Beleuchteter Reichstag

7.3.2011 | Von:
Dietrich Miller

Zur Wert und Kostentheorie
des realen Sozialismus
und ihrer Praxis in der Wirtschaft der DDR

Andere Auffassungen zum Scheitern der DDR


In zahlreichen Veröffentlichungen und Meinungsäußerungen wird für dieses Scheitern eine Vielzahl einzelner und zugleich miteinander verbundener Ursachen genannt. Diese gehen im Allgemeinen von den nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Teilung bestehenden Strukturproblemen der ostdeutschen Wirtschaft aus, betonen die Schwierigkeiten des Aufbaus der DDR-Wirtschaft, wobei die Kriegszerstörungen, die vorwiegend vom Osten Deutschlands zu tragenden Reparationsleistungen und die hieraus resultierenden Demontagen in Industrie und Infrastruktur hervorgehoben werden.[1] Weiterhin werden außenpolitische Fragen wie die feste Bindung der DDR an das Schicksal des Ostblocks, die in diesem Rahmen getätigten und die Möglichkeiten der Volkswirtschaft überfordernden Rüstungsausgaben sowie der von den westlichen Industriestaaten ausgehende Konkurrenzdruck einschließlich der Embargopolitik, die geografische Lage der DDR an der Nahtstelle zwischen Ost und West und andere Gründe angeführt.[2] Als besonders gravierend für das Scheitern der DDR werden auch die fehlerhafte, anmaßende, vom Unfehlbarkeitsanspruch der Partei geprägte Regierungspolitik, eine fehlende Basisdemokratie, also das Nichtfunktionieren des sogenannten "demokratischen Zentralismus", die übermäßige Betonung des Primats der Politik gegenüber der Ökonomie, das Erstarren der staatlichen Führung in einem administrativen, bürokratischen Schematismus genannt.[3] All das – verbunden mit einer zunehmenden westlichen Orientierung der Bevölkerung – hätte dazu geführt, dass im Laufe der Zeit rund zwei Millionen Menschen die DDR in Richtung Westen verließen (1989 lebten in der DDR rund 16,4 Millionen Menschen, 1950 dagegen noch 18,4). Das wiederum trug zur weiteren Schwächung des Staates bei.

Ludwig von MisesLudwig von Mises (© Ludwig von Mises Institut Europe)
Das sind alles zweifellos wichtige Gründe für die Schwierigkeiten der DDR, ihrer Wirtschaft und ihres Staatswesens. Die letztendliche Ursache ihres Scheiterns aber hängt mit der bewussten Negierung der notwendigen Marktmechanismen zusammen. Die ungenügende und dem allumfassenden Plan unterworfene deformierte Wirksamkeit der Marktmechanismen und damit der Kategorien des Wertes und der Kosten war die entscheidende Ursache dafür, dass es nicht gelang, die angestrebte Intensivierung der volkswirtschaftlichen Prozesse erfolgreich zu bewältigen. Kriegsnachwirkungen, Reparationen zum Beispiel, spielten zur Zeit der sich seit Anfang der 70er-Jahre weltweit vollziehenden Intensivierungsprozesse in der Wirtschaft keine nennenswerte Rolle mehr. Ungenügende Wirksamkeit der Wertkategorien und weitgehende Ausschaltung der Marktmechanismen mittels einer zentralistischen Wirtschaftspolitik, eines im Wesentlichen starren volkswirtschaftlichen Planes ließen dagegen nicht zu, dem Kapitalismus der westlichen Industrieländer äquivalente Triebkräfte hervorzubringen. Das bestätigt die Auffassung von Ökonomen wie Ludwig von Mises ("Die Gemeinwirtschaft"), der Anfang der 1920er-Jahre auf die mangelnde Innovationsfähigkeit einer reinen Planwirtschaft – bedingt durch unzureichende Antriebskräfte – hingewiesen hatte. So kann man – anders ausgedrückt – schlussfolgern, dass der reale Sozialismus letztlich an der inkonsequenten Durchsetzung Marxscher Wert- und Kostentheorie, seiner erklärten ideologischen Basis, verbunden mit in gleicher Richtung laufenden Faktoren zugrunde gegangen ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans Luft, Probleme des gesellschaftlichen Eigentums in der DDR, in: Wirtschaftswissenschaft, 7/1990; Siegfried Wenzel, Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, 4. Aufl., Berlin 2003.
2.
Wilfried Ettl u. a., Grundgedanken einer Wirtschaftsreform – Thesen zur Diskussion, in: Wirtschaftswissenschaft, 2/1990; Rolf Pielow, Zur Entwicklung der Produktionsstruktur in der DDR, in: Wirtschaftswissenschaft, 4/1990; Stephan Wohanka, Von der Systemreform zum Systemwandel. Überlegungen zur Gestaltung einer modernen Volkswirtschaft; Siegfried Wenzel, Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, 4. Aufl., Berlin 2003.
3.
Wilfried Ettl u. a., Grundgedanken einer Wirtschaftsreform – Thesen zur Diskussion, in: Wirtschaftswissenschaft, 2/1990; Rolf Pielow, Zur Entwicklung der Produktionsstruktur in der DDR, in: Wirtschaftswissenschaft, 4/1990; Stephan Wohanka, Von der Systemreform zum Systemwandel. Überlegungen zur Gestaltung einer modernen Volkswirtschaft; Siegfried Wenzel, Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, 4. Aufl., Berlin 2003.

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