Beleuchteter Reichstag

17.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Hans Mayer und der 17. Juni 1953

Ein unbekannter Text

Hans Mayer und der 17. Juni – 1953


Der 2010 aufgefundene Text Hans Mayers aus dem Jahr 1953 steht unter dem Eindruck des Todes von Ethel und Julius Rosenberg am 19. Juni in New York. Sie waren verdächtigt, Ergebnisse der amerikanischen Nuklearforschung an die Sowjetunion verraten zu haben, und dafür 1951 zum Tode verurteilt worden. Das Urteil wurde, wegen weltweiter Proteste immer wieder aufgeschoben, zwei Jahre später vollstreckt. Mayer verknüpft beide Vorgänge, den Aufstand vom 17. Juni in Deutschland und die Exekution vom 19. Juni in den Vereinigten Staaten, miteinander, um den Beweis zu führen, dass in beiden Fällen "faschistische" Antriebe erkennbar sind: "Die gleichen Kreise und Instanzen aber, die Ethel und Julius Rosenberg auf den elektrischen Stuhl schickten, finanzieren und organisieren ihre Schläger- und Mörderbanden gegen die Deutsche Demokratische Republik und hießen sie am 17. Juni ans Werk gehen."

Der Text ist, Wortwahl und Stil lassen es erkennen, in einem Zustand hoher Erregung geschrieben. Der Verfasser bekennt eingangs, dass er "Gedanken zum 17. Juni niederschreiben" möchte, dass ihm das aber kaum gelingen will, weil er "immer ... an die Rosenbergs denken" muss. Das jüdische Ehepaar sei ermordet worden "gegen den Willen der Welt", wie 1927 die "unschuldigen italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti"[6]. Unter Berufung auf den amerikanischen Schriftsteller Sinclair Lewis und sein Buch "It Can't Happen Here" (1935) erklärt Hans Mayer, dass auch ein amerikanisch geprägter "Faschismus" vorstellbar wäre, allerdings mit den Losungen von "Freiheit, Menschlichkeit und Demokratie". Das Stichwort "Faschismus" ist für ihn 1953 das tertium comparationis zwischen der Todesstrafe für die Rosenbergs und dem in Ost-Berlin ausgebrochenen Aufstand: "Es ging bei uns am 17. Juni um Faschismus und Antifaschismus. Es ist sinnlos, sich in dieser Grundfrage irgendetwas vormachen zu wollen ... Klirrende Fensterscheiben, Verbrennung von Büchern und Papieren, Brandstiftungen, Plünderungen, Jagd auf Menschen, Lynchjustiz. Wer dächte nicht an die Tage nach dem Reichstagsbrand von 1933, an die Kristallnacht von 1938?"

Der Aufstand selbst, die politischen Hintergründe, die verschärfte Ausbeutung der DDR-Arbeiter durch erhöhte Normen, der Ruf nach freien Wahlen werden von Mayer nicht erörtert. Sie wären wohl auch nicht einbezogen worden, wenn sie ihm bekannt gewesen wären. Die plakativ vorgetragene Behauptung, die Sowjetunion hätte am 17. Juni "bei uns von neuem die Gefahr des Faschismus gebannt", blockiert jede weitere Diskussion über Ursachen und Folgen.

Wie brüchig und wenig überzeugend diese Konstruktion ist, den Arbeiteraufstand von 1953 zur "faschistischen Provokation" zu erklären, zeigt ein Beispiel aus der Stadt, wo er seit 1948 lebt und lehrt, ein Beispiel, das freilich in den beiden späteren Texten fehlt: "Da sind Arbeiter in Leipzig – und es waren wirkliche Arbeiter, darüber soll man sich nicht täuschen – mit sogenannten sozialdemokratischen Losungen gegen unsere Staatsmacht aufmarschiert. Aber ihre sozialdemokratischen Losungen hatten sie aus faschistischen Händen empfangen und in einer faschistisch gelenkten Bewegung vorangetragen. Und damit waren es eben faschistische Losungen." Eine derart verquere Dialektik zur Abwehr unzufriedener Arbeitermassen konnte man damals nur im SED-Blatt "Neues Deutschland" finden. Was Mayer schmerzlich vermisst, ist die "geschlossene Abwehrfront unserer Arbeiterschaft". Warum es die nicht gibt, bleibt undiskutiert!

Hans Mayer starb 2001, zwei Jahre später wurde im wiedervereinigten Deutschland des 50. Jahrestags des 17. Juni 1953 gedacht, mit Ausstellungen, Vorträgen, Büchern, Rundfunksendungen, die ein völlig anderes Bild des Aufstands zeichneten[7]. Vielleicht hat Mayer gewusst, warum er den Text nicht zur Veröffentlichung freigab. Gefunden wurde er in Mayers Akte bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Dort war er vom Ministerium für Staatssicherheit abgelegt worden – wahrscheinlich nach einer Hausdurchsuchung nach Mayers "Republikflucht" und möglicherweise, um Material gegen ihn in der Hand zu haben, mit dem man das Ansehen des renommierten "Republikflüchtlings" in der Bundesrepublik Deutschland hätte schädigen können.


Fußnoten

6.
Ferdinando "Nicola" Sacco und Bartolomeo Vanzetti, zwei italienische Einwanderer, hatten sich der anarchistischen Arbeiterbewegung in den USA angeschlossen und wurden am 23.8.1927 hingerichtet. Anna Seghers hat das Thema in ihrer Erzählung "Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft" (1929/30) verarbeitet.
7.
Ähnlich überstürzt wie Hans Mayer hat Anna Seghers auf den Aufstand reagiert und schon am 7.7.1953 in ihrer Erzählung "An einer Baustelle in Berlin", veröffentlicht in der "Täglichen Rundschau", den Aufstand denunziert.

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