Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Reiner Merker

"... und stets Künder seiner Zeit zu sein"?

Neuausrichtung und Behauptung des Gustav Kiepenheuer Verlages zu Beginn der 50er-Jahre

Das Wechselspiel zwischen Lockerung und Einschränkung in der SED-Kulturpolitik verstand die Verlegerin Noa Kiepenheuer zur Sicherung ihres Verlages zu nutzen, der bis 1977 als Privatunternehmen bestand.

Einleitung


Einer der Schlüssel in der Annäherung an die Verlagsgeschichte des Gustav Kiepenheuer Verlags nach 1945 ist die Rolle des Verlegers und des Einflusses auf Programm und Ausrichtung. So war, bei allen Eingriffen durch die Kulturpolitik der Sowjetischen Militäradministration (SMA) sowie der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der Kiepenheuer Verlag bis 1977 zunächst ein Privatunternehmen, welches zudem auf einer gewichtigen Tradition aufbauen konnte.[1]

Das Verlegerehepaar Gustav und Noa Kiepenheuer, Aufnahme aus dem Jahr 1948.Das Verlegerehepaar Gustav und Noa Kiepenheuer, Aufnahme aus dem Jahr 1948. (© Quelle: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Bestand 21097 Gustav Kiepenheuer Verlag und Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung.)
Mit dem Tod Gustav Kiepenheuers am 6. April 1949 schien das Schicksal des Verlags jedoch besiegelt. Es kam zur Ausgründung des Verlags Kiepenheuer & Witsch in der Bundesrepublik Deutschland, der dort an die Rolle als Mittler zeitgenössischer deutscher Literatur anknüpfen konnte, ohne allerdings Auswirkungen auf die Produktion des in der DDR verbleibenden Verlags zu zeitigen. In der DDR wurden die Geschäfte von Noa Elisabeth Kiepenheuer fortgeführt, die Rolle der selbständig agierenden Verlegerin wurde ihr jedoch von der zentral gesteuerten Kulturpolitik nur bedingt zugestanden.

Vielmehr wurde 1949 mit Johannes Nohl ein Lektor eingesetzt, der aus der Sicht der SED-Kulturfunktionäre den Verlag in "fortschrittlichstem Sinne" gestalten sollte. Das 1950 in der Würdigung Gustav Kiepenheuers vorgelegte Publikationsverzeichnis über den Zeitraum 1910–1950 enthält dann zwar noch die Programmatik, auch zukünftig "stets Künder seiner Zeit zu sein"[2], letztlich war der Verlag aber im System der "zentralen Literatursteuerung" nur noch bedingt gestaltungsfähig. Spätestens Anfang der 1950er-Jahre begann die Neuausrichtung des Programms, die wesentlichen Schwerpunkte finden sich nun in den Bereichen der klassischen Weltliteratur und der Kulturgeschichte. Mit dem Tod von Noa Kiepenheuer 1971 endet auch diese Phase der scheinbaren Selbständigkeit: 1977 wird der Verlag nach erzwungenem Verkauf Teil der Verlagsgruppe "Kiepenheuer".

Die Widersprüchlichkeit zwischen dem Versuch der parteilichen Einflussnahme bzw. Steuerung und der verlegerischen Standortsuche lässt sich bereits über zentrale Personalien des Verlags Ende der 40er-Jahre, wie Theodor Plievier und Johannes Nohl[3], erahnen. Hier treffen jeweils die Boheme der 20er-Jahre und die Partei stalinistischer Prägung aufeinander. Spuren der fortwährenden Selbstbehauptung des Verlags, der bis 1933 einer der namhaften Verlage zeitgenössischer deutscher Literatur war, finden sich aber erst beim Betreten der "Geschäftsräume".

Zentrales Moment der hier verfolgten Fragestellung sind die verlegerischen Ziele in der Auseinandersetzung mit der staatlichen Kulturpolitik in der SED-Diktatur. Letztere erscheint bei einem ersten Blick auf die Publikationen des Verlags merkwürdig ausgeblendet. Ja, es entsteht das Bild eines erfolgreichen Nischendaseins, welches gerade durch die Abwendung von der zeitgenössischen deutschsprachigen bzw. der DDR-Literatur möglich geworden sein könnte. Diese Frage bildet den Leitfaden für die folgende Annäherung an die Geschichte des Kiepenheuer Verlags Ende der 1940er-, Anfang der 50er-Jahre. Dabei sollen weniger die politischen Rahmenbedingungen und die Ausformung der Diktatur in Bezug auf das Verlagswesen denn das Agieren des Verlags selber in den Blick genommen werden.


Fußnoten

1.
Vgl. insg.: Siegfried Lokatis/Ingrid Sonntag (Hg.), 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage, Berlin 2011 (vgl. in der vorliegenden Ausgabe: Rüdiger Thomas, Literatur-Geschichten, http://www.bpb.de/themen/Q13BYP,0,0,LiteraturGeschichten.html).
2.
40 Jahre Gustav-Kiepenheuer-Verlag. Weimar 1910–1950, Weimar 1950, S. 3.
3.
Zu Nohl: Peter Dudek, Ein Leben im Schatten. Johannes und Herman Nohl – zwei deutsche Karrieren im Kontrast, Bad Heilbrunn 2004.

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