Beleuchteter Reichstag
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5.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Deutsche und Russen 1945

Die Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 ging einher mit Schrecken für zahlreiche Menschen im Osten Deutschlands, vor allem für die Frauen und Mädchen dort. Ein Blick auf neuere belletristische und wissenschaftliche Literatur dazu.

Hannelore Klar: Wir müssen weit gehen, liebes Kind. 8. Mai 1945 – eine Spurensuche, Görlitz: Viadukt 2009, 160 S., € 12,90, ISBN: 9783929872583.

Peter Böthig, Peter Walther (Hg.): Die Russen sind da. Kriegsalltag und Neubeginn 1945 in Tagebüchern aus Brandenburg, Berlin: Lukas 2011, 512 S., € 19,80, ISBN: 9783867320795.

Gabi Köpp: Warum war ich bloß ein Mädchen? Das Trauma einer Flucht 1945, München: Herbig 2010, 160 S., € 16,99, ISBN: 9783776626292.

Ingo von Münch: "Frau, komm!". Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45, Graz: Ares 2009, 208 S., € 19,90, ISBN: 9783902475787.

Ulrich Schacht: Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater, Berlin: Aufbau, 221 S., € 19,95, ISBN: 9783351027292.


Spätestens seit 2002 das umfangreiche Buch von Jörg Friedrich "Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945" erschien, werden auch die deutschen Opfer von Krieg und Nachkriegszeit verstärkt in die geschichtswissenschaftliche Forschung einzubezogen. Ein besonderes Kapitel dieser Geschichtsaufarbeitung betrifft die Deutschen unter sowjetrussischer Herrschaft während des Kriegsendes und in der Sowjetischen Besatzungszone 1945–1949, worüber Manfred Thiele die beiden, nur auf Thüringen bezogenen, eindrucksvollen, wiewohl kaum bekannt gewordenen Bücher "Vae victis. Mühlhausen unter sowjetischer Besatzungsdiktatur" (2004)[1] und "Flucht ohne Ende. Bürgerverluste der Stadt Mühlhausen von 1945–1961" (2006) geschrieben hat.

"Wir müssen weit gehen, liebes Kind"


Das Buch der Görlitzerin Hannelore Klar (geboren 1944) ist der lebenslangen Suche nach ihrem Vater Alfred Ulbrich gewidmet, der am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes, an einer Splitterverletzung in Kopenhagen gestorben ist und dort begraben liegt. Weder Mutter noch Tochter wollten in den Nachkriegsjahren diesen Tod wahrhaben, bis es der Tochter durch Täuschung der DDR-Behörden gelang, der Mutter zum 80. Geburtstag am 31. Juli 1986 eine Westreise nach Hamburg zu verschaffen, von wo sie an einer Busfahrt mit dem "Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge" nach Kopenhagen teilnehmen konnte. Das gleiche Husarenstück gelang der Tochter am 10. April 1987 noch einmal, obwohl DDR-Bürgern auf Westbesuch Reisen ins "kapitalistische Ausland" strikt verboten waren.

Im Vergleich zu den vier anderen Büchern ist das von Hannelore Klar noch das "harmloseste". Die Autorin erzählt frisch und frei von ihrem DDR-Leben 1949–1989, beispielsweise über ihre Arbeitskollegin Christa Mühle, die mit 17 Jahren nach Russland verschleppt worden war und, mutig genug, Jahrzehnte später dem Werber für den Eintritt in die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft in großer Runde Einzelheiten aus ihrem Lagerleben preisgab; oder über die Enteignung der Feinoptikfirma Hugo Meyer & Söhne. Die Nachkommen des Firmengründers waren in sowjetische Speziallager wie Sachsenhausen verschleppt worden und dort verhungert, wonach der Betrieb, in dem die Erzählerin arbeitete, leichter in "Volkseigentum" hatte überführt werden können.

Spuren ihres unbekannten Vaters hoffte sie überall dort zu finden, wo er sich während des Krieges aufgehalten hatte: im Lochstädter Wald auf der Frischen Nehrung in Ostpreußen, wo er 1945 verwundet worden war; im hessischen Bad Nauheim, wo er 1941 im Lazarett gelegen hat; auf der Halbinsel Hela bei Danzig, wo er als Verwundeter eingeschifft worden war, und im lettischen Windau, wo er als Soldat stationiert war. Wegweiser für ihre Reisen war ihr dabei der "gelbe Karton" mit Aufzeichnungen, Briefen und Fotos ihres Vaters.

"Die Russen sind da"


Böthig/Walther, Die Russen kommenBöthig/Walther, Die Russen kommen (© Lukas Verlag Berlin)
Der umfangreiche Sammelband mit Auszügen aus Aufzeichnungen und Briefen 1944–1949, der unter dem Titel "Die Russen sind da" von den beiden Germanisten Peter Böthig und Peter Walther erarbeitet wurde, ist von anderem Zuschnitt. Man fragt sich, warum in den 66 Jahren nach Kriegsende oder zumindest in den 22 Jahren seit dem Mauerfall noch niemand nach derart unschätzbaren Zeugnissen über "Kriegsalltag und Neubeginn 1945" (Untertitel) gesucht hat, und man wundert sich, dass nach so langer Zeit überhaupt noch solche Texte auffindbar waren. Insofern ist dieses Buch, dem ähnliche über Sachsen und Thüringen folgen sollten, ein einzigartiger Glücksfall und ein Meisterwerk dazu! Das Geleitwort stammt von dem Schriftsteller Günter de Bruyn (1926), der nach 1989 auch in Westdeutschland mit seinen autobiografischen Büchern "Zwischenbilanz" (1992) und "Vierzig Jahre" (1996) bekannt wurde.

In der klugen Einleitung sprechen die beiden Herausgeber, die die ca. 120 Briefsammlungen und Tagebücher ausgewertet haben, von der berechtigten Angst der Deutschen, den Soldaten der Roten Armee und später der Besatzungsmacht hilflos ausgeliefert zu sein: "In manchen Fällen endete (die Begegnung) mit überraschenden Akten von Hilfsbereitschaft. Häufiger aber war sie mit Plünderungen, Misshandlung, Verhaftung, Verschleppung, zuweilen auch mit der Auslöschung ganzer Familien verbunden. Mädchen und Frauen wurden, wenn es ihnen nicht immer wieder neu gelang, sich zu verstecken, regelmäßig Opfer von Vergewaltigungen."

Die Fülle der Texte ist in drei Abschnitte gegliedert, vielleicht etwas überzogen, nach musikwissenschaftlichen Kriterien "Präludium", "Cantus firmus" und "Coda" benannt, deren erster auf den 15. Februar 1944 datiert ist und deren letzter auf den 6. Oktober 1949, einen Tag vor der Gründung der DDR. Anerkennenswert ist, dass das jenseits von Oder und Lausitzer Neiße liegende Ost-Brandenburg, immerhin ein Drittel der einst preußischen Provinz, einbezogen wurde. So findet man Texte aus Landsberg an der Warthe, dem Geburtsort der Schriftstellerin Christa Wolf, aus Lebus an der Oder und aus Woldenburg/Neumark.

Das Nachwort stammt von Alexander Gauland, der leider nirgendwo vorgestellt wird und der vermutlich, wenn überhaupt, nur Brandenburgern als einstiger Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" in Potsdam bekannt sein dürfte. Der Band schließt mit Anmerkungen, Verfasserbiografien und Literaturhinweisen.

Am ergiebigsten für den Historiker sind die Aufzeichnungen, die einen längeren Zeitraum umfassten wie die des Buchdruckers Ernst Grencku (1882–1947) aus Seddin bei Potsdam. Er war das Kind einer noch vor dem Ersten Weltkrieg aus Polen nach Berlin eingewanderten Familie und sah den Untergang des "Dritten Reiches" aus kritisch-distanzierter Position: "Die deutsche Bestie beißt noch um sich, sie ist angeschlagen, aber noch lange nicht kampfunfähig. Sicher ist ein großer Teil kriegsmüde, aber nur deswegen, weil ihnen die Mühen und Entbehrungen langsam auf die Nerven gehen. Keiner sieht das grenzenlose Unrecht ein, welches dieses deutsche Räubervolk begangen hat und weiter begeht. Also werden auch wir wenigen Menschen, die den Krieg und das ungeheure Leid verabscheuen, noch vieles erdulden müssen." (15. Februar 1944) Ein Jahr später wurden seine Voraussagen in schrecklicher Weise bestätigt: "Alle Landstraßen sind voll von Trecks: unglückliche Menschen, welche ihr Heim und zugleich ihre Existenz verloren haben, um vielleicht niemals dahin zurückkehren zu können, woher sie kamen ... Die Nemesis, die Vergeltung für das furchtbare Verbrechen, welche das deutsche Volk an der Menschheit begangen hat, findet mit einer gerechten Sühne seinen Abschluss."

Diese Einträge, die Grencku in kyrillischer Schrift vornahm, um nicht entdeckt zu werden, werden durch zwei Extrembeispiele ergänzt: durch Briefe Hans Münchebergs, seit 1940 Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in Potsdam, der in jugendlicher Begeisterung auf den "Endsieg" wartet, an seine Mutter in Templin. Und in scharfem Kontrast dazu stehen die Briefe von KZ-Häftlingen, die in den letzten Kriegswochen quer durch Deutschland getrieben wurden, wie der des Rostocker Beamten Rudolf Sundermann, der am 21. Mai 1944 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen an seine Tochter schrieb.

Diese Sammlung authentischer Texte ist mitunter spannend wie ein Kriminalroman, besonders, wenn es sich um über Jahre fortlaufende Korrespondenzen oder Tagebucheinträge handelt, sodass man als neugieriger Leser bedauert, wenn ein Schreiber wie der Sozialdemokrat Ernst Grencku, der durch scharfe Analysen und bissige Kommentare auffiel, 1947 plötzlich verstummte: "Alle die Menschen, die sich heute so antifaschistisch gebärden, sind doch dieselben, welche noch vor kurzer Zeit voll und ganz nationalsozialistisch dachten und handelten, dieselben, welche meterlange Hitlerfahnen aus den Fenster hingen und in den Spendenlisten mit wahnsinnig hohen Beträgen verzeichnet waren. Die mich auf der Arbeitsstelle nur als ein böses Tier betrachteten und vielfach auch so behandelten. Sofern nicht alle diese sogenannten kleinen Nazis auch zur Rechenschaft gezogen werden, ist alle Hoffnung auf eine wirklich friedliche Entwicklung hier eine glatte Illusion." (9. September 1945) So war ihm in den beiden Nachkriegsjahren, die Grencku noch zu leben hatte, immer wieder aufgefallen, wie wenig die angeblich antifaschistische Sowjetmacht gegen die alten Nazis in seiner Umgebung unternahm.

Es war die von Hoffnung erfüllte Übergangszeit vom Ende der einen Diktatur bis zum Beginn der anderen. Überall herrschten Hunger und Hoffnungslosigkeit, geplündert wurde Tag und Nacht, Frauen und Mädchen wurden massenweise vergewaltigt, Männer wahllos verschleppt oder erschossen. Wo es keine Zeitungen mehr gab, mussten unsinnige Gerüchte aufkommen wie: Die Russen zögen sich hinter Oder und Neiße zurück und die Amerikaner rückten ein! Das Denken aus der NS-Zeit war selbst bei jungen Leuten, die den Krieg miterlebt hatten, noch stark ausgeprägt. So schrieb die 1925 geborene Hanneliese Henow am 17. Mai 1945 aus Senzig bei Königswusterhausen in ihr Tagebuch: "Außerdem muss man viele Stunden anstehen und sich von einem Dorfpolizisten, diesmal einem ehemaligen Zuchthäusler, fortjagen lassen, wenn man schon vor der Geschäftszeit ansteht." Dass es sich bei dem "ehemaligen Zuchthäusler" auch um einen politischen Häftling gehandelt haben könnte, kam ihr nicht in den Sinn.

Aber es gab auch Beispiele für das konfliktfreie Überwechseln in andere Ideologien: Die Brüder Klaus und Hans Müncheberg, 1927 und 1929 geboren, waren als überzeugte Nationalsozialisten 1945 noch im Kampfeinsatz für den "Endsieg" und wurden schwer verwundet. Das politische Umdenken erfolgte in den ersten Nachkriegswochen. Sie wurden Mitglieder der Freien Deutschen Jugend, machten Abitur, studierten und stiegen auf der Karriereleiter rasch nach oben. Von Anna Seghers gefördert schrieb Hans 1972/74 für die Erzählungen "Agathe Schweigert" (1965) und "Das Schilfrohr" (1965) die Drehbücher der DEFA-Verfilmungen und veröffentlichte nach dem Mauerfall seinen autobiografischen Roman "Gelobt sei, was hart macht" (1991/2002). Klaus Müncheberg wurde Wirtschaftsfunktionär und war seit 1959 Mitglied der Staatlichen Plankommission. Beide Brüder schrieben im Herbst 1947 begeisterte Briefe über ihr neues Leben als FDJ-Funktionäre.

Willy Lorenz wurde als Landwirt am 22. Juni 1945 aus Lebus am Ostufer der Oder vertrieben und ging nach Reitwein im Oderbruch, später nach Bückwitz nordwestlich von Berlin, von wo aus er 1948/49 die Flugzeuge der "Luftbrücke" sehen und hören konnte: "Die amerikanischen Flugzeuge für Berlin fliegen Tag und Nacht, um Berlin mit Lebensmitteln zu versorgen. In der Nacht fliegen sie über unsern Hof, von dem Lärm der Motoren werde ich oftmals wach." Bevor er 1956 nach Westdeutschland floh, konnte er noch einmal über die Oder in die alte Heimat schauen: "Von Tante Bertchen habe ich ein Fernglas mitgenommen und habe mir von einem hohen Berg neben dem Friedhof meine alte Heimat angesehen. Durch das Glas konnte ich über die Oder fast alle Gehöfte der Nachbarn erkennen und konnte auch ganz deutlich erkennen, dass dort schon Polen ansässig waren."

"Warum war ich nur ein Mädchen?"


Köpp, Warum war ich bloß ein MädchenKöpp, Warum war ich bloß ein Mädchen (© Herbig Verlag München)
Gabi Köpp stammt aus Schneidemühl in Pommern. Sie geriet bei der Flucht mit ihrer Schwester am 26. Januar 1945 zwischen die Fronten. Während die Schwester bei einem Tieffliegerangriff umkam, konnte sie sich mit anderen Flüchtlingen in ein Gehöft retten, wo sie, gerade 15 Jahre alt, mehrere Tage und Nächte von Rotarmisten vergewaltigt wurde. Nachdem sie ihre Verwandten in Hamburg gefunden hatte, versuchte sie, 1946 ihre Fluchterlebnisse aufzuschreiben, was sie aber wegen der Alpträume, die sie nachts heimsuchten, wieder aufgeben musste. Diese frühen Aufzeichnungen liegen heute als Leihgabe im Bonner Haus der Geschichte. Erst 1992 erschien in Aachen, wo Köpp eine Professur für Theoretische Physik innehatte, die Vorfassung ihres Buches unter dem Titel "Meine Geschichte. Bericht über eine 1945 erlebte Flucht aus der Grenzmark Posen-Westpreußen". Unter dem Eindruck des 60. Jahrestags der Befreiung Auschwitz' 2005 schrieb sie ihr Buch noch einmal, das dann 2010, im Jahr ihres Todes, unter dem Titel "Warum war ich bloß ein Mädchen? Das Trauma einer Flucht 1945" erschien. Köpp war, 65 Jahre nach Kriegsende, die erste Betroffene, die das Schweigen brach und unter ihrem vollen Namen über die an ihre begangenen Vergewaltigungen schrieb. Über dieses Thema sprach man nicht, selbst die Aufzeichnungen "Eine Frau in Berlin" (2003), die erfolgreich verfilmt wurden, erschienen anonym.

"Frau, komm!"


Münch, "Frau komm!"Münch, "Frau komm!" (© Ares Verlag Graz)
Auch Ingo von Münch, Hamburger Emeritus für Staats- und Völkerrecht, beruft sich im Vorwort wie in seiner umfangreichen Literaturliste auf Gabi Köpps autobiografisches Buch. An seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung der "Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45" (Untertitel), die als Pioniertat anzusehen ist, fällt auf, dass sie von keinem Historiker, sondern von einem Juristen geleistet wurde. Das Thema wird, so hat es den Anschein, von deutschen Historikern noch immer gemieden! Selbst der Verfasser wurde, wie er im Vorwort bemerkt, immer wieder gefragt, warum er denn ein solches Buch schriebe. Allein schon die Einleitung bietet dem Leser eine solche Fülle von Zitaten aus Erlebnisberichten und Sekundärliteratur, die erkennen lassen, dass diese ungeheuren Verbrechen, die an Hunderttausenden deutscher, aber auch polnischer, slowakischer, rumänischer, tschechischer Frauen verübt wurden, durchaus bekannt waren.

Münchs Buch ist klar und übersichtlich in zehn Kapitel gegliedert und umkreist alle Aspekte des Geschehens. So ist ein Kapitel dem Verhalten sowjetrussischer Offiziere gewidmet, die oft nicht einschritten, wo sie hätten einschreiten müssen, ein weiteres den Kindern, die, wenn sie Mädchen waren, selbst vergewaltigt werden konnten oder mit ansehen mussten, was ihren Müttern angetan wurde, ohne es zu verstehen. Die Gewährsmänner, auf die sich der Verfasser beruft, sind ehrbare und unbestechliche Leute wie der Schriftsteller Walter Kempowski, der in seiner Dokumentation "Echolot" (1999–2005) mehrmals das Thema aufgreift, wie die deutsch-amerikanische Journalistin Margret Boveri[2], der aus Pommern stammende Schriftsteller Christian von Krockow und wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler, der 2005 in einem Interview äußerte: "Massenvergewaltigungen in Ostdeutschland: Sechzig Jahre danach kann und soll die Beschäftigung damit nicht aufgehalten werden."

"Vereister Sommer"


Schacht, Vereister SommerSchacht, Vereister Sommer (© Aufbau Verlag Berlin)
Der aus Wismar stammende Schriftsteller Ulrich Schacht, 1976 aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden freigekauft und nach Hamburg ausgebürgert, wurde zunächst mit den beiden Gedichtbänden "Traumgefahr" (1981) und "Scherbenspur" (1983) bekannt, ehe er sich mit den sechs Erzählungen "Brandenburgische Konzerte" (1989) der Prosa zuwandte. Öffentliches Aufsehen erregten aber die "Hohenecker Protokolle" (1984), worin er die Schicksale von elf weiblichen Häftlingen im Zuchthaus zu Stollberg im Erzgebirge nacherzählte. Dort in Stollberg ist Ulrich Schacht, der am 9. März seinen 60. Geburtstag feiern konnte, auch geboren. Nach Bäckerlehre und Abitur studierte er Theologie und wurde 1973 wegen kritischer Gedichte, die als "staatsfeindliche Hetze" eingestuft wurden, zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. In Bonn und Hamburg arbeitete Schacht als Redakteur bei "Welt" und "Welt am Sonntag" und wanderte 1998 nach Schweden aus, weil das 1990 wiedervereinigte Deutschland für ihn nicht mehr die "Republik des Grundgesetzes" war.

Seine Mutter Wendelgard Schacht war 1950 zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden, musste aber die Haftstrafe nicht vollends absitzen, sondern wurde, im Vorfeld der Berliner Außenministerkonferenz 1954, entlassen. Diese biografischen Daten sind freilich nur das Gerüst für eine unerhört bilderreich geschriebene Suche, die der Autor nach seinem in Russland verschollenen Vater unternommen hat, den er nur aus Erzählungen seiner Mutter kennt, den er aber ein Leben lang vermisst hat und den er schließlich, selbst schon 48 Jahre alt, im Dorf Schalikowo, zwischen Moskau und Smolensk gelegen, findet. Es ist der 4. April 1999, als die Geschichte mit dem Satz anhebt: "Ein Mann geht durch den Schnee." Dieser Mann geht zögernden Schritts über die winterlich vereiste und von Birken umsäumte Dorfstraße auf einen anderen Mann zu, der vor seiner Datscha auf ihn wartet und der sein Vater ist.

Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Wladimir Jegorowitsch Feodotow als Leutnant der Roten Armee in Wismar stationiert war und bei einem Tanzvergnügen 1949 Wendelgard Schacht kennenlernte, die im Sommer 1950 von ihm schwanger wurde. Am 14./15. August 1950 wurde diese junge, kaum ausgelebte Liebe jäh zerstört, als zunächst Wladimir und am Tag darauf Wendelgard vom sowjetrussischen Geheimdienst verhaftet wurden. Vier Wochen später gab sie bei einer Gegenüberstellung mit ihrem russischen Geliebten zu, mit ihm nach Westdeutschland hätte fliehen zu wollen. Am 18. November 1950 wurde sie von einem Sowjetischen Militärtribunal, ohne Rechtsbeistand und Entlastungszeugen, wegen "Landeshochverrats" verurteilt. Sie wurde aber nicht, wie sie befürchtet hatte, in die Sowjetunion verschleppt, sondern kam ins Frauenzuchthaus Hoheneck. Hier brachte sie am 9. März 1951 ihren Sohn Ulrich zur Welt, der ihr am 6. Juni weggenommen und in ein Kinderheim der "Volkspolizei" nach Leipzig verbracht wurde, bevor seine Großmutter ihn bei sich aufnehmen und wenig später bei einer Pflegefamilie unterbringen konnte.

Der Tag, an dem Ulrich Schacht mit seinem russischen Halbbruder Slavik durch Eis und Schnee auf seinen Vater zugeht, ist der 4. April 1999, ein magisches Datum, das wie ein roter Faden durch den autobiografischen Text läuft. Von hier aus werden die drei Handlungsstränge aufgefächert und miteinander verschränkt: Das Leben des Vaters, der damals, am 26. Oktober 1950, ins sibirische Tschita strafversetzt wurde, später heiratete und zwei weitere Söhne zeugte; das Schicksal der Mutter, die am 22. Januar 1954 aus Hoheneck entlassen wurde, Arbeit fand als Sekretärin in einer Wismarer Werft und 1979 nach Hamburg übersiedelte, wo sie heute in einem Seniorenheim lebt; und die Lebensgeschichte des Dissidenten und unerbittlichen Demokraten Ulrich Schacht selbst. Auch der 22. Januar 1954, der Entlassungstag der Mutter, ist ein solches Datum, das für die Textstruktur wichtig ist. Da fuhr sie von Chemnitz über Leipzig, Magdeburg und Schwerin nach Wismar. Im inneren Monolog während der langen Bahnfahrt der plötzlich Freigelassenen, die nichts verbrochen hatte, erfährt der Leser Unglaubliches aus DDR-Zuchthäusern. Dieser Textstrang wirkt unerhört verdichtet, weil die Erinnerung der Mutter noch nach Jahrzehnten klar und unwiderlegbar ist und weil der Sohn unablässig nachfragte.

Mehrere Passagen gibt es in diesem Buch, die den Leser sehr anrühren. Eine davon ist das Schicksal der drei Jahre älteren Schwester Dolores, die vor ihrem Krebstod 1976 dem Bruder noch einen Brief ins Zuchthaus schrieb; die zweite ist die Begegnung mit Heinrich Böll auf dem Schriftstellertreffen 1984 in Saarbrücken, wo linke Verharmloser kommunistischer Verbrechen die Szene beherrschten und wo der Kölner Schriftsteller schützend seinen Arm auf Ulrich Schachts Schulter legte; und die dritte ist die nächtliche Umrundung der Lubjanka, wo bis 1989 Tausende von "Staatsfeinden" eingekerkert waren, im Moskauer Zentrum, die der Verfasser mitten in der Nacht unternahm: ein archaisches Ritual, um das Böse zu bannen! Erstaunt erfährt man, dass für ihn jeden Sonntag in zwei Wismarer Kirchen von mutigen Pfarrern Fürbitten gesprochen wurden, "unserem gefangenen Bruder Ulrich Schacht" zu helfen. Als krudes Gegenstück dazu wirkt die Begegnung mit seinem Richter 17 Jahre nach der Verurteilung in Schwerin. Das Gespräch fand in einer Kleingartenanlage statt und wurde per Richtmikrofon mitgeschnitten: Die Druckfassung von 18 Seiten zeigt die vor Angst schlotternde Gestalt eines ehemals sozialistischen "Rechtspflegers".

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Fußnoten

1.
Rezensiert in: DA 38 (2005) 2, S. 370.
2.
Vgl. Margret Boveri, Tage des Überlebens. Berlin 1945, Berlin 2004; rezensiert in: DA 38 (2005) 2, S. 330f.

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