Beleuchteter Reichstag

11.7.2011 | Von:
Lutz Rathenow

Die Mauer und ihr Verdrängen
aus dem Alltag der Ost-Berliner

"Der Verlust dieses Bauwerks würde das Leben hier ärmer machen." So – sehr provokativ – Lutz Rathenow 1987. Ein Essay über das Leben mit und hinter der Mauer in Ost-Berlin.


"Natürlich ist das Ding pervers, aber es zeigt seine Krankheit und verbirgt sie nicht verklemmt. Der Verlust dieses Bauwerks würde das Leben hier ärmer machen. Und wenn nur die Wut darauf abhanden käme."

(Harald Hauswald/Lutz Rathenow, Ost-Berlin – die andere Seite einer Stadt, München 1987; textlich unveränderte Neuausgabe: Ostberlin – Leben vor dem Mauerfall, Berlin 2005)

Wenn ein sehr kleines Kind verstecken spielt, schließt es oft die Augen und denkt dann, weil es sich selbst nicht sieht, sei es unsichtbar. Später schließt es noch manchmal die Augen, aus Angst, bestimmte Dinge sehen zu müssen, weil es das zu Fürchtende nicht betrachten kann; es könnte ja inzwischen schon verschwunden sein. Diese Angstreaktion etwas ganz Unangenehmem, Hässlichem, Ekligem oder Störendem gegenüber ist mitunter auch bei Erwachsenen zu beobachten. Zum Beispiel im Kino, wenn eine spannende oder blutige Szene droht. Dies ist eine jähe, manchmal instinktiv ausgeübte Selbstzensur gegenüber Bildern, weil sie einen zu überfordern drohen – das könnte der Schlüsselbegriff sein: Überforderung. Egal auf welche Bilder sich das bezieht, es sind fast immer solche, die auf Realitäten verweisen, die der Betrachter lieber ungeschehen machen und für nicht existent erklären, deren Bilder er am liebsten gelöscht sehen würde.

Mauer und Sperranlagen um 1970. Aufnahme aus einer Studie des DDR-Grenzkommandos Mitte.Mauer und Sperranlagen um 1970. Aufnahme aus einer Studie des DDR-Grenzkommandos Mitte. (© Bundesarchiv, DVH 50 Bild-127845-04, Foto: o.A.)
Es gibt einfach Situationen, an die sollte sich ein Mensch nicht gewöhnen – nicht nur im Krieg oder bei aktuellem Leid durch Naturkatastrophen.

So eine Situation entstand am 13. August 1961 in Berlin, als eine immer komplexer werdende, von der DDR gebaute Grenzbefestigungsanlage eine neue Normalität schaffen sollte – über Nacht. Diese Grenze hieß offiziell "antifaschistischer Schutzwall". Niemand nannte sie so, es war ein reiner Verwischungsbegriff, der mit den Realitäten so wenig zu tun hat, dass er gar nicht zu ihnen hinführt. Selbst DDR-Offizielle begannen irgendwann, von der "Mauer" zu reden. Dabei ist, was als Mauer am ersten Tag begann, keine geblieben – der Begriff "Schutzwall" fängt fast mehr von der Aura jener meterbreiten, mit verschiedenartigen Hindernissen gespickten, von Postentürmen markierten, Jahr für Jahr ausgebauten Befestigungsanlage ein als das umgangssprachliche Wort "Mauer". Im Grunde verharmlost gerade der Begriff MAUER vollständig. Was kann sich ein Jugendlicher aus Japan ohne weitere Geschichtskenntnisse heute vorstellen, wenn er den Begriff Mauer hört? Etwas, das netterweise zum Besprühen für Street-Art-Künstler aufgestellt wurde in Berlin? Und dann haben auf einmal viele gleichzeitig dagegen getreten und da gab es den "Mauerfall"? Die von uns heute noch gebrauchten und offiziell gewordenen Begriffe, die wir für DDR-kritisch halten, transportieren im Grunde die Verdrängungslust des kleinen Kindes mit den geschlossenen Augen weiter. Man musste sich das Ding gemütlich verkleinern, um besser damit leben zu können und es nicht mehr täglich wahrnehmen zu müssen.

Bei meinen ersten Besuchen in Berlin in den Siebzigerjahren spürte ich noch ständig die Angst, das Sperrgebiet zu betreten. Meiner Gewohnheit, in einer Art wachem Halbschlaf durch Straßen zu schlendern, waren hier deutliche Schranken gesetzt. Unruhig und zögernd ging ich zu einem Gespräch zum Gebäude der Schallplattenproduktion. Obwohl es in beeindruckender Nähe zum West-Berliner Reichstag schien, kam ich problemlos an. Selbstsicher ging ich Tage darauf zum Haus eines christlichen Verlages und wurde vom Wachhabenden zurückgewiesen: Einlass nur mit Sondergenehmigung.

Diese halbe Stadt, die unbedingt ein neues Ganzes werden sollte und gar nicht so richtig bemerkte, wie sehr sie eigentlich auf den westlichen Anbau angewiesen war, diesen Resonanzraum, der dem östlichen Teil zum eigenwilligen Klang verhalf. Und der den Ehrgeiz anstachelte, etwas Besonderes sein zu wollen. Ich staunte am Anfang schon, wie wenig die Ost-Berliner noch über die Absonderlichkeiten staunten, die die Grenze so produzierte. Zum Beispiel eine S-Bahnfahrt von der Schönhauser Allee zum S-Bahnhof Pankow, fast direkt an der Grenze entlang, sodass sich die Grenzplaner genötigt sahen, eine Mauer auf beiden Seiten der Bahnstrecke aufzubauen, durch die man wie durch einen Transittunnel glitt. Wie viel Quadratmeter eigenes Land benutzte die DDR eigentlich dafür, wirksame Grenzbefestigungsanlagen zu errichten? Bei jeder späteren Fahrt erkannte der Beobachter den Gast an den irritiert neugierigen Blicken aus dem Fenster, während der grenzanlagenresistente Ost-Berliner seinen Blick nicht von der Tageszeitung hob.

Die Mauer sollte harmlos und möglichst uninteressant sein. Nach 1961 dachten sicher viele Berliner einmal über die Flucht nach – einige taten es wirklich und andere versuchten es. Wer jedoch im Osten so weiterleben wollte und musste wie zuvor (um die DDR vielleicht, ach, zu verändern – aber hätte das nicht mit der Mauer beginnen müssen?), der hatte sich ein System der Ignoranz gegenüber der Grenze zu organisieren. Das Leben wäre sonst unerträglich und jeder Tag zu einem Tag der Selbstbefragung darüber geworden, wieso man das eigentlich aushalten kann. Je perfekter die Trennung wurde, desto verniedlichender wirkte das Volksmundkürzel Mauer.

Der von Woche zu Woche stärker verinnerlichte Versuch, dies alles nicht mehr wahrzunehmen, korrespondierte mit dem staatlichen Verbot, die Mauer fotografieren zu dürfen. Warum eigentlich war das verboten? Offenbar misstraute die DDR sowohl ihrer Selbstrechtfertigung als auch den eigenen Bildern. Warum wurde kein Bildband mit dem Titel "Die sicherste und sauberste Grenze der Welt" stolz in alle Welt hinausveröffentlicht? Tief im Innersten mussten sie doch Komplexe haben und ahnen, mit der Teilung Berlins etwas sehr Hässliches getan zu haben und weiterhin zu tun, auch wenn man staatlicherseits versuchte, es hinter der zynischen Metapher der "Friedenssicherung" zu verhüllen.

Abreagieren und vernünftig bleiben, dachten viele Menschen und liefen offenen Auges an der Mauer vorbei, beziehungsweise liefen so, dass sie sich der Mauer instinktiv gar nicht näherten. Der Westen war nicht immer im Westen – der Ost-Berliner hatte das Koordinatensystem der möglichen Fortbewegungsart schließlich verinnerlicht. Es gab eine verfaulte Vernunft in dieser Stadt, diesem Land, die sie zugrunde gerichtet haben. Es schien immer unvernünftig zu sein, sich in fundamentale Opposition zu begeben, Widerstand zu leisten. Wie oft hörte ich das Argument, dass doch alles keinen Zweck habe.

Aber darauf kommt es oft an: eine Neugier zu entwickeln, die auch ohne Kenntnisse eines lohnenden Zweckes funktioniert. Sich aus der Wahrnehmungsträgheit zu lösen. Denn die hatte ihren Preis. Man vergaß ja teilweise wirklich die Grenzanlagen mit allen Folgeerscheinungen – zum Beispiel die durch den Untergrund Ost-Berlin jagenden U-Bahnlinien aus West-Berlin. Das brachte nicht nur Geräusche und die Notwendigkeit, die Abgrenzungsbauten auch unterirdisch fortzusetzen. Eine U-Bahn führt auch zu Erschütterungen und nicht nur metaphorisch. So soll ein physikalisches Forschungsinstitut genau auf so einer vergessenen Linie errichtet worden sein. Eine Fehlinvestition, da dort wegen der Erschütterungen bestimmte Versuchsreihen nicht funktionierten.

Das Verdrängen der Mauer erzeugte sicher ganz unterschiedliche Geschichten. Die scheinbare Teilnahmslosigkeit, mit der Ost-Berliner die Anwesenheit der westalliierten Soldaten zur Kenntnis nahmen, gehört auch in diesen Komplex. An vielen Stellen war es leicht, die Mauer zu verdrängen, da sie nur natürliche Abgrenzungslinien zwischen Stadtbezirken verstärkte, zum Beispiel am Wasser. An anderen Stellen mitten in Berlin schnitt die Mauer täglich so schmerzhaft in den Lebensorganismus einer Stadt ein, dass sie doch nur schwer übersehen oder gar nicht wahrgenommen werden konnte. Zum Beispiel am Ende der Oderberger Straße im Prenzlauer Berg – auf westlicher Seite war eine Besucherplattform, die eine der wenigen Möglichkeiten für Menschen mit Einreisesperre nach Ost-Berlin bot, Freunde oder Angehörige wenigstens einmal aus der Distanz zu betrachten. Kurze Zeit, denn dann näherte sich auf DDR-Seite ein Polizist, der die Leute auf der Ostseite aufforderte weiterzugehen. Sozusagen ein Mauererinnerer an einer der wenigen Stellen, an der das Verdrängen nicht automatisch funktionierte.

Es war einmal eine DDR. Die Müdigkeit der letzten beiden Jahrzehnte erfasst das Erinnerungsvermögen und die Wahrnehmungslust dessen, was war. Bis 1961 – zum Mauerbau – wollte die DDR eigentlich das zukunftsträchtige Modell für ganz Deutschland sein oder zumindest werden. Und ihr Ende? Wie beschrieb ich es in dem 87er-Buch: "Der Tag, an dem die Mauer unbemerkt abgebaut wurde. Die Posten sind abgezogen, Grenzpfähle stehen noch – ein Zaun mit Pforten, die jedermann öffnen und durchschreiten könnte, nur gibt das niemand bekannt. Wie lange dauert es, bis die Menschen ihre neue Möglichkeit begreifen?" Die Realität gab eine andere Antwort, zuerst an jenen Grenzübergangsstellen, an denen die Grenze besonders krass in das natürliche Gefüge der Stadt eingriff. Die Menschen waren halt doch neugieriger, als es die staatlichen Vordenker ahnten, und mutiger. Sie ernötigten ein Öffnen dessen, was nach dem 9. November 1989 plötzlich nur noch eine Mauer sein sollte.



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