Beleuchteter Reichstag

30.3.2011 | Von:
Heidrun Budde

Vopo – Beruf für Auserwählte

Der "gläserne" Bewerber


Propagandabild des Innenministeriums der DDR.Propagandabild des Innenministeriums der DDR. (© Bundesarchiv, DO 1 Bild-F006387-05 / Fotograf: Henry Hermann)
Die Einstellungsordnung des Innenministers zeigt deutlich auf, dass alles aus dem Leben des Bewerbers, insbesondere seine politische Zuverlässigkeit und die seiner eigenen und auch angeheirateten Verwandten gründlich zu hinterfragen war. Neben den üblichen Unterlagen, wie Personalbogen, Lebenslauf, Abschlusszeugnisse usw., waren bei der Erarbeitung des Einstellungsvorganges Aussagen über die "[s]oziale und politische Herkunft, politische Aktivität des Bewerbers, des Ehepartners bzw. der (des) Verlobten, der Kinder, der Eltern, der Geschwister, der Schwiegereltern und der Geschwister des Ehepartners" herauszuarbeiten. Dazu hatten die Leiter bzw. Vorgesetzten der DVP, für dessen Bereich die Einstellung vorgesehen war, so genannte "Ermittlungsberichte über den Bewerber" zu fertigen. In der Einstellungsordnung ist zum Inhalt dieser Berichte zu lesen:

"Der Ermittlungsbericht hat umfassend und konkret Auskunft über die Persönlichkeit des Bewerbers zu geben, insbesondere über
- soziale Herkunft, politische Haltung und Einfluß der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten,
- schulische und berufliche Entwicklung, Einstellung zur Arbeit und zum Kollektiv,
- politische Entwicklung, in welchen Funktionen bewährt, gesellschaftliche Aktivität,
- die Treue und Ergebenheit zur Arbeiter-und-Bauern-Macht,
- das Familienleben,
- Freizeitgestaltung, besondere Interessen,
- Verhalten im Wohngebiet, Einschätzung der Personen, mit denen der Bewerber besonders engen Umgang hat,
- den abgeleisteten Wehrdienst, Dienststellungen und Dienstgrad,
- briefliche oder persönliche Verbindungen zu Personen bzw. Einrichtungen in der BRD, anderen nichtsozialistischen Staaten und Westberlin (direkte oder über dritte Personen),
- Kontakte der im gleichen Haushalt lebenden Personen zu Personen bzw. Einrichtungen in der BRD, anderen nichtsozialistischen Staaten und Westberlin,
- Kontakte zu Personen, die Verbindungen zur BRD, anderen nichtsozialistischen Staaten und Westberlin haben,
- Reisen oder Aufenthalt in der BRD, anderen nichtsozialistischen Staaten und Westberlin,
- Inhalt und Charakter der Verbindungen zu den in der Verwandtenaufstellung erfaßten Personen,
  • die Verbindungen in nichtsozialistische Staaten und nach Westberlin unterhalten
  • die straffällig geworden sind
  • die nazistischen Einheiten bis 1945 angehörten,
  • die Einstellung der Eltern, Geschwister, Schwiegereltern, Ehepartner, Geschwister des Ehepartners, Verlobte und Kinder zur DDR sowie ihre gesellschaftliche Aktivität.
Noch vorhandene Widersprüche, Unklarheiten und Lücken sind durch weitere Prüfungshandlungen zu klären."

Die Ermittlungen gingen heimlich bis tief in die angeblich geschützte Privatsphäre des Bewerbers, ohne dass dieser vorher gefragt wurde. Es war geradezu das erklärte Ziel, in jeden "Winkel" des Familienlebens zu schauen. So wurde Verfassungsrecht[3] ganz bewusst konterkariert.

Die Aufnahme in den Polizeiberuf war vom Geschwätz unbekannter Personen abhängig, denn wer im Kollegen-, Nachbarschafts- oder Freundeskreis zum "Familienleben", "Verhalten im Wohngebiet" oder zur "Treue und Ergebenheit zur Arbeiter-und-Bauern-Macht" hinter vorgehaltener Hand befragt wurde, ist völlig offen. Tatsache ist, dass eine negative heimliche "Beurteilung" den Zugang zu diesem Beruf verhindern konnte, ohne dass dem Bewerber selbst diese Informationen zur Kenntnis gelangten und ohne jeden Rechtsschutz.

Ergänzend zu diesem "Ermittlungsbericht" der Polizei, waren eine "Beurteilung durch die Partei bzw. Massenorganisationen" und eine "Beurteilung durch die Arbeitsstelle" einzuholen.


Fußnoten

3.
Vgl. DDR-Verfassung v. 7.10.1974, Art. 19 (2): "Achtung und Schutz der Würde und Freiheit der Persönlichkeit sind Gebot für alle staatlichen Organe, alle gesellschaftlichen Kräfte und jeden einzelnen Bürger."

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