Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Deutsche und Russen 1945

"Die Russen sind da"


Böthig/Walther, Die Russen kommenBöthig/Walther, Die Russen kommen (© Lukas Verlag Berlin)
Der umfangreiche Sammelband mit Auszügen aus Aufzeichnungen und Briefen 1944–1949, der unter dem Titel "Die Russen sind da" von den beiden Germanisten Peter Böthig und Peter Walther erarbeitet wurde, ist von anderem Zuschnitt. Man fragt sich, warum in den 66 Jahren nach Kriegsende oder zumindest in den 22 Jahren seit dem Mauerfall noch niemand nach derart unschätzbaren Zeugnissen über "Kriegsalltag und Neubeginn 1945" (Untertitel) gesucht hat, und man wundert sich, dass nach so langer Zeit überhaupt noch solche Texte auffindbar waren. Insofern ist dieses Buch, dem ähnliche über Sachsen und Thüringen folgen sollten, ein einzigartiger Glücksfall und ein Meisterwerk dazu! Das Geleitwort stammt von dem Schriftsteller Günter de Bruyn (1926), der nach 1989 auch in Westdeutschland mit seinen autobiografischen Büchern "Zwischenbilanz" (1992) und "Vierzig Jahre" (1996) bekannt wurde.

In der klugen Einleitung sprechen die beiden Herausgeber, die die ca. 120 Briefsammlungen und Tagebücher ausgewertet haben, von der berechtigten Angst der Deutschen, den Soldaten der Roten Armee und später der Besatzungsmacht hilflos ausgeliefert zu sein: "In manchen Fällen endete (die Begegnung) mit überraschenden Akten von Hilfsbereitschaft. Häufiger aber war sie mit Plünderungen, Misshandlung, Verhaftung, Verschleppung, zuweilen auch mit der Auslöschung ganzer Familien verbunden. Mädchen und Frauen wurden, wenn es ihnen nicht immer wieder neu gelang, sich zu verstecken, regelmäßig Opfer von Vergewaltigungen."

Die Fülle der Texte ist in drei Abschnitte gegliedert, vielleicht etwas überzogen, nach musikwissenschaftlichen Kriterien "Präludium", "Cantus firmus" und "Coda" benannt, deren erster auf den 15. Februar 1944 datiert ist und deren letzter auf den 6. Oktober 1949, einen Tag vor der Gründung der DDR. Anerkennenswert ist, dass das jenseits von Oder und Lausitzer Neiße liegende Ost-Brandenburg, immerhin ein Drittel der einst preußischen Provinz, einbezogen wurde. So findet man Texte aus Landsberg an der Warthe, dem Geburtsort der Schriftstellerin Christa Wolf, aus Lebus an der Oder und aus Woldenburg/Neumark.

Das Nachwort stammt von Alexander Gauland, der leider nirgendwo vorgestellt wird und der vermutlich, wenn überhaupt, nur Brandenburgern als einstiger Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" in Potsdam bekannt sein dürfte. Der Band schließt mit Anmerkungen, Verfasserbiografien und Literaturhinweisen.

Am ergiebigsten für den Historiker sind die Aufzeichnungen, die einen längeren Zeitraum umfassten wie die des Buchdruckers Ernst Grencku (1882–1947) aus Seddin bei Potsdam. Er war das Kind einer noch vor dem Ersten Weltkrieg aus Polen nach Berlin eingewanderten Familie und sah den Untergang des "Dritten Reiches" aus kritisch-distanzierter Position: "Die deutsche Bestie beißt noch um sich, sie ist angeschlagen, aber noch lange nicht kampfunfähig. Sicher ist ein großer Teil kriegsmüde, aber nur deswegen, weil ihnen die Mühen und Entbehrungen langsam auf die Nerven gehen. Keiner sieht das grenzenlose Unrecht ein, welches dieses deutsche Räubervolk begangen hat und weiter begeht. Also werden auch wir wenigen Menschen, die den Krieg und das ungeheure Leid verabscheuen, noch vieles erdulden müssen." (15. Februar 1944) Ein Jahr später wurden seine Voraussagen in schrecklicher Weise bestätigt: "Alle Landstraßen sind voll von Trecks: unglückliche Menschen, welche ihr Heim und zugleich ihre Existenz verloren haben, um vielleicht niemals dahin zurückkehren zu können, woher sie kamen ... Die Nemesis, die Vergeltung für das furchtbare Verbrechen, welche das deutsche Volk an der Menschheit begangen hat, findet mit einer gerechten Sühne seinen Abschluss."

Diese Einträge, die Grencku in kyrillischer Schrift vornahm, um nicht entdeckt zu werden, werden durch zwei Extrembeispiele ergänzt: durch Briefe Hans Münchebergs, seit 1940 Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in Potsdam, der in jugendlicher Begeisterung auf den "Endsieg" wartet, an seine Mutter in Templin. Und in scharfem Kontrast dazu stehen die Briefe von KZ-Häftlingen, die in den letzten Kriegswochen quer durch Deutschland getrieben wurden, wie der des Rostocker Beamten Rudolf Sundermann, der am 21. Mai 1944 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen an seine Tochter schrieb.

Diese Sammlung authentischer Texte ist mitunter spannend wie ein Kriminalroman, besonders, wenn es sich um über Jahre fortlaufende Korrespondenzen oder Tagebucheinträge handelt, sodass man als neugieriger Leser bedauert, wenn ein Schreiber wie der Sozialdemokrat Ernst Grencku, der durch scharfe Analysen und bissige Kommentare auffiel, 1947 plötzlich verstummte: "Alle die Menschen, die sich heute so antifaschistisch gebärden, sind doch dieselben, welche noch vor kurzer Zeit voll und ganz nationalsozialistisch dachten und handelten, dieselben, welche meterlange Hitlerfahnen aus den Fenster hingen und in den Spendenlisten mit wahnsinnig hohen Beträgen verzeichnet waren. Die mich auf der Arbeitsstelle nur als ein böses Tier betrachteten und vielfach auch so behandelten. Sofern nicht alle diese sogenannten kleinen Nazis auch zur Rechenschaft gezogen werden, ist alle Hoffnung auf eine wirklich friedliche Entwicklung hier eine glatte Illusion." (9. September 1945) So war ihm in den beiden Nachkriegsjahren, die Grencku noch zu leben hatte, immer wieder aufgefallen, wie wenig die angeblich antifaschistische Sowjetmacht gegen die alten Nazis in seiner Umgebung unternahm.

Es war die von Hoffnung erfüllte Übergangszeit vom Ende der einen Diktatur bis zum Beginn der anderen. Überall herrschten Hunger und Hoffnungslosigkeit, geplündert wurde Tag und Nacht, Frauen und Mädchen wurden massenweise vergewaltigt, Männer wahllos verschleppt oder erschossen. Wo es keine Zeitungen mehr gab, mussten unsinnige Gerüchte aufkommen wie: Die Russen zögen sich hinter Oder und Neiße zurück und die Amerikaner rückten ein! Das Denken aus der NS-Zeit war selbst bei jungen Leuten, die den Krieg miterlebt hatten, noch stark ausgeprägt. So schrieb die 1925 geborene Hanneliese Henow am 17. Mai 1945 aus Senzig bei Königswusterhausen in ihr Tagebuch: "Außerdem muss man viele Stunden anstehen und sich von einem Dorfpolizisten, diesmal einem ehemaligen Zuchthäusler, fortjagen lassen, wenn man schon vor der Geschäftszeit ansteht." Dass es sich bei dem "ehemaligen Zuchthäusler" auch um einen politischen Häftling gehandelt haben könnte, kam ihr nicht in den Sinn.

Aber es gab auch Beispiele für das konfliktfreie Überwechseln in andere Ideologien: Die Brüder Klaus und Hans Müncheberg, 1927 und 1929 geboren, waren als überzeugte Nationalsozialisten 1945 noch im Kampfeinsatz für den "Endsieg" und wurden schwer verwundet. Das politische Umdenken erfolgte in den ersten Nachkriegswochen. Sie wurden Mitglieder der Freien Deutschen Jugend, machten Abitur, studierten und stiegen auf der Karriereleiter rasch nach oben. Von Anna Seghers gefördert schrieb Hans 1972/74 für die Erzählungen "Agathe Schweigert" (1965) und "Das Schilfrohr" (1965) die Drehbücher der DEFA-Verfilmungen und veröffentlichte nach dem Mauerfall seinen autobiografischen Roman "Gelobt sei, was hart macht" (1991/2002). Klaus Müncheberg wurde Wirtschaftsfunktionär und war seit 1959 Mitglied der Staatlichen Plankommission. Beide Brüder schrieben im Herbst 1947 begeisterte Briefe über ihr neues Leben als FDJ-Funktionäre.

Willy Lorenz wurde als Landwirt am 22. Juni 1945 aus Lebus am Ostufer der Oder vertrieben und ging nach Reitwein im Oderbruch, später nach Bückwitz nordwestlich von Berlin, von wo aus er 1948/49 die Flugzeuge der "Luftbrücke" sehen und hören konnte: "Die amerikanischen Flugzeuge für Berlin fliegen Tag und Nacht, um Berlin mit Lebensmitteln zu versorgen. In der Nacht fliegen sie über unsern Hof, von dem Lärm der Motoren werde ich oftmals wach." Bevor er 1956 nach Westdeutschland floh, konnte er noch einmal über die Oder in die alte Heimat schauen: "Von Tante Bertchen habe ich ein Fernglas mitgenommen und habe mir von einem hohen Berg neben dem Friedhof meine alte Heimat angesehen. Durch das Glas konnte ich über die Oder fast alle Gehöfte der Nachbarn erkennen und konnte auch ganz deutlich erkennen, dass dort schon Polen ansässig waren."



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