Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Bernd Lindner

Jugendkultur in der DDR zwischen Staatsgründung und Mauerbau

Sieger und Verlierer


Tatsächlich hatte der sozialistische Jugendverband schon seit Anfang der 1950er-Jahre ein extremes Mitgliederproblem, das sich nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 noch verstärkte. Parallel dazu wuchs die Zahl der "republikflüchtigen" Jugendlichen bedrohlich an. Allein 1955 stieg sie unter den 16- bis 25-Jährigen von 42.366 auf 98.217 um mehr als das Doppelte an. In der SED-Führung machte sich Unmut breit über die Unfähigkeit der FDJ, die Jugend für ihre Sache zu gewinnen. Intern machten sogar Pläne die Runde, die Monopolstellung der FDJ als einzige Jugendorganisation der DDR zur Disposition zu stellen.[34]

Versäumnisse wurden dem Jugendverband vor allem auch im Freizeitbereich vorgeworfen. "Die FDJ-Leitung kommt nur zu den Mitgliedern, wenn sie Beitrag kassiert und sie uns für einen Einsatz oder zur Demonstration gewinnen will. Wir haben aber auch noch andere Sorgen", wurde damals ein junger Turbinenbauer im "nl" zitiert.[35] Kleinlaut gab Hans Modrow, zu jener Zeit erster Sekretär der FDJ-Bezirksleitung Berlin, zu: "Noch oft finden die Funktionäre keine gemeinsame Sprache mit der Jugend, weil sie ihre Interessen ignorieren."[36]

Elvis Presley auf einem undatierten Bild vor dem Schild seines Battaillons in Friedberg, wo er 1958–1960 als Soldat stationiert war.Elvis Presley auf einem undatierten Bild vor dem Schild seines Battaillons in Friedberg, wo er 1958–1960 als Soldat stationiert war. (© Associated Press)
Eine gemeinsame, weltumspannende Sprache schuf dagegen der Rock 'n' Roll. Denn wie hatte Elvis frühzeitig – in einem 1957 verfassten Brief an die deutsche Jugend, den später die "Bravo" veröffentlichte – visionär vermerkt: "Mehr und mehr erkenne ich, daß Teenager in der ganzen Welt, auch wenn sie durch weite Ozeane getrennt sind, viel Freude an den gleichen Dingen haben."[37]

Da machten die jungen Leute in der DDR keine Ausnahme und auch der Bau der Mauer im August 1961 konnte daran nichts mehr ändern; selbst wenn es danach noch 28 Jahre dauern sollte und manch Rückschlag einzustecken war, bevor die jungen Ostdeutschen sich der Bevormundung von SED und FDJ ganz entziehen konnten. Dennoch blieb die Geschichte der Jugend(-kultur) in der DDR letztlich immer die einer gescheiterten Einflussnahme des Staates auf sie.[38]


Fußnoten

34.
Vgl. Peter Skyba, Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949–1961, Köln u.a. 2000, S. 307.
35.
Na so ein Tanz, in: Neues Leben, 11/1955, S. 12.
36.
Neues Leben, 11/1955, S. 13.
37.
Faksimile in: Bernd Lindner, Rock & Revolte: Ein Rhythmus verändert die Welt, in: Rock! Jugend und Musik in Deutschland, Hg. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin 2006, S. 16.
38.
Vgl. Bernd Lindner, Das eigentliche Gestaltungsfeld. Kulturelle Prägungen der Jugendgenerationen in der DDR, in: DA 38 (2005) 1, S. 49–56.

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 27. Januar 1977
    Das Europäische Übereinkommen zur Bekämpfung des Terrorismus (in der BRD in Kraft am 4. 8. 1978) verstärkt die internationale Zusammenarbeit. Es schränkt vor allem die Möglichkeiten ein, die Auslieferung mutmaßlicher Terroristen deshalb zu verweigern, weil es... Weiter
  • 27. Januar 1982
    Das Bundesinnenministerium löst die militante »Volkssozialistische Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit« (VSBD/ PdA) wegen neonazistischer Zielsetzungen auf. Der Vorsitzende Friedhelm Busse (vorher NPD) hatte von der »Herrschaft der Minderwertigen« in der... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen