Beleuchteter Reichstag

30.3.2011 | Von:
Marcus Sonntag

DDR-Arbeitslager – Orte der Schaffung eines "neuen Menschen"

I. Gefangenenakten als Quelle


Gefangenenakten sind aus allen Jahrzehnten der Existenz der DDR überliefert. Teilweise wurden sie jedoch vor ihrer Archivierung sehr stark ausgedünnt. So enthalten die Akten der Lager Sollstedt und Pöthen aus den späten Fünfzigerjahren kaum mehr als Aufnahme- und Abgangsbogen, Arbeitskarte, Arbeitsbescheinigung und Gesundheitskarte eines Gefangenen.[7] Das Verzeichnis der wichtigsten Schriftstücke auf dem Umschlag einer Akte gibt aber noch Auskunft darüber, welche Unterlagen sie einmal enthielten.[8] Dazu zählen neben den bereits erwähnten Haftbefehl, Aufnahmeersuchen, Urteil, Fragebogen, Wertsachenverzeichnis, Sprecherlaubnis für Angehörige, Sondersprechgenehmigung, Vorführungsersuchen, Strafmaß, Quittung für die Abgabe eines Personalausweises, Entlassungsschein sowie verschiedene andere, nicht näher bezeichnete Formblätter, die nur mit ihrer vollzugsinternen Abkürzung angeführt werden. Mithilfe des vorhandenen Materials ist beispielsweise nachvollziehbar, dass die meisten Gefangenen bei gesundheitlichen Beschwerden tatsächlich einem Arzt vorgestellt wurden. Oft handelte es sich dabei sogar um den Betriebsarzt, der dann über das weitere Vorgehen entschied.[9] Außerdem kontrollierte der zuständige Staatsanwalt die Streichung von Strafnachlass, die aus disziplinarischen Gründen vorgenommen werden konnte. Das beweist seine Unterschrift auf den Arbeitskarten. Auffallend vielen Gefangenen wurden pauschale 100 Mark Entlassungsgeld ausgezahlt, obwohl aufgrund von Haftdauer und Arbeitsleistung unterschiedliche Beträge die Regel hätten sein müssen.

Haftarbeitslager Oelsnitz beim Gottes-Hilfe-Schacht um 1955.Haftarbeitslager Oelsnitz beim Gottes-Hilfe-Schacht um 1955. (© Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge)
Ebenso können aus den nicht mehr vorhandenen Unterlagen Folgerungen gezogen werden. So waren die meisten Gefangenen in diesen Jahren zu kurz in den beiden genannten Lagern, um mit ihnen ein Erziehungsprogramm festzulegen und durchzuführen. Viele waren "Kurzstrafer" und arbeiteten zudem Tage ein, sodass sie das Lager oft bereits nach einigen Monaten wieder verließen. In den Inhaltsverzeichnissen der Akten finden sich daher keine Hinweise auf die Existenz von Erziehungsprogrammen oder gar Protokolle von Erziehungsgesprächen. Ehemalige Inhaftierte berichten davon, dass in den Fünfzigerjahren ohnehin keine Erziehungsgespräche oder ähnliches stattfanden.[10] Die Häftlinge sollten vor allem eines: arbeiten für den "Aufbau des Sozialismus". Das änderte sich erst im Laufe der Sechzigerjahre, wie andere Dokumente belegen.[11]

Auch die Gefangenenakten aus den Siebzigerjahren sind stark ausgedünnt worden,[12] doch erlauben die noch vorhandenen Materialien Annahmen über die Entwicklung der Umerziehungsbemühungen in den Lagern. Diese waren differenzierter geworden. Die Vollzugsakten enthielten nunmehr den Aufnahmebogen mit allgemeinen Angaben zur Person sowie den Entlassungsschein einschließlich der Angabe über das gezahlte Entlassungsgeld bzw. Eigengeld. Des Weiteren umfassten sie einen Nachweis über in der Haft erworbene berufliche Qualifikationen: eine Maßnahme zur Stärkung der Erziehungsbemühungen. Zudem fanden sich eine Arbeitskarte, ein "Aufnahmeuntersuchungs- und Arbeitsfähigkeitsbefund", eine ärztliche Behandlungskarte, die Unfallmeldungen des Betriebes sowie Temperaturkurve und Wiegekarte in den Akten. Letztere geben Aufschluss darüber, dass einige Inhaftierte während der Haft sogar zunahmen – sie erhielten in den Arbeitslagern meist das gleiche Werkküchenessen wie die anderen Betriebsangehörigen.[13]

Spätestens in den Achtzigerjahren hatten die Gefangenenakten einen Umfang erreicht, der auf ernsthafte Versuche individueller Einflussnahme schließen lässt.[14] Für die Strafvollzugseinrichtung Unterwellenborn, einem Arbeitslager bei der Maxhütte, sind die Unterlagen für alle Entlassungsjahrgänge dieses Jahrzehnts vollständig erhalten. Man findet Aufnahmebogen, Haftbefehl, Urteil, Unterlagen aus der Untersuchungshaft, Auszug aus dem Strafregister, Krankentransportscheine, Tätowierungsbogen, Behandlungskarte, Geldforderungen verschiedener Stellen sowie Nachweise über geschriebene und empfangene Briefe. Für die Fragestellung wichtig sind Erziehungs- und Führungsberichte, manchmal auch ein ganzes Erziehungsprogramm, ein Formular zum Aufnahmegespräch mit dem Gefangenen, Nachweise über Disziplinarmaßnahmen und Prämierungen sowie über Beschwerden der Gefangenen. Die Erzieher legten eine Entwicklungsübersicht (eine Einschätzung des Gefangenen über einen längeren Zeitraum) an sowie Nachweise über die Teilnahme an Veranstaltungen der politisch-kulturellen Erziehung und der beruflichen Weiterqualifizierung. In einigen Akten stößt man zudem auf ein Formular zur Einschätzung eines Gefangenen durch Betriebsangehörige.[15]

Insgesamt ist damit die Überlieferung in den Gefangenenakten insbesondere aus den Achtzigerjahren gut geeignet, um Theorie und Praxis der Erziehung in den Arbeitslagern der DDR einander gegenüberzustellen. Allerdings müssen stets weitere Materialien hinzugezogen und dürfen die Einschätzungen der Vollzugsangehörigen in den Akten nicht für bare Münze genommen werden. Man kann an den vorhandenen Unterlagen gleichwohl nachvollziehen, wie Angehörige des Strafvollzugs (SV) versuchten, die Erziehungsvorgaben ihrer Behörde umzusetzen. Dabei handelten einige schematisch, andere engagiert und durchaus mit Menschenkenntnis. Die Aufzeichnungen erlauben Rückschlüsse auf die Praktiken des Erziehens, damit verbunden des Bewertens und Einordnens von Menschen in die von der Vollzugsverwaltung erstellten Kategorien. Oft widerspiegeln sie insbesondere das, was falsch lief. Sie können nicht erklären, wie die zu Erziehenden dachten, inwieweit sie sich beeinflussen ließen. Ein Gefangener konnte seinen Erzieher täuschen, indem er falsche Tatsachen, andere Überzeugungen vorspielte. Insbesondere persönliche Briefe, die die Erzieher öffneten und auswerteten, legten viel eher offen, "wes Geistes Kind" ein Gefangener war. Die schriftlichen Hinterlassenschaften der Erzieher und des SV-Personals geben nur sehr begrenzt Aufschluss über mögliche Erziehungserfolge, aber sie gewähren tiefe Einblicke in die Arbeit des "Organs Strafvollzug".


Fußnoten

7.
Thüringisches Hauptsstaatsarchiv Weimar (ThHStAW), HAL Sollstedt, Gefangenenakten, HAL Pöthen, Gefangenenakten.
8.
Siehe exempl. Gefangenenakte F. T. u. K. T., Entlassungsjahrgang (EJ) 1958, ThHStAW, HAL Sollstedt Gefangenenakten Nr. 23 u. 24.
9.
Gefangenenakte H. D., EJ 1960, ThHStAW, HAL Sollstedt Gefangenenakten Nr. 52.
10.
Gespräch d. Vf. m. Klaus M., inhaftiert in Sollstedt 1959/60, 2.3.2007.
11.
Als Grund hierfür ist vor allem der Staatsratserlass über die Rechtspflege von 1963 anzuführen, der die erzieherischen Zielsetzungen des Strafvollzuges wieder stärker betonte: Erlass des Staatsrates der DDR über die grundsätzlichen Aufgaben und die Arbeitsweise der Rechtspflege v. 4.4.1963, dok.: Herbert Kern/Hans-Joachim Semler (Hg.), Rechtspflege – Sache des ganzen Volkes. Leitfaden zum Rechtspflegeerlass, 2. Aufl., Berlin (O.) 1964.
12.
Siehe Archiv der JVA Hohenleuben, Gefangenenakten der ehem. Strafvollzugseinrichtung (StVE) Unterwellenborn aus den EJ 1971–1990.
13.
Siehe exempl. Gefangenenakte H. B., EJ 1972, Archiv der JVA Hohenleuben, Gefangenenakten der ehem. StVE Unterwellenborn.
14.
Die Gefangenenakten setzten sich spätestens in den Achtzigerjahren zusammen aus Vollzugsakte, Erziehungsunterlagen und Gesundheitsakte: Wolfgang Faber u.a., Schlag nach für Strafvollzugsangehörige, Berlin (O.) 1980, S. 204.
15.
Siehe exempl. Gefangenenakte U. W., EJ 1981, Archiv der JVA Hohenleuben, Gefangenenakten der ehem. StVE Unterwellenborn.

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