Beleuchteter Reichstag

7.3.2011 | Von:
Dietrich Miller

Zur Wert und Kostentheorie
des realen Sozialismus
und ihrer Praxis in der Wirtschaft der DDR

Die Bedeutung der Kategorien des Wertes und der Kosten
für das Scheitern des realen Sozialismus


Karl-Marx-Monument von Lew Kerbel in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) 1988.Karl-Marx-Monument von Lew Kerbel in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) 1988. (© Wolfgang Thieme / Bundesarchiv, Bild 183-1988-0707-004)
Die Ableitung dieser Kategorien durch Marx war die erklärte Basis für die Wert- und Kostentheorie der politischen Ökonomie des realen Sozialismus in der DDR. Zugleich stellte sie das vor schwierige, zum Teil unlösbare Aufgaben. Immer wieder wurden Wert und Kosten bei Marx in ihrer untrennbaren Beziehung zum Markt dargestellt – ein Grundsatz, dem Theorie und Praxis des realen Sozialismus nie entsprachen. Die politökonomische Theorie war zwar bemüht, marxistische Erkenntnisse auf Erscheinungen der Gegenwart anzuwenden, sie hiervon ausgehend zu interpretieren und auch weiterzuentwickeln. Vorrangig aber hatte sie die Politik der DDR-Führung argumentativ zu stützen. Damit wurde sie zwangsläufig von Stalinschem Gedankengut aufgesogen, das heißt – bezogen auf die Kategorien des Wertes und der Kosten – von der These grundsätzlicher Unvereinbarkeit der Gesetzmäßigkeiten der Waren- und damit der Geldwirtschaft mit der sozialistischen Gesellschaft. Ihre Kategorien hätten hier nur Rudiment- bzw. Übergangscharakter und wären in das zentrale Planungssystem einzuordnen. Zugleich sollte das sozialistische Leistungsprinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen" durchgesetzt werden, das auf der Basis des Volkseigentums und der staatlichen Politik als Stimulator wirken sollte. An die Stelle des Marktes trat das Dogma von der planmäßig proportionalen Entwicklung der zentral geleiteten und organisierten Volkswirtschaft. Aus ihm folgte, dass die Marxschen Kategorien Ware, Wert, Geld usw. künstlich vom Markt getrennt wurden. Damit wurden wesentliche Triebkräfte der wirtschaftlichen Entwicklung in Theorie und Praxis negiert. Die Folgen waren Disproportionen in der Volkswirtschaft, Mangelwirtschaft, Nichtfunktionieren des Leistungsprinzips, damit unzureichende Stimulierung zur Leistungserbringung, Unzufriedenheit bei der Bevölkerung usw.

Als Beispiel der Negierung des Marktes sei das Problem des Arbeitsmarktes angeführt. Im Sinne der politökonomischen Theorie des realen Sozialismus waren die arbeitenden Menschen (die "Werktätigen") durch das Volkseigentum an den wichtigen Produktionsmitteln als Mitglieder der Gesellschaft im gesamtgesellschaftlichen Maßstab mit den Produktionsmitteln verbunden. Durch ihre so gegebene Stellung als Produzent und Eigentümer wäre jeder einzelne Werktätige objektiv auch Vertreter gesellschaftlicher (das heißt: Staats-)Interessen, da die Gesellschaft als Ganzes (eben der Staat) Eigentümer und Interessenvertreter des Volkseigentums sei. Der Lohn stelle unter diesen Bedingungen den Anteil der Werktätigen am erarbeiteten Nationaleinkommen dar und müsse entsprechend des Prinzips der Verteilung nach der Leistung den Reproduktionserfordernissen der Arbeitskraft genügen. Aufgrund der Ware-Geld-Beziehungen stelle sich dieser Anteil in der Geldform dar, jedoch bedingt durch das Volkseigentum nicht als Ware.

Daraus ergab sich die These, dass in der Planwirtschaft kein Arbeitsmarkt erforderlich wäre und die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit planmäßig durch die Arbeitskräfteplanung als Bestandteil des Volkswirtschafts- und Betriebsplanes sowie das System der staatlichen und betrieblichen Institutionen der Arbeitskräftelenkung, Berufsberatung, Berufsausbildung und anderer Einrichtungen erfolgen müsse. Praktisch bestand jedoch ein informeller Arbeitsmarkt. Durch den permanent bestehenden Arbeitskräftebedarf war die Abwerbung von qualifizierten Arbeitskräften in andere Wirtschaftseinheiten mit der Aussicht auf höhere Bezahlung, bessere soziale Bedingungen, ein gutes Betriebsklima ein sehr verbreitetes Mittel der Arbeitskräftebeschaffung.

Auch die von der Theorie begründete und von der politischen Führung proklamierte Übereinkunft gesellschaftlicher und privater Interessen und daraus erwachsender Triebkraftwirkung erwies sich als Fiktion. Im Gegenteil wurde durch die bereits zitierten Systemmängel (unzureichende Versorgung, Verstöße gegen das Leistungsprinzip, Schattenwirtschaft usw.) das Volkseigentum dem Einzelnen gegenüber zunehmend anonym. Es machten sich somit Entfremdungstendenzen bemerkbar, wie sie Marx in seinen ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844 formuliert hatte, nämlich Entfremdung vom Produkt der Arbeit, von der Arbeit selbst, sodass die Arbeit nur als Mittel zur Erhaltung der physischen Existenz betrachtet wurde.


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