Beleuchteter Reichstag

10.3.2011 | Von:
Ralph Kaschka

Die Neumann-Mittag-Kontroverse

Eine Auseinandersetzung über die DDR-Eisenbahn und deren Infrastruktur in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre

Das wichtigste Transportmittel der DDR, die Eisenbahn, befand sich 1989 in einem katastrophalen Zustand. Welche Gründe gab es dafür? Um darauf eine Antwort zu finden, wird exemplarisch ein Konflikt zwischen zwei exponierten Vertretern der staatlichen Ebene und der SED analysiert.

Einleitung


Ohne Frage erfüllt der Verkehrssektor in modernen Gesellschaften wichtige Aufgaben. [1] Er sorgt für den Austausch von Personen, Gütern und Nachrichten über kürzere oder längere räumliche Distanzen. Sein Angebotskatalog ist in allen Phasen des Produktionszyklus von Gütern sowie für andere Dienstleistungen nachgefragt und erforderlich.[2] Die genannten Merkmale treffen ebenfalls auf die materiellen bzw. technischen Infrastrukturen des Verkehrswesens zu. Infrastrukturen allgemein beanspruchen in der Gesellschaft fast schon einzigartig die Position eines Mittlers. Sie erschließen, verbinden, verknüpfen, vernetzen und integrieren. Besonders technische Infrastrukturen bilden zudem eine bedeutende materielle Grundlage für die Aktivitäten, das Funktionieren und den Erfolg der Volkswirtschaft eines Staates und somit in der Quintessenz für das Funktionieren und die Leistungsfähigkeit eines Staatwesens schlechthin. Jedoch gehören sie nicht einem unmittelbar produzierenden Bereich an, ihre direkte Produktivität ist deshalb schwer messbar.[3]

Personenzug der Deutschen Reichsbahn am Erfurter Hauptbahnhof im Dezember 1984.Personenzug der Deutschen Reichsbahn am Erfurter Hauptbahnhof im Dezember 1984. (© Jürgen Ludwig / Bundesarchiv, Bild 183-1984-1222-016)
Über eine technische Infrastruktur verfügt auch die Eisenbahn. Dabei handelt es sich z.B. um die Gleis- und Sicherungsanlagen, Brücken sowie Gebäude und bauliche Anlagen. In der historiographischen Forschung ist die Entwicklung des ostdeutschen Verkehrs bis 1989 sowie die zugehörige Politik der hegemonialen Staatspartei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED), bislang weitgehend ein Desiderat geblieben. Der vorliegende Beitrag versucht, dem für die ortsfesten Bahnanlagen für die zweite Hälfte der Achtzigerjahre abzuhelfen, indem mit dem Konflikt zwischen Alfred Neumann und Günter Mittag paradigmatisch für die gesamte Zeit der SED-Herrschaft aufgezeigt wird, welche Politik die Parteielite auf diesem Gebiet verfolgte, welche Zwänge daraus für die staatliche Ebene entstanden und wie sich die politischen Intentionen auf den wirtschaftlich-technischen Zustand der Eisenbahninfrastruktur auswirkten. Ferner kann an diesem Beispiel nachgewiesen werden, dass die Partei- und Staatsführung zumindest ab 1986 nicht den von der DDR gern beschworenen und von außen wahrgenommenen spannungsfreien, monolithischen Block verkörperte.[4]


Fußnoten

1.
Vgl. zum Thema insg. Ralph Kaschka, Infrastrukturpolitik der SED und Infrastrukturentwicklung der DDR am Beispiel der Deutschen Reichsbahn 1949–1989, Diss. Dresden/Berlin 2009 (ersch. vorauss. Okt. 2011 bei Campus, Frankfurt a.M.).
2.
Vgl. dazu Christoph Maria Merki, Verkehrsgeschichte und Mobilität, Stuttgart 2008, S. 8f; Hans-Liudger Dienel, Verkehrsgeschichte auf neuen Wegen, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1/2007, S. 19–37, hier 25; Burghard Ciesla, Verkehrspolitik und Infrastrukturentwicklung, in: Clemens Burrichter u.a. (Hg.), Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000. Gesellschaft – Staat – Politik, Berlin 2006, S. 1120–1136, hier 1121.
3.
Vgl. v.a. Dirk van Laak, Infra-Strukturgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 367–393, hier 367–370; aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht zur Infrastruktur grundlegend: Reimut Jochimsen, Theorie der Infrastruktur. Grundlagen der marktwirtschaftlichen Entwicklung, Tübingen 1966, S. 100ff. Dieses Konzept ist auch ohne weiteres auf Planwirtschaften übertragbar: vgl. ebd., S. 4.
4.
Ein anderes, prominentes Exempel hierfür ist der Streit des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission der DDR, Gerhard Schürer, und Günter Mittag, die sog. Schürer/Mittag-Kontroverse, 1988 über den weiteren kurz- und mittelfristigen wirtschaftspolitischen Kurs: vgl. Hans-Hermann Hertle, Vor dem Bankrott der DDR. Dokumente des Politbüros des ZK der SED aus dem Jahr 1988 zum Scheitern der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" (Die Schürer/Mittag-Kontroverse), Berlin 1991.

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