowie schlussendlich widerständiges Verhalten.[23]

Auf diesem Forschungsfeld lässt sich also eine hohe Produktivität in den vergangenen beiden Dekaden feststellen.[24] Die DDR heute nur noch aus sich selbst heraus erklären zu wollen, spräche, wie Detlef Schmiechen-Ackermann betont, jeglicher kritischen zeithistorischen Forschung Hohn.[25]


Fußnoten

8.
Vgl. zur rückblickenden Betrachtung und Einordnung Volker Kronenberg (Hg.), Zeitgeschichte, Wissenschaft und Politik. Der "Historikerstreit", Wiesbaden 2008; Steffen Kailitz (Hg.), Die Gegenwart der Vergangenheit. Der "Historikerstreit" und die deutsche Geschichtspolitik, Wiesbaden 2008.
9.
Vgl. etwa Wolfgang Wippermann, Dämonisierung durch Vergleich. DDR und Drittes Reich, Berlin 2009.
10.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Diktaturenvergleich, Totalitarismustheorie und DDR-Geschichte, in: Arnd Bauerkämper u.a. (Hg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1945–1990, Bonn 1998, S. 346–352, hier 346.
11.
Jürgen Habermas, Bemerkungen zu einer verworrenen Diskussion. Was bedeutet "Aufarbeitung der Vergangenheit" heute?, in: Die Zeit, 12.4.1992.
12.
Vgl. Ernst Nolte, Die fortwirkende Verblendung: Über Gleichsetzungen und Vergleiche von Drittem Reich, DDR und Bundesrepublik, in: FAZ, 22.2.1992.
13.
Vgl. Wolfgang Wippermann, Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997, S. 116f.
14.
Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1995; Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der Deutschen Einheit", Hg. Ders., Baden-Baden 1999.
15.
Vgl. Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 9, S. 576–588.
16.
Vgl. Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 9, S. 588–597.
17.
Vgl. Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 9, S. 614–616.
18.
Vgl. Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 9, S. 596.
19.
Vgl. Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 9, S. 688.
20.
Vgl. Gerhard Lozek, Vergleichen, nicht gleichsetzen, in: Eberhard Fromm/Hans-Jürgen Mende (Hg.), Vom Beitritt zur Vereinigung. Schwierigkeiten beim Umgang mit deutsch-deutscher Geschichte, Berlin 1993, S. 84–88.
21.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Diktaturenvergleich, Totalitarismustheorie und DDR-Geschichte, in: Arnd Bauerkämper u.a. (Hg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1945–1990, Bonn 1998, S. 349.
22.
Vgl. Wolfgang Schuller, Deutscher Diktaturvergleich, in: Heiner Timmermann (Hg.), Die DDR. Analysen eines aufgegebenen Staates, Berlin 2001, S. 849–857, hier 850–855.
23.
Günther Heydemann, Die DDR-Vergangenheit im Spiegel des NS-Regimes? Zur Theorie und Methodologie des Diktaturvergleichs, in: Internationale Schulbuchforschung 22 (2000), S. 40–416.
24.
Exemplarisch seien hier nur einige Sammelbände genannt: Günther Heydemann/Heinrich Oberreuter (Hg.), Diktaturen in Deutschland – Vergleichsaspekte. Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen, Bonn 2003; Günther Heydemann/Eckhard Jesse (Hg.), Diktaturvergleich als Herausforderung. Theorie und Praxis, Berlin 1998; Ludger Kühnhardt (Hg.), Die doppelte deutsche Diktaturerfahrung. Drittes Reich und DDR, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1996.
25.
Vgl. Detlef Schmiechen-Ackermann, Diktaturen im Vergleich, 2. Aufl., Darmstadt 2006, S. 87.

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