Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Ingrid Sonntag

Die Freie Akademie der Künste in Leipzig 1992–2003

Nur aus einer Prägung des sächsischen Kulturraumes hervorgegangen?

Nebeneinander her


Trotz der überraschenden und belebenden Konkurrenz aus Leipzig hielt der Freistaat Sachsen daran fest, nachzuholen, "was die Kurfürsten und Könige von Sachsen versäumt haben – eine Akademie der Künste zu gründen".[12] Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Gründungsansatz einer Kunst-Akademie, in der Tradition von Repräsentation und Selbstaufklärung[13], im Sächsischen Landtag über die Parteigrenzen hinweg zu Diskussionen geführt hat. Denn im Zuge der Gesetzgebung zur Errichtung der Sächsischen Akademie der Künste durch den Landtag im Mai 1994 wurde dem Sächsischen Kultursenat (über seine Aufgabe hinaus, den Freistaat in wichtigen kulturpolitischen Fragen zu beraten und zu vermitteln) das Vorschlagsrecht für die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste zugewiesen. Über den Kreis der Gründungsmitglieder bestanden zwischen Ministerpräsident und Kultursenat offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen. Darüber hinaus wurde dem Kultursenat die Zuständigkeit "für [z]wei normale Aufgaben der Akademie eines Landes, die Beratung der Regierung in künstlerischen Angelegenheiten und die Vergabe von staatlichen Kunstpreisen" erteilt.[14]

Die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste im Hof des Dresdner Zwingers.Gründungsmitglieder. (© Foto: Thomas Härtrich / transit Fotografie und Archiv.)
Die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste im Hof des Dresdner Zwingers. Vordere Reihe v.l.: Siegfried Thiele, Dieter Schölzel, Günter Neubert, Friedrich Wilhelm Junge, Hans Joachim Meyer, Kurt Biedenkopf, Gerda Lepke, Reiner Kunze, Hanne Wandke, Bernd Jentzsch; zweite Reihe v.l.: Peter Gülke, Peter Schreier, Ingo Zimmermann, Erich Iltgen (Präsident des Sächsischen Landtages), Ludwig Güttler, Angela Krauß, Helmut Trauzettel, Günter Behnisch, Max Uhlig; hintere Reihe v.l.: Udo Zimmermann (verdeckt), Uwe Grüning, Wolfgang Hänsch (verdeckt), Joachim Herz, Dieter Görne, Peter Kulka, Werner Schmidt Wolfgang Engel (verdeckt), Heinrich Magirius, Wieland Förster, Friedrich Dieckmann.


Im Januar 1996 war es soweit. Der Ministerpräsident berief in einer nichtöffentlichen Veranstaltung in der Porzellansammlung im Dresdner Zwinger die Gründungsmitglieder der "patriotischen Sozietät" Sächsische Akademie der Künste. Zu den vom Freistaat berufenen Gründungsmitgliedern gehörte auch Udo Zimmermann. Der Bildhauer Wieland Förster (bis Oktober 1990 Vizepräsident der Akademie der Künste der DDR) lobte in seinem Festvortrag die Freiheit und Unabhängigkeit der neuen Akademie, die als "erste wirkliche Neugründung im vereinten Deutschland ... in der Freiheit der Parteiendemokratie" vollzogen werde.[15]

Künstlerinitiativen bedürfen nach einigen Jahren ihres Engagements stabiler Arbeitsstrukturen und der politischen Begleitung, um deren Fortbestand zu sichern. Der Freien Akademie der Künste war es seit Gründung nur unzureichend gelungen, eine Bindung an die Stadt Leipzig, an das Land Sachsen oder an einen Mäzen strukturell zu verstetigen, obwohl sie sich mit ihren Programmen zu einem gern gesehenen Partner entwickelt hatte. Die Freiwilligkeit, mit der sie einen Teil der kulturellen Grundversorgung der Stadt Leipzig übernommen hatte (und wie jede kulturelle Initiative vom Kulturamt dafür Projektmittel als Anteilsfinanzierung erhielt), stieß als künstlerische und politische Haltung in Stadt und Land eher auf Misstrauen und wurde wenig wertgeschätzt.

Sicherlich wäre es wünschenswert gewesen, sich über Möglichkeiten einer Zusammenführung von Mitgliedern und Projektstrukturen beider Akademien zu verständigen. Nach meiner Erinnerung wurde darüber erstmals zwischen Heinz Czechowski (Gründungsmitglied und Vizepräsident) und Uwe Grüning (Schriftsteller und Kultur- und wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU in Sachsen) im Herbst 1992 gesprochen. Aber vor dem Hintergrund des seit Februar 1994 laufenden Gesetzgebungsverfahrens zur Gründung einer Landes-Akademie bestand wenig politischer und administrativer Handlungsbedarf, die Freie Akademie zu stärken. Zumal vom Präsidenten keine Aktivitäten für eine Vereinigung unternommen wurden. Vielmehr ließ er wissen, dass es "ausschließlich um Unterstützung der Sächsischen Staatsregierung der Freien Akademie der Künste gegenüber" gehen könne.[16]

Anfang Januar 1997 legte Udo Zimmermann nicht überraschend sein Amt nieder. "Mit der Übernahme meiner künstlerischen Verpflichtung in München zum 1.1.97 steht mir ... ein sechstes Sekretariat ins Haus und eine gewachsene Verantwortung, die mir mit Sicherheit nicht ermöglichen wird, die Präsidentschaft der Freien Akademie der Künste zu Leipzig fortzuführen"[17], begründete er seine Entscheidung, zu einem Zeitpunkt, da sich eine vorsichtige Korrektur der Förderrichtlinien im Land Sachsen abzeichnen sollte.


Fußnoten

12.
Prof. Dr. Ingo Zimmermann im Interview mit Jörg Bernig und Walter Schmitz, in: Jörg Bernig/Walter Schmitz (Hg.), Literaturlandschaft im Wandel. Gespräche zur literarischen Kultur in Sachsen und Ostdeutschland 1990 bis 2005, Dresden 2006. S. 261.
13.
Kurt Biedenkopf, Rede zur Gründungsveranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste am 23. Januar 1996, in: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 9. Vgl. ebd., S. 195, u. Hartmut Zwahr, Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993, S. 192.
14.
Werner Schmidt, Anfänge und erste Schritte der Sächsischen Akademie der Künste, in: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 6.
15.
Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 14.
16.
Schreiben Udo Zimmermann, 23.9.1995, 9.1.1996, 11.1. u. 5.1997, Archiv FAK.
17.
Schreiben Udo Zimmermann, 11.1.1997, Archiv FAK.

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