Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Werner Liersch

Die Inseln des Verschweigens

Strittmatters Erinnerungsbuch "Grüner Juni" und der Krieg auf den Zykladen

IV. Ägäische Phrasen


Im "Grünen Juni" gibt es alle diese Ereignisse nicht. Die bereinigte Szene schafft Platz für hochfliegende Interpretationen. Der vernebelte Krieg drängt sich den alternativlosen Rezensenten als poetische Leistung auf. Dem Germanisten Klaus Werner begegnet "der Umstand, daß sich oberhalb des Berichteten eine schwer zu benennende Atmosphäre erhält, die das Tatsächliche in einen Schwebezustand überführt, es von seinen zeitgeschichtlichen Kontexten gleichsam befreit: Es wird auf eine Ebene gehoben, auf der sich irdisches Leben und Menschen-Zeit plötzlich mit Welten-Raum und Universalgefühl verknüpfen".[23] Die Literaturkritikerin Angelika Griebner überschrieb ihre Rezension "Der blaue Vogel Poesie" und empfand "ein Gefühl, eine Stimmung, die nur schwer zu benennen ist. Vielleicht ist es das, was Erwin Strittmatter herbeizuzaubern sucht in seinen Nachtigall-Geschichten, diesen seltsamen Schwebezustand zwischen Wachen und Träumen ..."[24] Der "Grüne Juni" läutert den ägäischen Kampfeinsatz Strittmatters in den chronischen Klischees von Land und Leuten zu einsamen Inselwochen in mediterranen Ambiente. Bei Werner bleibt über das Militärabenteuer zurück, "wie Krieg, zweiter Weltkrieg, stillzustehen scheint und ein zur Vernichtung anderer bestellter Soldat der Dinge inne wird, die ewig und unverrückbar sich selbst meinen."[25]

Propagandapostkarte: Kämpfe des 18. SS-Polizeigebirgsjägerregiments auf Andros. Zeichnung von Hein Bethmann.Propagandapostkarte: Kämpfe des 18. SS-Polizeigebirgsjägerregiments auf Andros. Zeichnung von Hein Bethmann. (© Archiv Roland Pfeiffer Soest)
Strittmatters Zykladeninsel hieß Naxos. Die blutige Zwischenstation Andros. Von der eine Schlüsselstellung einnehmenden Insel fächerte sich die Invasion auf. Am 27. September erging an die 12. Küstenschutzflottille Attika der Befehl, die begonnene "Bereinigung" der Zykladen-Inseln von italienischen Truppen und Badoglio-Anhängern fortzusetzen. Diese Aktion sei durchzuführen mit dem 3. Bataillon des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments. Am 12. Oktober wurde Naxos besetzt. Am 11. November wurde die am Rand der Zykladen liegende Insel Ios erreicht und von dort am Abend des 27. durch den "Kampfgruppenführer Süd" an den italienischen Inselkommandanten von Santorin der Funkspruch gerichtet, die Insel Santorin zu übergeben. Falls nicht innerhalb einer Stunde die Zusage eingehe, werde die Insel von See und aus der Luft angegriffen, worauf die Kapitulation erfolgte und am nächsten Tag ein deutscher Marineverband Santorin anlief.

"Wir werden zu dritt auf der Insel Ios abgesetzt", behauptet Strittmatter im "Grünen Juni".[26] Tatsächlich wurde Strittmatters auf Naxos stationiert, das der "Grüne Juni" nur beiläufig erwähnt. "Ich kam auf die Zykladeninsel Naxos", erteilt er in der ZK-Akte Auskunft.[27] Der Tausch machte Sinn. Für die Inszenierung eines Krieges ohne Krieg eignete sich das kleine Ios ungleich besser als die Hauptinsel Naxos. Ios gab die brauchbarere Kulisse für eine angebliche ägäische Robinsonade ab. Auf Ios verliert sich nach kurzer Zeit die Beteiligung am Krieg auf den Zykladen, denn "am zweiten Tag unserer Inselzeit reißt die Funkverbindung ab. Wir haben keinen Kontakt mehr mit den deutschen Eroberern und Herumtreibern".[28] Schließlich kommt Strittmatter auch mental als Beteiligter nicht mehr in Frage, er verliert das "Zeitgefühl" und muss rechnen, wenn er sich ins Bewusstsein bringen will, "wieviele Wochen ich nun schon auf der Insel lebe". Die erfüllt eine Don Camillo- und Peppone-Geschichte, mit dem Soldaten als Camillo und dem Fischer Kostas als Peppone. Sie geht gut aus: "Kostas und ich scheiden als Freunde"[29]. Von Naxos weiß Strittmatter in der ZK-Akte weniger Einträchtiges zu berichten: "Auf Naxos hatte ich den ersten Kontakt mit gr[iechischen] Kommunisten. Es waren, wie ich heute weiß, keine klaren Genossen. Sie erwarteten ihr Heil von England und seiner 'Demokratie'".[30]


Fußnoten

23.
Klaus Werner, Arkadien im Nachkrieg Erwin Strittmatters Erzählung 'Grüner Juni'. DDR-Literatur '85 im Gespräch, Berlin/Weimar 1985, S. 241.
24.
Angelika Griebner, Der blaue Vogel Poesie, in: Junge Welt, 11.10.1985.
25.
Klaus Werner, Arkadien im Nachkrieg Erwin Strittmatters Erzählung 'Grüner Juni'. DDR-Literatur '85 im Gespräch, Berlin/Weimar 1985, S. 242.
26.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985, S. 83.
27.
BArch, DY 30/IV 2/11/V/5185.
28.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985, S. 85.
29.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985, S. 99 u. 104.
30.
BArch, DY 30/IV 2/11/V/5185.

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