Beleuchteter Reichstag

17.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Hans Mayer und der 17. Juni 1953

Ein unbekannter Text

Hans Mayer in Leipzig


In drei Texten hat Hans Mayer den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der dem noch jungen SED-Staat fast ein rasches Ende bereitet hätte, beschrieben und gedeutet. Im zweiten Band 1984 seiner Autobiografie "Ein Deutscher auf Widerruf", im Erinnerungsbuch "an eine Deutsche Demokratische Republik" (Untertitel), das er "Der Turm von Babel" nannte (1991), und in bisher ungedruckten Aufzeichnungen, entstanden noch 1953, unmittelbar nach dem Eingreifen der Besatzungsmacht, die der in London lebende Journalist Andreas W. Mytze 2010 unter dem – offenbar noch vom Autor selbst stammenden – Titel "Wir sollten anfangen, aus der Geschichte zu lernen oder: Der Faschismus wird bei uns nicht wiederkehren" veröffentlicht hat.[2]

Die beiden Bände der Autobiografie[3] erschienen zwei Jahrzehnte nach Mayers "Republikflucht" im Sommer 1963. Das Kapitel "Auf dem Wege zum 17. Juni" ist das zweite im vierten Teil über "Leipzig oder Die Alternative". Zunächst ging es aber nicht um den Aufstand, sondern um Ankunft und Aufnahme in Leipzig, wo Mayer, von Berlin kommend, im Oktober 1948 eingetroffen war. Er wurde, was er nicht ohne Stolz schreibt, privilegiert mit Lebensmitteln und Wohnraum im herrschaftlichen Waldstraßenviertel versorgt. Anfangs schlug ihm in dieser bürgerlichen Wohngegend Misstrauen entgegen, weil er "zu denen" gehörte. Diese ersten Jahre in Leipzig verstand Mayer aber auch als eine Zeit des Aufbruchs in seinem akademischen Leben, als ihm, nach den drei Jahren als Journalist und Dozent in Frankfurt am Main, von der altehrwürdigen Alma Mater Lipsiensis der Professorentitel verliehen worden war: "In Leipzig wurde ich endlich zu mir selbst erweckt."

Noch Jahrzehnte danach spürt der Leser die Freude und den Stolz Verfassers darüber, endlich öffentlich geehrt und anerkannt zu werden. Begleitet nämlich wurden diese Jahre der Selbstfindung vom politischen Aufbruch in eine neue Gesellschaftsordnung, den er als verfolgter Jude und Marxist, der 1933 in die Schweiz hatte emigrieren müssen, befürwortete. So war er als versierter Kenner deutscher Literaturgeschichte, dessen noch in Genf geschriebenes Buch "Georg Büchner und seine Zeit" (1946) von der Leipziger Universität als Habilitationsschrift anerkannt worden war, eingebunden in die neue, die "antifaschistisch-demokratische" Kulturpolitik. Schon für den 22./23. Oktober 1948 wurde er von Johannes R. Becher, dem Präsidenten des "Kulturbunds", nach Ost-Berlin eingeladen, wo den beiden Exilschriftstellern Arnold Zweig und Bertolt Brecht ein feierlicher Empfang bereitet wurde.

Im Goethe-Jahr 1949, gefeiert wurde der 200. Geburtstag am 28. August, durfte Mayer am 21. März in Weimars Deutschem Nationaltheater den Vortrag "Goethe in unserer Zeit"[4] halten. Umrahmt waren seine Ausführungen von einer durch Erich Honecker, den Vorsitzenden der "Freien Deutschen Jugend", ausgerichteten Veranstaltung, der man den neutralen Titel "Feier der Jugend" gegeben hatte; weiterhin von der Goethe-Rede des SED-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, eines ehemaligen Sozialdemokraten, am 22. März (Goethes Todestag 1832), zu dessen Ausarbeitung Hans Mayer mit Alexander Abusch und Wilhelm Girnus nach Berlin gebeten worden war.

Abschließend bemerkt der Verfasser über diese Jahre: "Damals, im März 1949, war noch nichts verspielt. Während meiner Rede war, in lautloser Stille, die geistige Leidenschaft der jungen Menschen zu spüren. Auch ich war bewegt, an einigen Stellen drohte Emotion fast die Stimme zu drosseln ... Mein Erfolg ... führte bis etwa zum Sommer 1950 dazu, dass ich gleichsam als kultureller Festredner vom Dienst amtieren musste." Dass zur gleichen Zeit die politische Verfolgung Andersdenkender auf breiter Front praktiziert wurde, dass beispielsweise zwei seiner Studenten, wie Mayer selbst erwähnt, verhaftet wurden und spurlos verschwanden, hat im autobiografischen Kontext nur marginale Bedeutung.


Fußnoten

2.
europäische ideen, 147, London 2010, S. 25–27.
3.
Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf, Frankfurt a. M. 1982/84.
4.
Hans Mayer, Goethe in unserer Zeit. Eine Rede vor jungen Menschen, Berlin 1949.

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