Beleuchteter Reichstag

14.4.2011 | Von:
Hermann Weber

Die SED und der Titoismus

Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag

Feldzug gegen den "Titoismus"


Der Bruch zwischen Stalin und Tito im Sommer 1948 trieb die Stalinisierung in der SED voran, womit der Kampf gegen "Parteifeinde", in den Mittelpunkt rückte. Als der Konflikt am 27. Juni mit der Resolution des "Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien" (Kominform) gegen die KP Jugoslawien öffentlich wurde, stellte sich das Zentralsekretariat der SED bereits am 3. Juli uneingeschränkt hinter Stalin und verurteilte die "Fehler" der KP Jugoslawiens.

Den offiziellen Startschuss für die Verfolgung jeder Opposition gab der SED-Parteivorstand am 29. Juli 1948 mit dem Beschluss über die "Säuberung der Partei von feindlichen und entarteten Elementen". Damit war die Stalinisierung der SED in vollem Gange.

Als Zeitzeuge habe ich über diese Vorgänge genauer berichtet.[7] Die Wende zur rabiaten Einschätzung von Abweichungen wurde uns Parteihochschülern bereits am 6. Juli 1948 in einer Vorlesung deutlich, dort hörten wir erstmals von "Schädlingsprozessen" in der UdSSR. Mit "Schädlingen" und deren "Liquidierung" waren aber weder Kartoffelkäfer noch Ratten und deren Bekämpfung gemeint, sondern Abweichler, die in den Moskauer Säuberungen ermordet worden waren. Der Stalinsche Kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU gab einen entsprechenden Jargon gegen Abweichler vor. Im September 1948 wurde dieses Buch (das Nikita Chruschtschow 1956 dann als Machwerk verwarf) zur Richtschnur der Parteischulung und zur Pflichtlektüre.[8]

Alsbald rückten die Titoisten ins Zentrum der Angriffe und Repressionen. In der SBZ/DDR (wie der westdeutschen KPD) war der "Kampf gegen Titoismus" ab 1948 selbstverständlich eingeordnet in die Auseinandersetzungen zwischen Tito und Stalin. Damit wurde das Kominform[9] maßgeblich für die SED. Sie gehörte dem im September 1947 gegründeten und von der Sowjetunion gelenkten Zusammenschluss von neun kommunistischen Parteien zwar zunächst nicht an, aber dessen Organ "Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie" wurde ab 1948 für ihre Funktionäre auch in deutscher Sprache verbreitet.

Bereits im Sommer 1948 veröffentlichte die SED eine Broschüre gegen die "Entartung" der "jugoslawischen Parteiführung" (das Vorwort Wilhelm Piecks ist vom 22. August datiert).[10] Abgedruckt waren darin das Kommuniqué des Kominform gegen Tito, die Entschließung des SED-Zentralsekretariats, dazu auch Zustimmungen von führenden Kommunisten, unter anderem aus Frankreich und Rumänien, sowie Artikel aus der Zeitschrift "Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie". Pieck schrieb im Vorwort, Tito und andere hätten "den Boden des Marxismus-Leninismus verlassen, haben eine nationalistische, antisowjetische und antimarxistische Linie bezogen und sind zu Verrätern des internationalen Sozialismus herabgesunken". In der SED-Entschließung vom 3. Juli 1948 über die "Lehren" für die SED hieß es bereits: "Ganz besonders zeigen die Fehler der Kommunistischen Partei Jugoslawiens unserer Partei, daß die klare und eindeutige Stellungnahme für die Sowjetunion heute die einzige mögliche Position für jede sozialistische Partei ist, die einen festen Standpunkt im Kampfe gegen die imperialistischen Kriegstreiber einnehmen will. Die wichtigste Lehre der Ereignisse in Jugoslawien besteht für uns deutsche Sozialisten darin, mit aller Kraft daranzugehen, die SED zu einer Partei neuen Typus' zu machen ... Dazu ist es notwendig, einen politisch festen, zielklaren Funktionärskörper in der Partei zu schaffen, die Kritik und Selbstkritik ohne Ansehen der Person zu entfalten und den Kampf gegen alle Feinde der Arbeiterklasse, insbesondere gegen die [Kurt] Schumacher-Agenten, mit rücksichtsloser Härte zu führen."

Noch schärfer wurden die SED-Angriffe gegen den Titoismus 1949. Obwohl der Einfluss von dessen "dritter Weg"-Konzeption erst später Bedeutung erlangte, fürchtete die Ulbricht-Führung ab 1949 die Verbreitung von "titoistischen" Ideen in der DDR. Von Belgrad aus wurden Dokumente und Argumente der KP Jugoslawiens auch in deutscher Sprache verbreitet. Der einzige höhere SED-Funktionär, der im März 1949 aus der SBZ nach Belgrad geflüchtet war, PDF-Icon Wolfgang Leonhard, schrieb gegen das Kominform.

In der Broschüre, "Die Wahrheit über das sozialistische Jugoslawien"[11], hat Leonhard (ein halbes Jahr nach seiner Ankunft dort) seine positiven Eindrücke von Jugoslawien beschrieben. Er berichtete im Sinne der damaligen Politik der KP unter Tito, die "Kominternlüge" über das neue Jugoslawien als "Verleumdungen" zurückzuweisen, aber am Stalinismus keine Kritik zu äußern. In einer zweiten Broschüre[12] widersprach Leonhard anhand zahlreicher Aussagen von Marx und Lenin, selbst von Stalin, dem sowjetischen Anspruch auf Hegemonie im kommunistischen Lager. Die Kommunisten Jugoslawiens träten auf "gegen die Vorherrschaft einer einzigen Partei, die diese Gleichberechtigung durchbricht und Kommando-Methoden in die internationale Arbeiterbewegung einführt. Indem die Kommunisten Jugoslawiens sich für die Gleichberechtigung und für ehrliche, aufrichtige Beziehungen zwischen den kommunistischen Parteien aller Länder einsetzen, verteidigen sie den Marxismus-Leninismus".

Den ideologischen Auseinandersetzungen lag jedoch die reale Situation zugrunde: der stalinistische Anspruch Moskaus nach noch stärkerer Vorherrschaft im Weltkommunismus. Die "titoistischen" Selbstständigkeitsbestrebungen beunruhigten die SED-Führung unter Ulbricht, durch die harte Parteidiktatur und die bestimmende Besatzungsmacht erhielten diese Ideen nie eine Chance, sich zu artikulieren.

Rasch verschärfte sich der Ton Moskaus gegen die jugoslawischen Kontrahenten. Auch die SED folgte dieser Linie sofort. Beim Blick in die Zeitung des Kominform ist zu erkennen, wie schnell die Kritik in hasserfüllte Verurteilung der Tito-Abweichler umschlug. Hieß es in der Dezember-Ausgabe 1948 noch, die "Stalinsche Weisheit" habe den "Nationalismus der Gruppe Titos rechtzeitig" aufgedeckt, so lautete im März 1949 die Schlagzeile bereits: "Die Tito-Clique – der Erzfeind der UdSSR und der Volksdemokratien". Und im September 1949 geiferte das Blatt im Leitartikel, die "bürgerlich-nationalistische Tito-Clique" sei logischerweise "beim Faschismus angelangt". Gehetzt wurde nun gegen diese "frech gewordenen faschistischen Gewalttäter" Titos.[13] Die Resolution der Kominform-Tagung im November 1949 behauptete gar: "Die Kommunistische Partei Jugoslawiens in der Hand von Mördern und Spionen". Angeblich war die "Tito-Clique" vom Nationalismus zum Faschismus übergegangen, deshalb sei in den kommunistischen Parteien "die revolutionäre Wachsamkeit zu erhöhen" und "Agenten", unter "welcher Flagge sie auch segeln mögen, zu entlarven und auszumerzen".[14]

Fußnoten

7.
Vgl. Hermann Weber, Damals, als ich Wunderlich hieß. Die SED-Parteihochschule "Karl Marx" bis 1949, Berlin 2002, S. 187ff.
8.
Vgl. Dokumente der SED, Bd. II, Berlin (O.) 1952, S. 103.
9.
Vgl. dazu Grant M. Adibekov, Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas, Frankfurt a.M. 2002.
10.
Die Lehren aus der Entartung der jugoslawischen Parteiführung, Berlin 1948.
11.
Wolfgang Leonhard, Die Wahrheit über das sozialistische Jugoslawien. Eine Antwort auf die Kominform-Verleumdungen, 2. Aufl., Belgrad 1949.
12.
Wolfgang Leonhard, Kominform und Jugoslawien. Über einige grundsätzliche Fragen des Kominform-Konflikts, Belgrad 1949.
13.
"Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie". Organ des Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien, 1.12.1948, 1.3., 15.6. u. 1.9.1949.
14.
Die Festigung des Friedens und der Kampf gegen die Kriegstreiber. Die kommunistische Partei Jugoslawiens in der Gewalt von Mördern und Spionen, Hg. Sekretariat des PV der KPD, Stade o.J. [Nov. 1949], S. 59, 63.

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